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Interview mit Regisseurin Michaela Senn

Angst essen Seele auf

Eine Frau verliebt sich in einen jüngeren Marokkaner. Wie das Umfeld auf die Beziehung reagiert und was die Südtiroler darüber denken, zeigt Regisseurin Michaela Senn im Dokumentartheater.

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Bild: Georg Hofer

Seit Anfang Dezember tourt eine kleine Theatergruppe mit dem von Organisation für Eine solidarische Welt (oew) produzierten Theaterstück „Angst essen Seele auf“ durch Südtirol. Regie führt die Sterzinger Schauspielerin, Regisseurin, Texterin und Performerin Michaela Senn. Der Filmklassiker von Regisseur Rainer Werner Fassbinder könnte in Zeiten von „Flüchtlingskrisen“ und rechtspopulistischer Gesinnung aktueller nicht sein. 

Michaela Senn

Bild: Barbara Frei

Wie kamst du auf die Idee, Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ zu interpretieren?
Die Idee kam von der oew. Sie wollte mit Fassbinders Klassiker ein Stück produzieren, das einen Blick auf die Gegenwart wirft. „Angst essen Seele auf“ tut genau dies: Obwohl es in den 70er-Jahren entstanden ist, beinhaltet das Stück so viele Klischees, dass sich so gut wie jeder damit identifizieren kann oder zumindest ein Argument aus dem Bekanntenkreis wiedererkennt.

Wovon handelt das Stück?
Es handelt von der Liebe zwischen Emmi, eine Putzfrau, und Ali, einem zwanzig Jahre jüngeren Gastarbeiter aus Marokko. Sie begegnen sich in einem sozialen Umfeld, das nicht nur mit Fremdenhass auf ihre Beziehung reagiert, sondern mit vielen verschiedenen Ängsten. Ihre Geschichte spiegelt unsere Gesellschaft wider. Im originalen Stück geht es um die Gastarbeitergeneration der 70er-Jahre. Auch wenn die Situation heute anders ist, funktionieren die gesellschaftlichen Mechanismen noch immer sehr ähnlich.

Zum Beispiel?
Unsere Gesellschaft war in den letzten Jahren mit mehreren Fluchtbewegungen konfrontiert. Wir haben uns im Stück vor allem die Frage gestellt, wie man mit der Angst und den Unsicherheiten umgeht, die daraus resultieren. Der Wandel, den die Personen im Stück vollziehen, ist spannend. Vor allem an Emmi wird die bittere Ironie der Geschichte ersichtlich. Sie ist die Einheimische, die möglichst offen auf das „Fremde“ zuzugehen versucht. Aber sie ist es auch, die von der Gesellschaft permanent die Rückmeldung erhält, dass sie sich falsch verhält. Ihre Geschichte zeigt, was Hass und Ablehnung mit einem weltoffenen Menschen machen, der selbst vielleicht nicht so viel Halt im Leben hat.

Sind Toleranz und Offenheit also oft nur pragmatische Fassade, solange es einen nicht selbst betrifft?
Unser Team hat sich während der Proben viel damit beschäftigt. Wir haben uns beispielsweise die Frage gestellt: Was wäre, wenn sich unsere Mütter in einen jüngeren Mann, vielleicht aus einem anderen Land, verlieben würden. Wären wir dann wirklich immer noch so tolerant? Emmi hat kaum jemanden an ihrer Seite, und kommt aus der Unterschicht. Trotzdem ist sie ein positiver Mensch, offen gegenüber Neuem. Es ist beängstigend zu sehen, wie schnell so ein Mensch zerstört werden kann und wie viel Arbeit es für den umgekehrten Prozess brauchen würde; also ihn wieder auf die „gute“ Seite zu ziehen. Denn manchmal helfen Argumente einfach nicht mehr. Je länger beispielsweise die Flüchtlingskrise andauert, desto mehr Menschen lassen sich auf die negative Seite ziehen. Das sieht man besonders an den Wahlergebnissen der letzten Jahre. Mit Argumenten und objektiven Zahlen kommt man oft nicht mehr hinterher.

