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Angst vor Ausgrenzung

Centaurus-Chef Andreas Unterkircher erklärt, warum ein Gay Pride Festival mehr ist als nackte Ärsche und exzessives Feiern.

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Bild: Oliver Kainz
Das geplante Festival Gay Pride in Bozen sorgt für hitzige Diskussionen. Während Kritiker von einer unnötigen Provokation sprechen, bietet das Festival für Befürworter eine einmalige Chance Vorurteile abzubauen. BARFUSS trifft Andreas Unterkircher, den Vorsitzenden der Südtiroler homosexuellen Initiative Centaurus, im Bozner Café Liberty. Bei einem Glas Mineralwasser erzählt der 38-Jährige, warum eine Gay Pride einen kulturellen Mehrwert schafft und wieso Schwule in Südtirol immer noch Angst haben sich zu outen.
 
In Bozen findet 2014 voraussichtlich das Festival Gay-Pride statt. Wird die Landeshauptstadt von feierwütigen Homosexuellen überrollt?
Man darf nicht den Fehler machen und das Festival nur auf wilde Partys reduzieren. Sicherlich gehört das Feiern dazu, aber im Rahmen einer Gay Pride finden auch Filmvorträge, Debatten und Ausstellungen statt. So eine Veranstaltung schafft durchaus einen kulturellen Mehrwert. Die Medien zeichnen ein übertiebenes Bild einer Gay Pride, indem sie häufig nur Bilder von Dragqueens oder Männern in Frauenkostümen zeigen. Die meisten Besucher der Parade sind normal gekleidet oder gehen sogar mit ihren Familien dort hin. 
 
Man kann aber auch auf die Provokation setzen. 
Die Provokation ist ein zweischneidiges Schwert. Eine Parade mit Partyexzessen ist eine Provokation und eine Bestätigung der Klischees. Wir wollen aber in erster Linie Vorurteile abbauen. Gleichzeitig hat die Provokation aber auch eine positive Wirkung, weil sie Tabus sprengt. 
 
Bei den Vorbereitungen der Gay Pride gab es Differenzen zwischen Centaurus und der Aidshilfe Pro-Positiv. Was lief schief?
Ich würde die Gay Pride lieber im Jahr 2015 veranstalten, um einfach mehr Zeit beim Organisieren zu haben. Aber wenn Pro-Positiv auf das Jahr 2014 beharrt, werde ich mich nicht querstellen. Es gab eine klärende Aussprache und momentan gründet sich ein neues Organisationskomitee, das sich aus Centaurus- und Pro-Positiv-Mitgliedern zusammensetzt. Das Projekt darf nicht an persönlichen Differenzen scheitern. 
 
Wie viele Festival-Besucher werden nach Bozen strömen?
Wir wollen auch Deutschland und Österreich miteinbeziehen und eine interethnische Gay Pride auf die Beine stellen. Pro-Positiv hat von 250.000 Besuchern gesprochen, ich finde diese Zahl etwas übertrieben. Der Bozner Bürgermeister will nicht mehr als 30.000 Besucher haben. Die genaue Besucherzahl gilt es noch abzuklären.   
 
Themawechsel: Werden Homosexuelle in Südtirol diskriminiert?
Man muss zwischen der rechtlichen und der kulturellen Situation unterscheiden. In kultureller Hinsicht ist die Akzeptanz für die Homosexuellen in der Gesellschaft gestiegen. Rechtlich gesehen sind wir immer noch benachteiligt. In Italien ist die Homoehe anders als in Spanien, Frankreich oder Großbritannien nicht möglich. Auf Südtiroler Ebene ist das Landesgesetz zum geförderten Wohnbau absolut diskriminierend. Während heterosexuelle, unverheiratete Paare eine Wohnbauförderung erhalten, gibt es sie für schwule Paare nicht. 
 
Du forderst also rechtliche Gleichstellung.
Ja, genau. Außerdem wäre ein neues Anti-Homophobie-Gesetz dringend notwendig, um Homosexuelle italienweit stärker zu schützen. Wenn Schwule aufgrund ihrer sexuellen Orientierung gewalttätig angegriffen werden, dann soll das als erschwerender Umstand angeführt und härter bestraft werden. 
 
Begibt man sich mit so einer Haltung nicht in eine permanente Opferrolle?
Irgendwie schon, aber bestimmte gesellschaftliche Gruppen sind stärker in Gefahr als andere und brauchen diesen rechtlichen Schutz. Hier stellt sich die Frage, ob man das Motiv oder nur die Tat bestrafen soll. Ich persönlich glaube, dass das Motiv in der Rechtsprechung eine zentrale Rolle spielen soll. Wenn jemand zusammengeschlagen wird, weil er schwarz oder schwul ist, dann gehört das härter bestraft.
 
Wie viele Homosexuelle gibt es in Südtirol?
Es gibt dazu keine genauen Zahlen, weil sich ja nicht alle outen. Aber man schätzt, dass um die zehn Prozent der Bevölkerung schwul oder lesbisch sind.
 
