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Umweltaktivismus

„Wir projizieren nur die Wirklichkeit“

Mit einem Flashmob in Bozen erinnert „Extinction Rebellion“ an Klimakrise und Gleichberechtigung. Ein Aktivist der Umweltgruppe spricht über deren umstrittene Aktionen.

Flashmob Extinction Rebellion

Bild: Angelika Aichner

Es ist leise am Waltherplatz, still. Niemand spricht, nicht die uniformierten Beamten, nicht die wenigen Schaulustigen, die sich trotz der Ausgangssperre postiert haben. Nur ein junger Mann, gänzlich in schwarz gekleidet, raunt in sein Megaphon: „So still wird es auf der Erde sein, wenn sich jetzt nichts ändert!“ Auf den kalten Pflastersteinen hocken einige Aktivistinnen, die Hexen mimen, etliche im Slip und mit Kunstblut aufgemalten Flecken am ganzen Körper, das Leid der Frauen versinnbildlichend. Manche sind mit erdölschwarzen Malen übersät und verkörpern den Genozid an indigenen Frauen. Unvermittelt dröhnt ein Gong und sie fallen allesamt zu Boden, bleiben reglos liegen, stellen sich tot: Ein Die-In, um auf die existenzielle Bedrohung durch den Klimawandel hinzuweisen.

Den Flashmob organisierte die Umweltbewegung „Extinction Rebellion South Tyrol“ gemeinsam mit dem Brunecker Tanzensemble „Shabba Crew“ – am Weltfrauentag. Das Motto: „Burning Inside“. Und so verwandelt sich während der Performance das Feuer des Scheiterhaufens zu einer inneren Flamme, „die ausreicht, um für eine Zukunft zu kämpfen, die auf Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit gegründet ist“, tönt es aus dem Megaphon. BARFUSS hat mit einem der Mitorganisatoren, der anonym bleiben möchte, über zivilen Ungehorsam als Mittel zu Veränderung gesprochen.

Was haben Klimawandel und Weltfrauentag gemeinsam?
Der Klimawandel ist, und das haben Studien eindeutig bewiesen, nicht geschlechterneutral. Vor allem im globalen Süden kommt es zu Dürre und damit einhergehend Nahrungsknappheit. Häufig sind es die Männer, die migrieren, während die Frauen, den extremen Wetterverhältnissen ausgesetzt, zurückbleiben. Wenig überraschend ist auch, dass kulturelle Normen diesbezüglich eine Rolle spielen.

Der Zusammenhang zwischen Gender und Umwelt wird spätestens seit der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro Anfang der Neunziger Jahre debattiert. Durch den Tsunami in Südostasien im Jahr 2004 starben etwa vier Mal so viele Frauen wie Männer. Die traditionellen Gewänder behinderten ihre Flucht, viele konnten auch nicht schwimmen. Außerdem hielten sich etliche von ihnen zu Hause auf und konnten erst spät alarmiert werden. Nach dem Erdbeben in Haiti im Jahr 2010 waren viele der Notunterkünfte überfüllt, es fehlte an sanitären Einrichtungen und hinreichender Beleuchtung - Frauen wurden infolgedessen Opfer nächtlicher Angriffe.

Flahmob in Bozen: Mit Performances will die Umweltbewegung aufrütteln.

Bild: Angelika Aichner

Ein Flashmob lebt von seinem Publikum - weshalb wollt ihr die Performance gerade jetzt, während des Lockdowns, aufführen?
Die Pandemie ist verheerend, keine Frage, aber der Klimawandel ist es auch. Unsere beiden Anliegen, der Umweltschutz und die Gleichberechtigung der Frauen, können nicht unabhängig voneinander gedacht werden. Gerade am internationalen Frauentag bot es sich also an, den Flashmob zu realisieren.

Woher rührt dein Engagement für den Umweltschutz?
Während meines Physikstudiums in den Nullerjahren hörte ich mir einige Vorträge von Klimaforschern an - seitdem hat sich an den Tatsachen rein gar nichts geändert. Mit der Zeit wurde ich, salopp ausgedrückt, radikalisiert, weil unsere Zivilisation, wenn das schlimmste Szenario eintreten sollte, nicht weiter wird existieren können, geschweige denn die Pflanzen- und Tierwelt. Aktiv zu werden, ist das beste Heilmittel gegen die Ohnmacht, gegen Frustration und Zynismus, auch wenn es manchmal aufreibend ist. Zu sehen, dass ich Menschen mit meinem Aktionismus mitreißen kann, ist als Lohn genug.

