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Ein Besuch im Planetarium

„Wir alle sind Sterne“

Er ist von der Existenz außerirdischen Lebens überzeugt, von großen Zahlen fasziniert und ein großer Mondliebhaber. David Gruber ist Astrophysiker im Planetarium Südtirol.

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Bild: flickr/muitosabao

Die Größe des Sonnensystems ist für David Gruber kaum vorstellbar. Dabei ist der 32-jährige Astrophysiker der Mann in Südtirol, wenn es um Planeten, Monde und Sterne geht. „Die Astronomie macht bescheiden. Sie gibt dir zu denken, dass du nicht das Zentrum des Universums bist“, zitiert Gruber den Astrophysiker Carl Sagen und beschreibt damit gleich, was ihn an seinem Job begeistert. An Grubers Arbeitsplatz, dem Planetarium Südtirol am Dorfeingang von Gummer, hat man jedoch ein anderes Gefühl.
Große Glasfassaden eröffnen hier nicht nur der Blick auf die umliegenden Berge, sondern auch auf den tiefgrünen Nadelwald, der das neue Gebäude umgibt. Obwohl die Sonnenstrahlen gerade den Eingangsbereich erhellen, kann man sich perfekt vorstellen, wie sich hier nachts der Sternenhimmel beobachten lässt. „Den nächtlichen Himmel sieht man aber am besten von der Sternwarte aus, die auf einer Wiese weiter drüben im Dorf liegt“, klärt Gruber sofort auf, „das Planetarium hingegen soll ein Kompetenzzentrum für Astronomie sein.“ Seit knapp vier Jahren ist der engagierte Astrophysiker nicht nur für moderierte Vorführungen, sondern auch für Wissenschaftskommunikation, die Organisation von Events, Lehrerfortbildungen und den Auftritt in sozialen Netzwerken zuständig. „Ich bin hier Mädchen für alles“, scherzt er. Langweilig sei ihm an diesem Arbeitsplatz noch nie geworden.

Astrophysiker David Gruber

Bild: Lisa Maria Kager

Das Planetarium Südtirol ist das Herzstück des Sternendorfes. In Gummer gibt es alle astronomischen Strukturen auf einem Platz: Sternwarte, Sonnenwarte, Planetenweg und Planetarium. „Und bald auch einen Sternenweg“, verrät Gruber stolz. Die Verbindungsstraße zwischen Planetarium und Sternwarte, auf der über Sternbildlegenden informiert wird, war nämlich seine Idee. In anderen Planetarien rund um die Welt sei die Beziehung zur Astronomie teilweise schon verloren gegangen, bedauert Gruber. In Gummer wird diese hingegen großgeschrieben. Kuppelkino will Gruber nämlich keines werden.

„Sternzeichen sagen nichts über den Charakter einer Person aus.”

Er führt mich einmal um die weiße Kuppel zur Ausstellungsfläche an der hinteren Seite und gleich darauf in den oberen Stock. Hier gibt es einen kleinen Raum mit knallroten Stühlen, hellgrauen Tischen und einer Tafel, in der Gruber Fortbildungen und Kurse abhält. Außerdem klärt Gruber mich hier gleich darüber auf, dass er von Astrologie nicht viel hält. „Die Astrologie hat keine einheitlichen Spielregeln“, kritisiert er, „deshalb sagen Sternzeichen meiner Meinung nach auch nichts über den Charakter einer Person aus.“ Fragt man ihn schließlich nach seinem Sternzeichen, scheint er aber doch etwas begeistert zu sein und antwortet stolz: „Ich bin Schlangenträger.“ Zwischen Ende November und Mitte Dezember steht die Sonne nämlich in diesem Sternbild, das so nicht in die zwölf herkömmlichen Sternbilder mitaufgenommen wurde, aber von Gruber immer wieder gerne dazu benutzt wird, die Leute ins Staunen zu versetzen.

