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Interview mit Kolumnist Axel Hacke

„Und dann kam Donald Trump"

Bestsellerautor Axel Hacke plädiert für mehr Anstand. An zu viele verbale Aggressionen haben wir uns bereits gewöhnt, Sprüche wurden salonfähig, die es nicht sein sollten.

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Bild: roya ann miller, Unsplash

Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten tauchte im Kopf von Axel Hacke die alte Vokabel Anstand wieder auf. Nun hat der bekannte Münchner Kolumnist einen Bestseller veröffentlicht, in dem es genau darum geht: „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen.“

Wann sind Sie das letzte Mal unanständig behandelt worden?
Das passiert einem nicht selten, gerade in meinem Beruf. Da wird man in E-Mails bisweilen in einem rüden Ton angegangenen, den ich unangemessen finde. Straßenverkehr ist auch ein gutes Beispiel.

Inwiefern?
Wenn man in München mit dem Fahrrad an eine rote Ampel fährt, fände ich es richtig, wenn Leute, die von hinten kommen, sich auch dort anstellen und warten, dass es grün wird.

Aber?
Das passiert nie. Alle Fahrradfahrer stellen sich vor dich und warten da. Ich finde das nicht gut.

Axel Hacke beim Interview.

Bild: Claus Lochbihler

Sind wir zu egoistisch?
Jedenfalls sitzt dieser Gedanke „ich zuerst“ auch in den Köpfen vieler Fahrradfahrer fest. Weil ich Radfahrer bin und sowieso schon Rücksicht nehme auf die Umwelt, kann ich mir mehr erlauben … Nun lässt sich das Radfahren aber nicht auch noch mit Gesetzen regeln, deshalb berührt es genau unser Thema. Anstand bedeutet eben nicht das rechtlich vorgeschriebene Verhalten, sondern das, was Menschen halt so aushandeln oder einfach auch selbst wissen müssten.

Das war jetzt aber nicht der Grund ein Buch über Anstand zu schreiben?
Nö, natürlich nicht. Aber heute gibt es so eine Verrohung des Umgangstons, zum Beispiel. Jeder Polizist, jeder Fahrkartenschaffner, jeder Facebook-Nutzer, jeder Fußball-Schiedsrichter bei den Amateuren kann davon erzählen. Es gibt unglaubliche verbale Aggressionen. Das hat mich beschäftigt. Und dann kam Donald Trump.

Für viele der Inbegriff der Unanständigkeit …
Mit Trump tauchte diese alte Vokabel vom Anstand plötzlich in meinem Kopf auf. Man kann vieles über Clinton sagen, aber sie, wie Trump es tat, Tag für Tag eine Betrügerin zu nennen, in der Hoffnung, dass was hängenbleibt, das ist zutiefst unanständig. Es hat mich so angewidert, dass ich zu meiner Verlegerin gesagt habe: Eigentlich müsste man ein Buch über Anstand schreiben. Sie hat sofort gesagt: Dann mal los!

Wo beginnt denn Anstand, hat das auch mit Kindererziehung zu tun?
Man sollte weder von Kindern noch von anderen etwas verlangen, was man selber nicht tut. Und darum geht es in dem Buch: Erst das eigene Leben anschauen. Wie verhalte ich mich anderen gegenüber? Nicht mit dem Finger auf andere zeigen.

„Es geht darum: Wie wollen wir sein im Umgang mit anderen? Haben wir noch so etwas wie ein Ideal von uns als Menschen? “

Sich hinten anstellen, die Tür aufhalten, sich bedanken oder grüßen, geht es Ihnen um solche Dinge?
Auch, ja, aber das Buch ist ja nun gerade keine Benimmfibel, sondern grundsätzlicher angelegt. Es geht darum: Wie wollen wir sein im Umgang mit anderen? Haben wir noch so etwas wie ein Ideal von uns als Menschen? Um bei Ihrem Beispiel zu bleiben: Grüßen heißt, den anderen erstmal wahrzunehmen und ihm Respekt zu zeigen. Wenn ich jemanden nicht grüße, ist damit Geringschätzung verbunden.

Sie betrachten den Begriff Anstand von allen Seiten. Die Frage aber, wie man diese Anstandslosigkeit lösen kann, wird nicht geklärt.
Das Wichtigste ist, wieder ein gesellschaftliches Gespräch darüber zu beginnen, wie wir im Umgang miteinander sein wollen und wie nicht.

Warum?
Weil es hier um den Prozess der Zivilisierung des Menschen geht. Das Thema taucht in der Geschichte der Menschheit immer wieder in irgendeiner Form auf. Und jetzt haben wir es mit der Globalisierung und einer Revolution unserer Kommunikationsmittel durch die sozialen Medien zu tun. Da spielt das Thema eine ganz andere Rolle als noch vor fünfzig Jahren, weil ich nicht mehr in dieser beschaulichen Bundesrepublik lebe, wo alles so klar war.

Denken Sie dabei auch an Facebook?
Genau. Bei Facebook haben die Leute ja die Möglichkeit sich darzustellen, was aber oft auch anonym geschieht und das in einem Ton, der nicht selten rabiat ist, aber Schule macht. Nehmen wir die Situation der Grünenpolitikerin Künast. Da schreibt ihr jemand: „Man sollte dich köpfen.“ Sie klagt dagegen, und die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein. Das ist also sagbar, ungestraft. Und da fasse ich mich an den Kopf. An so vieles haben wir uns schon gewöhnt.

Liegt es also daran, wie wir miteinander reden?
Ja klar. Und im Fall dieser Internetgeschichten geht es darum, dass Dinge, die man früher seinen Spezln nach dem zweiten Bier am Stammtisch erzählt hat, heute im Internet landen. Das prägt den Stil unserer gesamten Kommunikation, Dinge werden salonfähig, die es nicht sein sollten. Das halte ich für sehr gefährlich.

Braucht es nicht einfach Zeit, einen adäquaten Umgangston zu finden?
Wir haben es hier mit einer anhaltenden unglaublichen Umwälzung zu tun. Umso mehr muss man darüber diskutieren. Man kann nicht, wie Zuckerberg, die Nachteile kaum erwähnen. Wenn ich seine Reden höre, würde ich mir wünschen, dass er mal sagt, wie peinlich ihm das ist, was da oft auf den Facebookseiten stattfindet. Ich höre aber nichts.

„Wehret den Anfängen. Man muss sich rechtzeitig mit diesen Sachen auseinandersetzen, bevor der öffentliche Umgang verkommt.”

Sie würde ihm sagen, er solle bestimmte Dinge löschen?
Zunächst einmal wünsche ich mir mehr Problembewusstsein dafür. Und, ja, vieles muss man löschen.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch, das Fehlen von Anstand sei die Basis für eine Diktatur – sinngemäß. Müssen wir jetzt davor Angst haben?
So weit sind wir nicht. Aber ich meine: Wehret den Anfängen. Man muss sich rechtzeitig mit diesen Sachen auseinandersetzen, bevor der öffentliche Umgang verkommt. Es geht darum, was wir selbst wollen, in was für einer Gesellschaft wir leben wollen, wie wir miteinander umgehen wollen. Die eigenen Ideale sind wichtig.

Irene Schlechtleitner

Mag Interviews, weil sie in verschiedene Lebenswelten eintauchen kann ohne gleich die eigene verlassen zu müssen. Studierte Publizistin.
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