Im Juni 2019 ketten sich Aktivisten von Extinction Rebellion mit Fahrradschlössern um den Hals an den Zaun des Kanzleramtes in Berlin. Im Oktober desselben Jahres besetzen hunderte Demonstranten ein Einkaufszentrum in Paris. Im Juni des vergangenen Jahres färbten sie die Spree grün ein, um gegen die Wasserverschmutzung aufgrund des Kohleabbaus zu protestieren.

Bild: Angelika Aichner
Extinction Rebellion arbeitet häufig mit sehr emotionalen Bildern - ist das der richtige Weg, um einen sachlichen Diskurs zu führen?
Als Physiker beschäftige ich mich vornehmlich mit Argumenten und bilde mir daraus resultierend meine Urteile. Aber die Menschen sind bekanntlich verschieden und viele lassen sich von ihren Emotionen leiten. Außerdem müssen wir medial präsent sein, um die größtmögliche Reichweite zu erzielen, und dafür eignen sich ganz besonders emotional geladene Aktionen. Wir projizieren aber bloß die Wirklichkeit, wir erfinden uns diese ja nicht neu. Bestimmt sind manche Aktionen erschütternd, aber, ganz ehrlich, wenn ich Bilder von extremer Dürre, von Klimaflüchtlingen sehe, erschüttert es mich genauso. Ganz bestimmt schrecken wir manche Menschen mit unseren Aktionen auch ab, aber es wäre ohnehin naiv zu glauben, man könne mit einer Strategie alle erreichen.
 

Was will Extinction Rebellion erreichen?
Extinction Rebellion fußt auf drei grundsätzlichen Forderungen: Sagt die Wahrheit! Handelt jetzt! Politik neu leben! Wir zeigen aber nicht ausschließlich dramatische Bilder. Wie die US-amerikanische Friedensaktivistin Emma Goldman sagte: „Wenn ich nicht tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“

Extinction Rebellion nutzt den zivilen Ungehorsam als Form der politischen Partizipation. Findest du den Verstoß gegen Rechtsnormen vertretbar, um gegen den Klimawandel anzukämpfen?
Ganz klar, ja! Ziviler Ungehorsam war immer schon das fundamentale Element einer Bewegung, um etwas zu verändern. Dabei mag man nur an Martin Luther King oder Mahatma Gandhi denken. Wir wollen bloß nicht unsichtbar sein, wir wollen anecken, auch stören. Extinction Rebellion ist klar gegen jede Form von Gewalt, aber zivilen Ungehorsam auszuüben, Gesetze zu brechen, um eine positive Veränderung zu bewirken, finde ich vollkommen legitim.

Ehemalige Aktivisten bemängelten, dass Extinction Rebellion intern keine Kritik zulassen würde.
Diesen Vorwurf kann ich tatsächlich nicht so ganz nachvollziehen. Sicher, es gibt interne Strukturen, die für manche schwer begreiflich sein mögen. Extinction Rebellion ist keine reine Basisdemokratie; es gibt eine Hierarchie, die jedoch sehr flach ist. Basisdemokratien können ja bekanntlich sehr langsam sein - unsere Initiative wollte das vermeiden. Wir müssen agil sein, müssen schnelle Entscheidungen treffen, gerade weil die Klimakrise auch akut ist. Persönlich hatte ich auf lokaler Ebene nie den Eindruck, dass ich mich mit meiner Meinung zurückhalten müsste, ganz im Gegenteil finde ich, dass Extinction Rebellion sehr transparent und offen für konstruktive Kritik ist.

Der britische Umweltaktivist Roger Hallam, Mitbegründer von Extinction Rebellion, sagte in einem Interview mit der „Zeit“, dass der Holocaust für ihn „nur ein weiterer Scheiß in der Menschheitsgeschichte“ sei. Außerdem erwähnte er, dass „auch jemand, der ein bisschen sexistisch oder rassistisch denkt“ bei der Bewegung mitmachen könne, solange der Umweltschutz das oberste Ziel bleibe.
Ein absolutes No-Go für mich und auch für alle, die sich in unserer Initiative engagieren. Wir sind dezidiert gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Sexismus. Innerhalb der Bewegung wurde massiv Kritik an seinen Äußerungen geübt, für die er sich letztlich auch entschuldigt hat. Er mag Mitbegründer von Extinction Rebellion sein, doch das heißt nicht, dass er für uns alle spricht.

Bild: Angelika Aichner
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