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Adamas Atelier

Adama Keita verschlug die Liebe nach Innichen. In den Werken des leidenschaftlichen Künstlers aus Mali steht immer der Mensch im Mittelpunkt.

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Bild: Georg Hofer

Vom Parkplatz vor dem großen Gebäude mit Geschäften und einer Bar führt der Weg um die Ecke, eine Tafel weist die Richtung. Den kleinen Vorgarten entlang zieht sich eine Mauer hin zum Eingang: Bunt leuchten bemalte, viereckige Steine von der Böschung. Adama Keita biegt gemeinsam mit seinem Freund Moussa um die Hausecke in Niederdorf, streckt seine Hand aus und bittet in sein Atelier.

Erst vor ein paar Wochen ist der Künstler von einem Besuch in seinem Heimatland Mali zurückgekehrt. Die Situation dort ist schwierig. „Jetzt ist schon 30 Kilometer vor Bamako Schluss. Weiter kann man nicht mehr fahren“, sagt Adama. Noch vor wenigen Jahren konnte er sich problemlos im Land bewegen. Derzeit formieren sich ständig neue bewaffnete Gruppen, die Angst und Schrecken verbreiten. „Es wird immer schlimmer“, sagt er. Sein Blick schweift nachdenklich durchs Zimmer, bis er an seinem Freund Moussa hängen bleibt. Moussa kommt aus der Elfenbeinküste und lebt seit wenigen Wochen gemeinsam mit 39 anderen Flüchtlingen in Innichen. Heute schaut er Adama bei der Arbeit über die Schulter. „Hier in der Gegend ist nicht viel los, die Menschen sind sehr beschäftigt“, sagt Adama. Es gebe nicht viele Möglichkeiten einander kennenzulernen. Bei seinem ersten Besuch im Pustertal fiel ihm vor allem eines auf: Er begegnete nur wenigen Menschen auf der Straße. Alles erschien ihm verlassen und klein in dieser mächtigen Landschaft. Die Kraft des Wassers, die reine Luft und die imposanten Berge faszinieren ihn bis heute. Er ist gerne in der Natur unterwegs, am liebsten allein, „oder mit jemandem, der wenig spricht“, meint er und lacht verschmitzt.

Adama und Moussa im Atelier in Niederdorf.

Bild: Georg Hofer

Die Liebe verschlug den Künstler nach Südtirol: 2005 lernte er in seiner Geburtsstadt Bamako die Innichnerin Michaela kennen. Anfangs lebten die beiden abwechselnd in Mali und in Südtirol. Seit der Geburt ihrer Tochter im Jahr 2011 und auch wegen der mittlerweile unsicheren politischen Situation in Mali wohnen und arbeiten sie nun das ganze Jahr über in Innichen. In Bamako konnte sich Adama intensiver seinem Handwerk widmen und nahm regelmäßig an Kultur-Austauschprogrammen und Workshops teil. Er lernte Künstler aus aller Welt kennen und stellte seine Bogolan-Kunst in Marseille, Le Havre und Paris aus. Die traditionelle Web- und Färbetechnik Bogolan hat Adama als Kind von seinem Onkel erlernt. Durch wiederholtes Auftragen von Schlamm und Pflanzensäften werden dabei kunstvolle Muster auf gewebte Baumwollstoffe übertragen. Der Herstellungsprozess ist zeitaufwändig und komplex und macht die Stoffe zu einem international anerkannten und begehrten Produkt. „Die Symbole auf den Stoffen haben alle eine bestimmte Bedeutung“, sagt Adama und zeigt auf ein großes Tuch, das an einem Schrank in seinem Atelier hängt. In Mali glauben die Menschen an die Harmonie der sieben Elemente Wasser, Feuer, Erde, Himmel, Luft, Pflanzen und Tiere. „Wir alle sollen möglichst in Harmonie miteinander leben“, erklärt der Kunstschaffende.

