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Interview mit dem Integrationsexperten

„Wir brauchen Vorurteile!“

Abdelouahed El Abchi bewegt sich zwischen den Kulturen. Der Mediator aus Bozen über gewalttätige Ausländer und warum Watten die Probleme des Zusammenlebens lösen kann.

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Bild: Verena Walther

Abdeluahed El Abchi ist in Marokko geboren. Im Jahr 2000 kam er nach Südtirol, machte eine Ausbildung zum interkulturellen Mediator und lebte einige Zeit in Deutschland. Er arbeitet seit 2003 beim VKE, bei der oew (Organisation für eine solidarische Welt), in Schulen, Jugendzentren und anderen Institutionen. Außerdem organisiert er einen jährlichen Schüleraustausch zwischen Südtirol und Marokko.

Abdel, so wird er in Südtirol genannt, sei oben im zweiten Stock, sagt man mir beim Eingang des VKE-Spielhauses im Bozner Mignone-Park. Das ganze Haus ist voller Kinder und Jugendlicher beim Spielen, Herumrennen, Reden und Hausaufgaben machen. Abdel bittet mich in sein kleines Büro. Bald bin ich erstaunt über sein gutes Deutsch – sowohl Fachbegriffe als auch der Südtiroler Dialekt sind ihm nicht fremd – und über die große Ruhe, die er ausstrahlt. 

Du hast in Rabat Wirtschaftswissenschaften studiert. Warum bist du nach Südtirol gekommen?
Durch reinen Zufall. Eigentlich wollte ich nach Deutschland, doch während eines kurzen Aufenthalts bei einem Bekannten in Trient habe ich erfahren, dass Südtirol ein zweisprachiges Land ist. Das faszinierte mich, da man in Marokko ja auch zwei Sprachen (Französisch und Arabisch) spricht und ich wollte beide Kulturkreise kennenlernen. 

Wo hast du Deutsch gelernt? War das schwierig für dich?
Ich habe in Marokko einen Sprachkurs gemacht, aber richtig gelernt habe ich die Sprache erst hier in Südtirol. Wenn du in einem deutschen Umfeld lebst, bist du irgendwann gezwungen, Deutsch zu lernen. Wenn man eine Sprache wirklich lernen will, dann kann man das auch. 

Worauf kommt es bei der Integration von ausländischen Jugendlichen an?
Sprache, Sprache, Sprache. Wenn man die Sprache beherrscht, kann man sich ein soziales Netz aufbauen, man fühlt sich wohler und kann folglich noch besser lernen. Doch es braucht vor allem Zeit. Wenn ich eine Blume gieße, braucht es auch eine gewisse Zeit, bis das Wasser eingesogen ist. So verhält es sich auch mit Sprache und Kultur: Es ist eine Sache zu verstehen, was die Wörter bedeuten, und noch mal etwas ganz anderes, die Sprache auch zu verinnerlichen. Ebenso wichtig sind Orte, an denen man sich treffen kann, um solche sozialen Netze aufzubauen, zum Beispiel Jugendzentren. 

Was sagst du zu Südtirol und den Südtirolern?
Nun, dieses Land ist von Bergen umgeben, frischen Wind gibt es eher selten – vergleichbar damit sind die Südtiroler. Doch es gibt auch sehr offene Leute hier, wenn man die Geduld aufbringt, sie zu suchen.

Gibt es Unterschiede zwischen der deutschen und italienischen Sprachgruppe in Bezug auf Integration?
Ich denke, in deutschen Jugendzentren muss man schon eine gewisse Kenntnis von Sprache und Kultur mitbringen, in italienischen Einrichtungen kommt es öfter vor, dass man auch ohne Vorkenntnis schnell integriert wird. Dies verhält sich aber nicht nur zwischen Ausländern und Deutschen oder Italienern so, sondern auch zwischen Deutschen und Italienern selbst! Wie viele italienische Jugendliche können nicht richtig Deutsch und umgekehrt? Auch die Einheimischen müssten sich ab und zu sozusagen „bei sich selbst integrieren“.

