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Musiker Herbert Pixner

Alles ist Volksmusik

Wie Herbert Pixner über Kreativität, Pop und Politik denkt, und warum er lieber ein Plattenlabel gründete, statt sich einen Porsche zu kaufen.

Herbert Pixner

Herbert Pixner

Bild: Herbert Pixner, Sinnesbichler.de

In einer imaginären Südtiroler Enzyklopädie könnte neben dem Begriff „Bühnensau‘” ein Bild von Herbert Pixner stehen. Sobald er über seine größte Leidenschaft spricht, glaubt man ihm sofort, dass er das mit der Musik schon immer ernst gemeint hat. Das Bild seines Vaters, selber Mitglied der örtlichen Musikkapelle, wie er auf dem Diwan in der heimischen Stube sitzt und Knopfakkordeon spielt, gehört zu den ersten musikalischen Erinnerungen aus der Kindheit. „Meine Mama war auch eine begeisterte Tänzerin, all das hat mich natürlich geprägt“, erzählt Herbert. „Meine Geschwister und ich durften aber selber entscheiden, ob wir ein Instrument spielen lernen wollten. Und mir war klar, dass ich Schlagzeuger werden musste“, fährt er fort.

„Volkstümliches Schlagergedudel mochte ich nie. Das ist mir zu künstlich und anspruchslos.“

Eben diesen Wunsch deponierte der damals 11-Jährige hoffnungsvoll beim Kapellenmeister. „Das ist ganz schlecht“, antwortete er zu Herberts großem Bedauern, „wir brauchen Klarinettisten, also lernst du Klarinette.“ Dass er sich trotz anfänglicher Enttäuschung, jahrelangen Kämpfen mit dem Blasinstrument und Lehrern dennoch rasch und mit Auszeichnungen profilierte, erzählt der Passeirer mit einem breiten Grinsen: „Schlagzeug habe ich dann mit 16 gelernt, und zwar heimlich.“ Die Begeisterung, die er für das Thema an den Tag legt, lässt sogar eine Spekulation zu: Man hätte ihm wohl das abstruseste Instrument der Welt in die Hand drücken können – er hätte es spielen und lieben gelernt. „Ich war immer sehr neugierig auf Neues“, fährt er fort. In seiner Jugend liebte er Bands wie Depeche Mode, Queen und AC/DC, hörte Rock, Metal und Klassik, „nur volkstümliches Schlagergedudel mochte ich nie. Das ist mir zu künstlich und anspruchslos.“

Nix ist in Stein gemeißelt

Ende Juli wird Herbert Pixner mit seinem gleichnamigen Projekt wieder auf Tour durch Südtirol, Österreich, Deutschland und die Schweiz gehen. Einige Etappen sind bereits jetzt ausverkauft, darunter auch ein Konzert, das im September in der Hamburger Elbphilharmonie stattfinden wird. Im Moment stehen noch Studioarbeiten für das aktuelle Album an. Wie Tonträger klingen sollten, hat der Komponist meist schon im Vorfeld im Kopf, „der Feinschliff folgt dann im Laufe der Studioarbeiten“, erzählt er. Das Grundgerüst für das neueste Werk wurde bereits mit den Bandkollegen Manuel Randi an der Gitarre, Heidi Pixner – übrigens Herberts Schwester – mit ihrer Tiroler Volksharfe und Werner Unterlercher am Kontrabass gemeinsam eingespielt. Nun folgen weitere Arrangements mit Soloaufnahmen, Schnitt und Mix, die noch einiges an kreativem Spielraum bieten.

„Wir haben kaum Stücke, die von vorne bis hinten komplett ausgeschrieben sind. Wir lassen uns viel Freiraum, und das hat uns über die Jahre auch motivationstechnisch am Leben erhalten.“

