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Schultheater mal anders

„Wer denkt, stirbt“

Im Krieg kämpft man für die Freiheit. Aber welchen Wert hat diese am Ende des Krieges eigentlich noch? Dieser Frage stellt sich Emma Mulsers erstes Theaterstück.

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Bild: Lisa Maria Kager

„Wir haben gehorcht, das ist unser Fluch!“, schreit Jakob Declara von der Bühne, „vor dem Gericht in unserem Inneren können wir nie mehr rein sein.“ In seiner linken Hand hält er eine Schnapsflasche, aus der er immer wieder einen Schluck nimmt. Dann richtet er seinen Blick zur rechten Seite der Bühne. Auf einer schmalen Matratze und weißen Leintüchern liegt Michael Piok und schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen. Der Krieg ist gewonnen, die Soldaten sind frei. Doch was sollen sie mit dieser Freiheit nun anfangen? Es ist still.

Auf der Bühne spielen die beiden Gordej und Matwej – zwei Soldaten in olivgrünen Klamotten und ledernen Stiefeln. Text und Regie des Stücks „Holzmann“ stammen von Emma Mulser, einer Maturantin mit Kurzhaarschnitt, strahlenden Augen und einem goldenen Septum zwischen ihren Nasenlöchern. Als sie es geschrieben hat, war sie gerade mal 17. Vor großen Themen hatte Emma noch nie Angst. 

Michael (links) und Jakob auf der Bühne

Bild: Lisa Maria Kager

„Es geht um ein Gespräch über Freiheit“, resümiert die toughe, junge Frau knapp. Es sind Fragen, die ihr auf der Suche nach einem passenden Matura-Projekt durch den Kopf geschossen sind: Ist Freiheit eigentlich möglich, wenn man im Krieg so viel Schuld auf sich geladen hat? Oder kann man diese Schuld rechtfertigen, weil man eigentlich nur gehorcht hat? 

Aus Selbstreflexion wurde schließlich ein ganzes Theaterstück. Und das, obwohl Emma vorher eigentlich nur kurze Geschichten geschrieben hatte. „Beim Schreiben des Stücks konnte ich mich das erste Mal nur auf den Dialog konzentrieren“, meint sie heute. Was ihr gefallen hat, ist gar nicht so leicht auf die Bühne zu bringen. Fünfundvierzig Minuten lang werfen sich die Schauspieler immer wieder den Ball zu, spielen sich durch verschiedenste emotionale Ebenen, führen Monologe, kreieren Gänsehaut und lassen die Zuschauer im Stillen sitzen. 

Emmas selbst gedrucktes Plakat

Bild: Lisa Maria Kager

In weiße Laken gehüllt soll die Aula Magna ihrer Schule eine Baracke im Krieg darstellen. Wo genau diese liegt und in welchem Jahr, darauf wollte sich Emma nicht festlegen. Schließlich sei das Thema vom Ersten Weltkrieg über den Zweiten bis zur heutigen Zeit aktuell. Emma, Jakob und Michael haben bereits in den vergangenen Jahren im Schultheater mitgespielt. Am Ende des Schuljahres wurden meist klassische Stücke aufgeführt. „Mit Emmas selbst geschriebenem Text war das aber eine völlig neue Erfahrung“, meint Jakob. Ihre Texte seien poetisch und komplex und deshalb auch schwieriger sich einzuprägen. 

„Leg mich in Ketten, aber lass mich frei werden von meiner Schuld“

Der Soldat, den Jakob auf der Bühne verkörpert, ist homosexuell. Eine Orientierung, mit der man während des Naziregimes sein Leben riskierte. „Im Geschichtsunterricht spricht man das eigentlich nie an oder denkt darüber nach“, meint Michael, „dabei wurden Homosexuelle ebenso verfolgt wie Juden.“ Als sich Jakob auf der Bühne outet, bricht eine dramatische Diskussion mit Michael aus. Immer wieder schaffen die beiden mit ihren Worten die Bilder, die der Zuschauer braucht, um in der Zeit mitzureisen. Der eine erzählt von seiner Frau und seinen Kindern, die zuhause auf ihn warten. Der andere von jungen Soldaten, die wegen ihrer Homosexualität auf dem Minenfeld zerbombt wurden. Man spürt Angst und Hoffnung und die immerwährende Frage nach der Freiheit.

Emma Mulser

Bild: Lisa Maria Kager

„Freiheit trägt auch Verantwortung mit sich, Verantwortung, die Augen offen zu halten und nicht zu ignorieren“, meint Emma und setzt sich in die hinterste Reihe der Aula Magna. Um von dort aus heute ihre Anweisungen zu den beiden Klassenkollegen nach vorne rufen zu dürfen, musste sie eine ganze Weile lang kämpfen. Kurz vor knapp sollte das Theaterstück noch abgesagt werden, weil das Thema bei der Direktion auf wenig Anklang gestoßen war. „Wir hätten uns mehr Unterstützung von oben erwartet“, meint Jakob etwas enttäuscht, „immerhin stellen Schüler nicht jeden Tag so ein Projekt auf die Beine.“ Um den Schülern irgendwann mehr Freiheit zu bieten, will er selbst Lehrer werden und dem Schauspiel vor allem in seiner Freizeit treu bleiben. Emma hingegen denkt bereits über einen Job im Theaterbereich nach. In welcher Abteilung sie genau mitwirken will, möchte sie im Laufe des nächsten Jahres herausfinden.

„Leg mich in Ketten, aber lass mich frei werden von meiner Schuld“, sagt Michael am Ende. Kurz vorher haben andere Soldaten seinen Kameraden Jakob abtransportiert. Man hat herausgefunden, dass er schwul ist. „Am Ende ist die Freiheit eben doch nie ganz vollkommen“, meint Emma.  

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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