Haben Südtiroler Schwule und Lesben Angst sich zu outen?
Ja, viele befürchten nach dem Outing nicht mehr von der eigenen Familie akzeptiert zu werden. Homosexualität darf kein Kündigungsgrund sein, trotzdem haben Schwule und Lesben Angst, den Arbeitsplatz oder Kunden zu verlieren. Das Outing ist noch kein selbstverständlicher Vorgang und erfordert viel Courage. 
 
Welche Hilfestellungen leistet Centaurus hier?
Wir bieten Sprechstunden zum Thema Outing an, informieren über sexuell übertragbare Krankheiten und  leisten mit dem Projekt „Ganz normal anders“ Aufklärungsarbeit in den Schulen. Ein wichtiges Tätigkeitsfeld sind auch unsere Telefonberatungsdienste „Infogay“
 
Wer ist dein persönliches Vorbild?
Martin Luther King und Mahatma Gandhi sind meine Vorbilder. Ich finde auch Pussy Riot ganz interessant.
 
Hätte Centaurus sein Ziel erreicht, wenn es in Südtirol ganz normal wäre, eine lesbische Landeshauptfrau oder einen schwulen Landeshauptmann zu haben?
Das wäre nicht genug. Unser Ziel ist erst erreicht, wenn es keine Übergriffe oder Diskriminierungen mehr gibt, und wenn auf dem Schulhof niemand mehr mit „schwuler Seckl" beleidigt wird.

Oliver Kainz

ist im Vinschgau daheim und in der Welt zu Hause. Er findet Politik faszinierend und ist jederzeit für einen „Watter" im Gasthaus bereit.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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bin mir als "normalo" - mit dem Glück einer integren Familie - bewußt, um wievieles schwieriger sich ein Dasein für Mitmenschen mit "anormaler" sexueller Veranlagung ( Lesben, Schwule, Transen) gestalten läßt ** sprecht mir die besagte Unterscheidung nicht ab > sie trifft Kern und Entwicklung jeglicher Evolution ** "anormalos" beim Menschen sind jedoch als Mutation, als Fakt wahrzunehmen und zu respektieren ohne zu diskriminieren ** habe darum nichts gegen entsprechende Vereine, Treffs, Aktivitäten - sofern sie die überwiegend "normale" Gesell- schaft nicht stören ** e r s c h r e c k e n d jedoch empfinde ich die seit Jahren zunehmende Agressivität der Homo-Promoter auf internationaler Ebene > ihre total überzogene Einforderung von weitreichender Akzeptanz, von familienrechtlicher Gleichstellung inklusive Ehe, Kinderwunsch, Erbrechtsfolge > ihre excessive Selbstdarstel-
lung in der Öffentlichkeit mit Gay-Pride als provokatives Ärgernis für alle "normal"empfindenden Menschen > ihre perversen Absichtsprojekte der Unterwanderung des Unterbewußtseins wie "ganz normal anders" in Schulen, Kulturkreisen, in der Politik > ihr obszönes Umwerben und Verniedlichen der angeblich zunehmenden Homoszene im heutigen Ausmaß von etwa 10% der Bevölkerung - was höchst unglaubhaft und noch viel erschreckender wäre ** Fazit und mein persönlicher Rat: die Homo-Promoter sind in ihrer Euphorie längst über alle machbaren Ziele hinausgeschossen > sie haben bereits zuviel erreicht und verunsichert > ihre Wahrnehmung und Akzeptanz haben sie in Europa überstrapaziert > das Outing der Homoszene sollte sich um spezifische Lösungen ihrer eigenen Urproblematik bemühen - ohne die "Normal"gesellschaft weiter zu nötigen - bevor die derzeitige Übertolleranz umschlägt zu breiter Intolleranz..

Die armen, armen Heteros, die sich in einer Opferrolle wähnen, nur weil sie eine Gaypride ertragen müssen. Oh weh, ein greller Farbtupfer im so geliebten Alltagsgrau. Wovor nur fürchtet ihr euch? Warum geniesst ihr nicht einfach die Show und lebt euer Leben und wir leben unseres? Wir nehmen schliesslich auch nicht jeden Playboy- oder Baby-an-Board-Kleber als Provokation der Heterogesellschaft wahr. Wenn es eine Heten-Pride-Parade gäbe, mit Kinderwagen, Rasenmäher, Gartenzwergen, und was sonst noch so euer Ding ist - vielleicht würden wir sogar hingehen und gucken. Könnte ja ganz lustig sein. Ist doch toll, wenn unterschiedlichste Menschen exzessiv und öffentlich ihren Lebensstil zelebrieren. Dann muss man nicht immer um die halbe Welt jetten, um was Exotisches zu erleben. Aber keine Angst, euer "normales" Leben wollen wir nicht, wir Gays haben es viiiieeel schöner.

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