„Für frühere Alben haben wir uns oft nur ein paar Tage Zeit genommen, um alles in einem Guss aufzunehmen“, erklärt der 43-Jährige. Das ging recht schnell, da alle Stücke bereits vor Publikum erprobt waren. Heute will er der Band aber mehr Platz für Ideen einräumen und mehrere Wochen im Studio von Wolfgang Spannberger einplanen. Zum Salzburger Tontechniker hat Herbert großes Vertrauen. Dieser war seit Beginn mit Hubert von Goisern unterwegs und begleitet nun das „Herbert Pixner Projekt“ auch auf Tournee: „Er weiß genau, wie ich ticke, was ich auch in der Livesituation brauche und ist mit allen Wassern gewaschen“, lobt ihn der Passeirer. Tatsächlich wird vom Tontechniker vor allem auf der Bühne einiges abverlangt. Manuel und Herbert wechseln ihre Instrumente nämlich spontan und oft, und improvisieren. „Wir haben kaum Stücke, die von vorne bis hinten komplett ausgeschrieben sind. Wir lassen uns viel Freiraum, und das hat uns über die Jahre auch motivationstechnisch am Leben erhalten“, merkt er an. Denn sobald das wortwörtlich eingespielte Team eine Bühne betritt, fragen sich die Musiker jedes Mal aufs Neue, was sie machen wollen. Was für Kontrollfreaks wie die Hölle auf Erden klingt, ist fürs Pixner Projekt eine erfolgreiche Methode, um Spannung und Freude am Auftreten zu erhalten: „Wir spielen uns gegenseitig Ideen zu und bekitzeln uns zu Höchstleistungen. So entwickeln sich unsere Songs stetig weiter.“

„Da es bei mir gut lief, hieß es irgendwann: Porsche kaufen oder Label gründen. Ich habe mich für Letzteres entschieden.“

Die Studioarbeiten ergänzen ihr Schaffen als punktuelle Momentaufnahme, die Herbert humorvoll mit der Familiengründung vergleicht: „Irgendwann muss man ja das Kind auf die Welt bringen, ihm einen Namen geben, dann kommt halt die Erziehung.“ Er sei eigentlich mehr Bühnensau als Studiomusiker und braucht Publikum und Adrenalin für kreative Höchstleistungen. Einen Ausgleich zu diesen Tätigkeiten findet er in der Arbeit mit seinem eigenen Label „Three Saints Records“ im Innsbrucker Stadtteil Dreiheiligen, wo der Musiker auch mit Frau und zwei Kindern lebt. Ein großzügiger Raum im Unterparterre seiner Wohnung dient als Büro und Kreativschmiede mit Couchlandschaft, genügend Schokoladenvorräten und vielen Regalen mit Platten und CDs. Zusammen mit drei fixen Mitarbeiterinnen und zwei Mitarbeitern kümmert er sich um eigene Veröffentlichungen, sowie um Förderung, Vermittlung und bürokratische Betreuung von Bands wie Opas Diandl, Undertaker‘s Mum, Bayou Side und andere: „Alles gute Typen, die ähnlich ticken wie ich“, sagt Herbert. Der Stil der betreuten Bands entspricht ganz seinem Geschmack. „Da es bei mir gut lief, hieß es irgendwann: Porsche kaufen oder Label gründen. Ich habe mich für Letzteres entschieden“, lacht er. Es sei zwar nicht immer einfach, Musik und Publikum zusammenzuführen, da das Label bewusst eine audiophile Nische bedient, „aber ich mache diese Arbeit sehr gerne, da gibts immer was zu lernen.“

Das “Herbert Pixner Projekt” in Aktion: Heidi Pixner, Manuel Randi, Herbert und Werner Unterlercher

Bild: Herbert Pixner Projekt, Herbert Koffou

Kein Uff-Tata

Um karrieremäßig so weit zu kommen, hat Herbert während seines Musikstudiums in Klagenfurt vieles ausprobiert, spielte in Orchestern und Volksmusikgruppen, war in diversen Jazz-, Rock- und Coverbands. „Eine gute Schule, weil ich dadurch auch merkte, was ich nicht machen will“, erinnert er sich und verweist vor allem auf die volkstümliche Unterhaltungsmusik-Szene, in der er sich mehr und mehr fehl am Platz vorkam. „Irgendwann widerstrebte es mir einfach, vor hunderten betrunkenen Partywütigen zu spielen. Das bin nicht ich. Ich wollte mich mit meiner eigenen Musik ausdrücken und auf der Bühne stehen.“ Er brach das Studium ein Semester vor dem Abschluss ab, arbeitete zeitweise als Musiklehrer, Senner und Rundfunkmoderator und erfüllte sich den Wunsch, von der eigenen Musik zu leben.