Nach dem Abschluss des neusprachlichen Gymnasiums wollte David Gruber eigentlich Politikwissenschaften und Geschichte studieren. Im Studienführer der Uni Wien blätternd, ist er jedoch zufällig auf Astronomie gestoßen und hat 2009 schließlich sein Magisterstudium abgeschlossen. „Astronomische Instrumente, Physik, sphärische Astronomie, Geschichte der Astronomie, puh, auf unserem Stundenplan stand ganz schön viel“, erinnert sich der Bozner an seine Studienjahre zurück. Nur kurze Zeit später konnte der Astrophysiker durch einige glückliche Zufälle am Münchner Max Planck Institut promovieren. „Dann wollte ich einen familienfreundlicheren Weg einschlagen und habe die akademische Laufbahn hinter mir gelassen“, erzählt der 32-Jährige. Mittlerweile ist er zweifacher Familienvater.

Und plötzlich wird es Nacht
David Gruber lässt mir den Vortritt, als wir die große, weiße Kuppel betreten. Es ist dunkel im Planetarium und im Hintergrund läuft entspannende Musik. 53 Personen finden hier Platz, um sich eine der dreizehn verschiedenen Dokumentationen auf der Innenseite der Kuppel anzusehen. Grubers Favorit handelt von den Monden in unserem Sonnensystem. „Wir haben eine Sonne, acht Planeten, aber 166 Monde. Und jeder von diesen ist eine eigene Welt“, schwärmt Gruber und schiebt sich seine Brille zurecht. Kein Mond sei gleich wie der andere. Einer habe unterirdisches Wasser, der andere habe aufgrund eines Bruchs eine 20 Kilometer tiefe Steilwand und wieder ein anderer habe eine Methan-Atmosphäre, die Regenschauer aus Methan auslöst. „Weil dieser Mond eine so dichte Atmosphäre hat, könnten wir darauf mit zwei Holzflügeln ganz einfach fliegen“, erklärt der Astrophysiker.

„Auf der Venus würde man vergiftet, gekocht und zerquetscht werden und das in der gleichen Sekunde, auch wenn sie erdähnlich ist.“

Monde würden sich außerdem perfekt dazu eignen, um die Lichtgeschwindigkeit zu messen oder das Gewicht der anderen Planeten zu bestimmen. „Wie eine Art Waage für Planeten-Schwere-Messungen“, sagt er und grinst. Über sein Element sprechend, wird Grubers Stimme immer schneller. Warum die Allgemeinheit sich immer nur für unsere acht Planeten interessiert, ist dem Astrophysiker unklar. „Auf der Venus würde man vergiftet, gekocht und zerquetscht werden und das in der gleichen Sekunde, auch wenn sie erdähnlich ist“, meint er.

Im August diesen Jahres wird der Mond-Freak seinen Vortrag über Monde eine Woche lang in den USA halten. Vor Kurzem hat er nämlich den internationalen Wettbewerb „A week in the US“ gewonnen, der von der International Planetarium Society ausgeschrieben war. Im Planetarium von Wyoming wird er Schüler und Lehrer in das Thema Monde einführen. Der Allgemeinheit hingegen wird er die Astronomie anhand der Simpsons erklären. „Viele Schreiber der Simpsons verstecken mathematische Ostereier in den Folgen“, erzählt der Physiker, „als ich das in einem Buch gelesen habe, habe ich mich gleich auf die Suche nach astronomischen Ostereiern gemacht.“ Und tatsächlich gibt es eine Folge über Sternbilder, eine über Lichtverschmutzung, eine über Kometen und eine über Mondphasen bei den Simpsons.

 

 

Anhand kurzer Film-Ausschnitte wird der Astrophysiker so verschiedenste Themen runterbrechen und beweisen, dass Astronomie eigentlich überall drin steckt.

