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Unterwegs auf dem Jump Out in Eppan

Alles auf Grün

Das Jump Out Festival in Eppan denkt voraus. Hier sind Musik und Pommes hausgemacht, die Limonade bio und der Müll wird getrennt.

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Bild: Lisa Maria Kager

„Wir rechnen immer auf Null und wollen nicht riesig werden“, meint Simon Rainer. „Und das ist bestimmt unser Erfolgsrezept“, ergänzt David Klotz. Die beiden jungen Eppaner sind Gründungsmitglieder des Jump Out Festivals und lassen sich an einem Tag wie diesem gerne für zehn Minuten in die weichen Sessel der Chill Out Zone sinken. Immerhin arbeiten sie bereits seit Oktober vergangenen Jahres an der Organisation des kleinen Festivals im Dorfzentrum von St. Michael. Bands organisieren, die Grafik gestalten, Einkaufslisten schreiben, Bon-Systeme austüfteln und freiwillige Helfer akquirieren, das alles liegt bereits hinter den beiden und ihrem Team. Heute gilt es nur noch, den Überblick zu bewahren.

Der Himmel ist klar, aus den Boxen klingt gemütliche Reggaemusik und der ganze Festivalplatz ist eingehüllt vom köstlichen Duft nach frischem Essen. „Mittlerweile ist es acht Jahre her, dass wir das Jump Out gegründet haben“, erzählt David. Ein Komitee aus sieben Leuten war es damals, das der 15.000-Seelen-Gemeinde mit dem Festival etwas mehr Jugendkultur einhauchen wollte. Das Jump Out war von Anfang an ein voller Erfolg. Ein gemütliches Ambiente unter großen Bäumen lockt jedes Jahr nicht nur festivalwütige Junge auf den Platz, sondern auch die älteren Generationen und unzählige junge Familien mit ihren Kindern. In verschiedenen Spielzonen haben diese die Möglichkeit, auf Zirkusgeräten zu turnen oder Turnbeutel selbst zu bemalen. „Jede Zone wird von einem von uns betreut“, erklärt David.

In der „Color Zone” wird fleißig gemalt

Lisa Maria Kager

Im Zentrum stand von Anfang an die Musikkultur. Das Line-Up besteht meist ausschließlich aus Südtiroler Bands. Vor allem junge und unbekannte Musiker sollen die Gelegenheit bekommen, ihre Bühnenerfahrung auf dem Jump Out zu bereichern. Von Rock über Indie und Punk bis hin zu Reggae und DUB findet hier jeder eine Band, zu der er gerne die Tanzfläche stürmt. Mit jedem Wechsel auf der Bühne wechselt daher auch das Publikum.
Um die Zeit zwischen den verschiedenen Musikern zu überbrücken, haben die Veranstalter in diesem Jahr eine kleine Bühne direkt zwischen die Essenstische gebaut. Dort mixt ein DJ mit weißer Bandana seine Musik live aus Mischpult und Gitarre. In der nächsten Pause tanzt sich hingegen eine bunt gekleidete Bauchtanzgruppe aus Meran durch die Besucher.

Bunte Bauchtänzerinnen

Bild: Lisa Maria Kager

„Heuer liegt der Fokus auf Green “, sagt Simon schließlich. Als Anwärter für das „Green Event“ muss eine Veranstaltung nach Kriterien der Nachhaltigkeit geplant, organisiert und umgesetzt werden. Ressourceneffizienz, Abfallmanagement, regionale Wertschöpfung und soziale Verantwortung stehen dabei im Zentrum. Am Ende wird ein Bericht mit Fotos an das Umweltamt nach Bozen geschickt. Wenn alles gut geht, darf das Jump Out im nächsten Jahr das Label „Green Event“ offiziell tragen. „Wir erfüllen in diesem Jahr bereits 75 Prozent aller Auflagen“, erklärt David stolz.
So stehen auf dem Festplatz in St. Michael heute keine hässlichen, grünen Plastik-Mülltonnen, sondern selbstgebaute hölzerne Müll-Inseln, in denen der Abfall sorgfältig getrennt werden kann. 10 der 55 freiwilligen Helfer und Helferinnen sind dafür zuständig dieses Prozedere zu überwachen. „So ganz haben es die Leute noch nicht verstanden“, meint Nadja Stuefer, die hinter den Kulissen gerade dabei hilft, den vermischten Müll zu sortieren. Dabei sei Mülltrennung doch das normalste der Welt.