„Irgendwann widerstrebte es mir einfach, vor hunderten betrunkenen Partywütigen zu spielen. Das bin nicht ich.” 

Mit dem „Herbert Pixner Projekt“ veröffentlicht er seit 2005 eigene Alben. In seinen Liedern vermischt er Populäres mit Modernem, battled sich mit dem Gitarren-Genie Manuel Randi und entlockt dabei der Steirischen Harmonika sogar Metal-lastige Grooves. „Ich war glaub ich 16, als ich zwei älteren Musikanten mit ihrer Steirischen zusah. Sie spielten einfach für sich, aber mit einer gelebten Überzeugung, einfach weil es ihnen taugt…das hat mich fasziniert, genauso wie das Instrument“, schildert Herbert seine erste ernsthafte Begegnung mit der Ziachorgl. Darum musste er unbedingt auch eine haben. Also verkaufte Papa-Pixner zwei Kühe, borgte dem Sohnemann das Geld für seine eigene Harmonika, die dieser dann als Autodidakt spielen lernte. Heute spielt Herbert damit alle Genres, die ihm in den Kram passen, kündigt sogar Blues-Nummern als Volksmusikstücke an und hat einen eigenen unverkennbaren Stil entwickelt. Er liebt das Kokettieren mit traditionellen Erwartungshaltungen und bricht mit Konventionen – so wie es ein Hubert von Goisern oder LaBrassBanda als Vertreter einer modernen Version von Volksmusik zu tun pflegen. Doch was bedeutet Volkmusik überhaupt? „Das ist meine Lieblingsfrage“, kontert der Musiker mit einem leicht sarkastischen Lacher und sagt, „man könnte sich auch fragen, was NICHT Volksmusik ist.“

„Wir wollen weg von diesem Schunkeltourismus-Image.“

Gut pariert, Herbert. Es grenzt schon leicht an Absurdität, dass dieser Begriff in seiner englischen Übersetzung ‚popular music‘ um einiges cooler daherkommt, obwohl im weitesten Sinne eh dasselbe gemeint ist. Aber der Musiker differenziert. Es käme immer darauf an, womit wir traditionelle Instrumente verbinden: „In unserem Fall denkt jeder in erster Linie an Ziachorgel, Schunkelspaß und Bierzeltgaudi, oder an inszenierte Klischees für zahlende Gäste. Doch wie andere Vertreter aus jüngeren Generationen wollen wir weg von diesem Schunkeltourismus-Image“, stellt Herbert klar. In zweiter Linie erhalte Volksmusik mancherorts noch viel Applaus von zu rechten Seiten. Es sei sogar vorgekommen, dass mehr oder weniger bekannte Politiker Selfies mit Herbert für die eigene Imageaufwertung nutzten. In einem typischen „Projekt“-Publikum sind allerdings alle Gruppierungen vertreten, von Punks, Rastafaris bis hin zu Trachtengruppen und Jazzfans, die in Anzug und Krawatte zum Konzert kommen.

„Ich finde es spannend, Musik für alle zu machen, aber niemals im Rahmen offizieller politischer Veranstaltungen. Diese Anfragen nehmen wir nicht an“, betont Herbert und beweist, dass man Volksmusik auch entpolitisieren kann. „Ich schätze engagierte Leute wie Konstantin Wecker oder Hans Söllner. Meine Musik hat andere Prioritäten. Ich möchte sie nicht für politische Zwecke instrumentalisieren, und schon gar nicht belehrend sein.“ Und trotzdem ist Herbert eher der Typ Brücken- statt Mauernbauer, vor allem in gefühlt turbulenten Zeiten wie heute. Es gibt viele Dinge, die ihn wirklich aufregen. Geld regiert, Fanatismus ist gefährlich, Empathie kommt unter die Räder: „Ich habe schon Zweifel, wie lange man da einfach zuschauen soll“, stellt er fest. Aber vielleicht ist Musik auch dann politisch, wenn man sich dank ihr aufs Schöne konzentrieren kann.

Das Herbert Pixner Projekt live am Flecknersee/ Jaufenpass

Bild: Benjamin Pfitscher
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