Das heißt Emmi und Ali kämpfen heute umso mehr?
Häufig schon. Allein die Tatsache, dass eine ältere Frau mit einem jüngeren Mann zusammen ist, wird in unserer Gesellschaft immer noch nicht gänzlich akzeptiert. Auch die Beziehung zwischen einer Einheimischen bzw. einem Einheimischen und einer „Ausländerin“ bzw. einem „Ausländer“ sind in den Augen vieler problematisch und bringen Vorurteile ans Licht. Das macht das Stück so aktuell: Auch bei uns ist Liebe oft unerwünscht und „das Glück ist nicht immer lustig“, wie Fassbinder es ausdrückt.

In Krisenzeiten geht das Zwischenmenschliche also oft verloren. Kann ein Stück wie dieses Vorurteile aber auch wieder brechen?
Einzelne Geschichten stoßen oft eher einen Denkvorgang an. Zahlen sind für die meisten Menschen nicht wirklich fassbar. Dabei ist besonders eine Flucht eine Erfahrung, worüber wir uns alle besser hüten sollten zu urteilen, wenn wir sie nicht selbst erlebt haben. Man kann sich zwar empathisch zeigen, aber darüber zu urteilen ist meiner Meinung nach sehr überheblich. Deshalb sind einzelne Geschichten auch die einzige Möglichkeit, ein Gefühl für die Situation zu bekommen. 

Was macht das Stück dann aber zum Dokumentartheater?
Schon vor den ersten Proben hat die oew Interviews mit der Südtiroler Bevölkerung und binationalen Paaren geführt. Unser Ziel war es, jene Themen, die im Stück vorkommen, zu überprüfen und herauszufinden, ob sie in der Gegenwart noch immer bestehen. Außerdem haben wir die speziellen Ängste, Erfahrungen und Sorgen der Südtiroler untersucht, aber auch die Wünsche und Visionen, um sie ins Stück einfließen zu lassen. Die Interviews dienten vor allem Recherchezwecken und lieferten Spielfutter für die Hauptrollen im Stück.

Bild: Georg Hofer

Was ist dir von den Interviews besonders im Gedächtnis geblieben?
Einige haben auf die Frage, wie das Leben in Südtirol sei, mit „unbeschwert“ und „reich“ geantwortet. Auch ich habe das Gefühl, dass Südtirol eines der wohlhabendsten Länder ist, trotzdem habe ich selten Menschen so viel jammern hören. Das finde ich sehr interessant. Es ist anscheinend egal, wo man lebt – ab einem gewissen Grad fühlt man sich trotzdem benachteiligt. Auch sehr spannend ist die Tatsache, dass „das Fremde“, “das Andere“ oft Zuschreibungen erhält, die in erster Linie dazu dienen, sich selbst klar davon abzugrenzen. Also wenn gesagt wird „die Fremden denken nur ans Geld“ oder „die wollen nur ins Bett mit den Frauen“ – alles Zitate aus dem Stück – dann impliziert das, dass „wir“ nicht geldgierig sind, dass „wir“ Frauen nicht nur als Sexobjekt betrachten, sondern tugendhafter, moralischer oder ehrlicher handeln. In der Abgrenzung vom Anderen fühlt sich die „einheimische Bevölkerung“ also in ihrer Identität bestätigt. Vielen Menschen ist ein starkes Nationalgefühl wichtig. Das ist ein Punkt, den ich extrem spannend und zugleich bedenklich finde, weil mir dieses Bedürfnis ziemlich fremd ist.

Das Stück wird auch für Oberschüler in Auer, Brixen, Sterzing, Sand in Taufers und Bruneck gespielt. Welche Botschaft willst du vor allem Jugendlichen vermitteln?
Ich hoffe, dass das Stück rassistisches Denken nicht bestätigt, sondern dazu anregt, dieses zu hinterfragen. Ich möchte die Frage aufwerfen, ob es vielleicht nur Angst ist, die zu Rassismus führt und nicht irgendein rationales Argument: ob Hassdenken vielleicht nur deshalb einsetzt, weil wir uns selbst nicht akzeptiert fühlten.

Am 16. und 17. Dezember wird das Stück im UFO in Bruneck, am 18. Dezember zum letzten Mal im Stadttheater in Sterzing aufgeführt.

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