Du schreibst in deinem Buch „Zwei Kulturen ins Spiel bringen“, dass Menschen am leichtesten beim Watten oder Mau Mau in Kontakt kommen. Passiert es tatsächlich, dass Ausländer watten oder Südtiroler Runda spielen oder ist das nur Wunschdenken? 
Ja, das ist durchaus vorgekommen. Diese typischen Spiele basieren ja auf genau demselben Prinzip, nur die Karten sind eben andere. Und beim Spielen passiert etwas ganz Spannendes: Die beteiligten Personen sind plötzlich nicht mehr Ausländer oder Einheimische, Angehörige dieser oder jener Religion, sondern einfach nur Mitspieler. Das Spiel fungiert als Mediator und man hört auf, in Schubladen zu denken: Nicht mehr „die Marokkaner“ oder „die Albaner“, sondern „dieser Marokkaner, dieser  Albaner“. Man konzentriert sich auf die Person und ihre Eigenschaften, nicht die Volksgruppe.

Es gibt Einheimische, die sich grundsätzlich bedroht und Migranten, die sich von vornherein abgelehnt fühlen – beides eine Form von Resignation und Rückzug in die Opferrolle.

Was kann jeder  von uns tun, um Integration zu fördern?
Als erstes müssen wir lernen, Unterschiede zu akzeptieren. Nehmen wir an, zwei Familien leben nebeneinander. Die einen trinken zum Frühstück Kaffee, die anderen Tee. Es wäre falsch zu versuchen,  beide dazu zu bringen, nur Tee oder nur Kaffee zu trinken, denn wahrscheinlich essen beide zu Mittag Pizza! Zu versuchen, die eine Kultur der anderen anzugleichen, wird nie funktionieren. Wäre ja auch langweilig! 
Außerdem müssen wir beide aus der Opferrolle heraus! Es gibt Einheimische, die sich grundsätzlich bedroht und Migranten, die sich von vornherein abgelehnt fühlen – beides eine Form von Resignation und Rückzug in die Opferrolle.

Wir sollen also unsere Vorurteile ablegen ...
Nein! Vorurteile brauchen wir sogar, um einander begegnen zu können. Wenn ich keine Vorurteile habe, habe ich auch keine Meinung und mir ist einfach alles gleichgültig. Genauso brauchen wir Angst, dieses Gefühl schützt uns und unsere Identität nämlich. Wichtig ist nur, dass wir bereit sind, unsere Urteile gegebenenfalls auch zu verändern, dass wir offen sind für einen Prozess des Kennenlernens.

Seit der Schlägerei auf dem Sandplätz in Meran werden wieder vermehrt Stimmen laut, es gebe immer mehr kriminelle ausländische Jugendliche. Ist die Situation tatsächlich schlimmer geworden?
Die Situation ist nicht schlimmer geworden, sie bekommt nur mehr Aufmerksamkeit von immer demselben Standpunkt aus. Wenn ich immer nur eine Farbe sehe, werde ich mit der Zeit alle möglichen Schattierungen in dieser Farbe sehen, aber vergessen, dass es noch andere Farben gibt. 

„Ich habe nichts zu verlieren, also schlag ich zu“. Gibt es diese Einstellung unter Migranten?
Wer als Migrant hierherkommt, hat vieles, mitunter auch sehr Traumatisches erlebt. Keiner verlässt sein Land einfach so. Dazu kommen die teils gravierenden kulturellen Unterschiede, mit denen sich Einwanderer konfrontiert sehen, sobald sie hier ankommen. Besonders Jugendliche leben dann oft zwischen zwei Welten: einerseits zu Hause, wo die Kultur des Herkunftslandes noch sehr präsent ist, andererseits im Kreis der neuen Freunde. Das hat eine Instabilität zur Folge, man weiß nicht genau, wer man ist und wo man hingehört. Außerdem hat ein Migrant oft mit Ablehnung zu tun. Sei es bei der Arbeitssuche, in der Schule, in der Nachbarschaft. Sich nicht angenommen, nicht erwünscht zu fühlen ist das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann. Diese Person befindet sich also in einem psychologischen Ausnahmezustand und es reicht oft ein kleiner Tropfen, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. 