Fleißige Helferinnen

Bild: Lisa Maria Kager
Holzbesteck, Papiertüten und Pappteller ersetzen auf dem Jump Out das übliche Plastikbesteck und werden am Ende recyclet. Das Essen, das darauf serviert wird, ist aus regionalen, saisonalen und biologischen Lebensmitteln hergestellt. In einer der Fritteusen brutzeln bereits hausgemachte Spiralpommes und zwei Tische weiter pakistanisches Pakora. Bilal und seine Freunde sind alte Bekannte, die vor einiger Zeit in der Flüchtlingsunterkunft der Mercanti-Kaserne untergebracht waren. Heute kochen sie eine pakistanische Spezialität aus frittiertem Spinat, Kartoffeln und Zwiebeln. „La ricetta è di mia mamma “, meint Bilal und wirft ein kleines Häufchen vom Gemüse-Gemisch in das heiße Fett. Der würzige Geschmack nach Kreuzkümmel zeugt davon, dass die Jungs in Pakistan an der Grenze zu Indien gelebt haben. Ergänzt wird das Ganze mit eingelegtem Gemüse und einer scharfen Joghurtsauce.
Nachhaltiges Denken zieht sich jedoch nicht nur durch den Essens- und Müllbereich, sondern reicht bis zu den verschiedenen Ständen. Hier wird in diesem Jahr ausschließlich Handgemachtes und Geupcycletes verkauft.

Bilal (rechts) und ein Freund

Bild: Lisa Maria Kager

An der „Cash Zone “ tummeln sich am frühen Nachmittag bereits die ersten Festivalbesucher. Ginger Beer ohne künstliche Zusätze, Bio-Limonade und Wasser sind hier günstiger als alle alkoholischen Getränke. Zum hemmungslosen Trinken wird an dieser Bar niemand animiert. Und für den Fall hat das Forum Prävention etwas daneben bereits seinen Info-Stand aufgebaut. Die Einnahmen aller Getränke und Speisen zusammen mit dem Beitrag einiger Sponsoren machen das Festival Jahr für Jahr möglich. „Wir versuchen, uns immer weiterzuentwickeln und nicht stehen zu bleiben. Und irgendwie schaffen wir es, jedes Jahr etwas professioneller zu werden“, meint David Klotz und grinst stolz.

Anonym?

Bild: Lisa Maria Kager

Auf der Bühne hat sich inzwischen die Alternative Rock Band „Lost Zone“ aufgebaut. Die drei jungen Meraner performen das Cover des Linkin Park Songs „In The End“, das auf YouTube bereits 360.000 Klicks (Stand: 12. Juni 2018) erreicht hat. Die ersten Tanzwütigen schütteln wild ihre Haare vor der Bühne und werden zu idealen Motiven für die Fotografen. Wer auf dem Jump Out nicht fotografiert werden will, kann sich Zensur-Balken aus schwarzem Karton abholen und diese für die eigene Privacy nutzen. Über tausend Besucher schwirren auf dem Festivalplatz und in den gemütlichen Nischen des Gartens auf dem Jump Out jedes Jahr bis nach Mitternacht herum. „Eine perfekte Größe“, meinen Simon und David. Das Festivalsterben, das Südtirol scheinbar eingeholt hat, erklären sich die beiden durch den Größenwahnsinn mancher Organisatoren – auch wenn es viele Beispiele für Festivals gibt, die schon lange bestehen. Hier in Eppan will man vorerst das zehnjährige Jubiläum erreichen. Frei nach dem Motto: klein, fein und mit Weitblick.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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