Die Landkarte der Sterne

Bild: Lisa Maria Kager
Ein weiterer Vortrag wird sich um das Thema Finsternisse handeln. Gruber kann seine Spannung kaum verbergen, als er das erzählt: „In Wyoming wird genau zu dieser Zeit nämlich eine totale Sonnenfinsternis stattfinden. Bei uns findet die nächste erst am 3. September 2081 statt.“ Er dreht das Licht in der Kuppel noch etwas runter. Dann sinkt er in einen der dunkelblauen Kinosessel und tippt ein paar Mal auf das hell leuchtende Display seines iPads. Plötzlich erscheint der simulierte Sternenhimmel von Gummer über unseren Köpfen. Im Zeitraffer wird es immer dunkler. Nun tippt Gruber noch vier Mal auf das Display und schaltet damit in der Simulation nicht nur den Strom in Südtirol, sondern auch den Mond aus. Über meinem Kopf erscheinen alle Sterne, die wir theoretisch sehen könnten. Unglaublich. „Einen solchen Himmel findet man in ganz Europa nicht“, meint Gruber, „in Namibia, im Outback in Australien oder in Chile auf 5.000 Metern Meereshöhe in der Atacama Wüste kommen wir dem noch am nächsten.“ Dort gibt so wenig wie möglich Lichtverschmutzung. Deshalb werden an diesen Standorten auch die größten Teleskope der Welt platziert.
Gruber klickt auf „Lichtverschmutzung ein“ und lässt wieder den uns bekannten Sternenhimmel in der Kuppel erscheinen und erklärt: „Der Himmel ist derart groß, dass man ihn in Regionen eingeteilt hat. So wie es auf der Erde Länder gibt, gibt es auch am Himmel das Land des Stieres oder des Krebses.“

An die Existenz weiteren Lebens im Universum zweifelt der Astrophysiker keine Sekunde.

Dann fliegen wir nach Nordafrika, andere Sterne erscheinen und Gruber reicht mir eine schwarze Brille. Durch sie hindurch geblickt, rücken einige Sterne näher, andere bleiben an ihrem Platz. „Das funktioniert nur, weil wir ein 3D-Planetarium sind“, sagt der Astrophysiker stolz, „das ist die Entfernung, die die Sterne wirklich von dir haben.“ Durch die Brille wird unser Augenabstand nämlich um ein Lichtjahr erweitert. „Das sind circa 10.000 Milliarden Kilometer“, sagt Gruber und lacht schelmisch. Große Zahlen scheinen ihn zu faszinieren, so erklärt er mir auch, dass es mehr Sterne als Sandkörner auf unserer Erde gibt. Außerdem spricht er von einem Zahlen-Phänomen, das wirklich Seltenheit zu haben scheint. Von uns aus gesehen ist der Mond nämlich gleich groß wie die Sonne. „Das scheint nur so, weil die Sonne 400 Mal so groß und zufälligerweise 400 Mal so weit entfernt ist wie der Mond“, schwärmt Gruber von diesem kosmischen Zufall. Sollte es also irgendwo intelligente Außerirdische geben, dann kommen diese bestimmt nur aus einem rein touristischen Grund auf die Erde und zwar um dieses Phänomen zu beobachten, meint Gruber.

An die Existenz weiteren Lebens im Universum zweifelt der Astrophysiker keine Sekunde. Im Gegenteil: Der 32-Jährige ist sich fast sicher, dass andere Lebensformen noch vor seinem Ableben entdeckt werden. Seine Erklärung dafür ist simpel. Wenn man alle Atome eines Menschen sortiert, stellt man fest, dass die Elemente im Universum genau dieselben sind. „Die Häufigkeit der Elemente in uns entspricht der Häufigkeit der Elemente in Sternen“, sagt Gurber, „wir sind also das Ergebnis eines Sternenlebens.“ Somit sind nicht nur wir im Universum, sondern auch das Universum in uns. Das bedeutet, dass es da draußen noch unzählige Bausteine für menschliches Leben in diesem riesigen System gebe, meint Gruber und lässt uns in einer Raketensimulation genau dorthin abheben.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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