„Du bist, was du bist. Wenn du einmal weißt, was du machen willst, kannst du nichts anderes mehr tun.“

Auch in Südtirol wollte er seiner Leidenschaft nachgehen. Denn sicher ist für den 38-Jährigen vor allem eines: „Du bist, was du bist. Wenn du einmal weißt, was du machen willst, kannst du nichts anderes mehr tun.“ Also versuchte er es mit Bogolan: Er verkaufte seine Arbeiten als Kleider- oder Dekorstoffe und veranstaltete Workshops. Die klimatischen Bedingungen im Pustertal sind für Bogolan nicht optimal: „Ich benötige dazu ganz bestimmte Pflanzen und Erden, viel warmen Wind und Sonne, damit die Tücher schnell trocknen“, sagt er. Vom letzten Besuch in Mali hat er zwar wieder viele Materialien mitgebracht, aber mittlerweile konzentriert er sich mehr auf die abstrakte Kunst, auf Acrylmalerei und Skulpturen: Verschiedenste Alteisen-Teile türmen sich in einer Ecke des Ateliers, ein Schweißgerät steht bereit. Südtiroler Holz hat es ihm angetan. Er will seine Eigenschaften besser kennenlernen und widmet sich seit kurzem auch der Bildhauerei. Wann immer er kann, zieht er sich in seine Künstlerwerkstatt zurück. Vormittags verkauft er Gemüse in einem Lebensmittelgeschäft. Der Rest der Freizeit gehört seiner Frau und der sechsjährigen Tochter Naba, die nach seiner Großmutter benannt ist.

Lieber als über sich spricht Adama aber über die Motive seiner Werke: „Bei meiner Kunst steht immer die Menschheit im Mittelpunkt.“ Was macht das Menschsein aus? Was bewegen, was zerstören, was erschaffen wir? Fragen wie diese beschäftigen den Künstler ganz besonders. Als 2012 der Konflikt in Mali eskalierte, war er schockiert: „Ich hätte nie gedacht, dass derlei Auseinandersetzungen in Mali möglich sein würden“, sagt er leise. Mali ist nicht reich an Bodenschätzen, schon immer waren die Kunst und die Kultur eines der höchsten Güter der Menschen dort. Den Schmerz und die Sorge um die Heimat kann man aus einigen seiner Bilder herauslesen. Er deutet auf ein Bild an der Wand hinter ihm. Es heißt „Wüstenstaub“. Ein anderes zeigt die schwangere Mutter Erde, aus deren Bauch Abfälle quellen.

Der Künstler vor seinem Atelier.

Bild: Georg Hofer

Dann setzt sich Adama auf das Sofa im hintersten Winkel des Ateliers und schenkt Tee ein. Neben ihm schält Moussa Erdnüsse. Als vor kurzem die Flüchtlinge ins Haus in Innichen eingezogen sind, haben die Anrainer*innen sie mit Kuchen und einem kleinen Umtrunk begrüßt. Adama erinnert sich an seine erste Zeit im Dorf. Damals stieß er vor allem auf Neugier und Interesse: „Viele Menschen hier hatten nie die Möglichkeit, weit zu reisen und andere Länder kennenzulernen.“ Deshalb seien einige verunsichert und hätten Angst. Die meisten aber seien sehr offen und wollen in Kontakt treten. Dazu braucht es offene Räume und Orte der Begegnung, weiß Adama. Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen vom Künstlerverein MIR möchte er ein paar kleinere Projekte mit den Bewohner*innen der Flüchtlingsunterkunft realisieren.

Aktuell sind einige Werke von Adama in einem Hotel in Sexten ausgestellt. Ein Gast aus Deutschland hat erst vor wenigen Tagen ein großes Acrylgemälde gekauft. „Ich habe noch viel vor, und ich möchte auch andere Künstler zum Arbeiten und Ausstellen in mein Atelier einladen!“, sagt er entschlossen und breitet seine Arme aus. Platz gibt es genug, für die richtige Beleuchtung hat er bereits gesorgt. Dann tritt er zur Tür hinaus in den kleinen Garten, setzt sich für ein letztes Foto auf einen der bunten Mauersteine und rückt ein Schild etwas näher ins Bild: „Offen-Aperto“, steht drauf.

von Lisa Frei

Der Text erschien erstmals in der 27. Ausgabe von „zebra.”, Mai 2017.

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