Man liest in gewissen Medien, dass vor allem Ausländergruppen sehr gewalttätig seien. Kannst du dies bestätigen?
Zunächst muss gesagt werden, dass es verschiedene Arten von Gewalt gibt. Worte können oft mindestens gleich verletzend wie Schläge sein. Gewalt ist etwas absolut Menschliches. Jeder von uns erfährt in seinem Leben Gewalt und übt sie aus. Die Streitkultur hingegen unterscheidet sich:  In manchen Kulturkreisen gehört es dazu, im Streitfall ein Messer zu ziehen, in anderen schreit man sich an. Die Art der Gewalt ist der große Unterschied. Die Gründe dafür sind jedoch immer dieselben: Zwei Jungen streiten sich um dasselbe Mädchen, der eine hat etwas, das ich nicht habe und so weiter. Nun liegt es an den Medien und an jedem von uns, jeden Fall individuell zu betrachten und keine Generalurteile zu fällen. Ich will aber nichts verharmlosen! Wer ein Gewaltdelikt begeht, muss bestraft werden. Bei der abgesagten Demonstration gegen die Gewalt in Meran zum Beispiel wäre geplant gewesen, dass auch Migranten mitgehen, um ganz klar auszudrücken: „Wir sind auch gegen Gewalt!“ 

Werden die Südtiroler Medien dem Thema Integration von Ausländern gerecht? 
Medien sind ein heikles Thema, denn Medien sind Macht. Was wir brauchen, sind faire Medien, faire Journalisten. Durch anknüpfen an vorhergehende Ereignisse, Schlagzeilen wie „Erneut Schlägerei“ oder „Schon wieder Verletzte“ entsteht nämlich schnell der Eindruck, es handle sich um eine geplante Serie von Übergriffen seitens immer derselben Personen. Dabei kennen sich die einzelnen Täter gar nicht, haben ganz andere Hintergründe und  die Ursache für die Schlägerei ist eine ganz andere. Jeder Fall muss isoliert vom Rest betrachtet werden. 

Was könnten der Staat und die Gesetze gegen die Gewalt ausrichten?
Hauptsächlich muss man präventiv arbeiten, damit es gar nicht soweit kommt. Wenn jedoch so etwas passiert, muss vor allem schnell reagiert werden. In Italien dauert es immer Monate, bis die Behörden sich mit dem Fall beschäftigen. Ich glaube, wenn jemand für seine Straftat sofort zur Rechenschaft gezogen wird, seine Sozialstunden ableisten muss, dann wird er nicht zum Wiederholungstäter. Bei einem, der monatelang warten muss, dass es zum Prozess kommt, besteht ein viel höheres Risiko. Ich denke, es bräuchte ein eigenes Organ, das sich gezielt mit Gewaltdelikten Jugendlicher beschäftigt.

Was denkst du über die Aggression im Internet gegenüber Ausländern? Wie sollte man damit umgehen? Läuft man nicht Gefahr, Zensur zu betreiben, wenn man gewisse Nutzer oder Kommentare blockiert? 
Wenn ich diese Kommentare sehe, macht mich das sehr traurig, weil ich sehe, dass die Gesellschaft noch sehr viel zu verarbeiten hat. Blockieren wäre aber falsch, das unterdrückt diesen Prozess nur.

 

Verena Walther

Ist zunächst in Innsbruck beim Verlegenheitsstudium Jus gelandet. Mag Menschen und Musik aller Art.
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