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Italiens bester Trailrunner Daniel Jung

„Steil ist geil"

Daniel Jung ist auf der Jagd nach Podestplätzen. Hunderte von Kilometern und Tausende von Höhenmetern legt der Trailrunner dafür zurück. Sein nächstes Ziel: Sarntal.

Als kleiner Bub ist Daniel Jung noch den Kühen in den Vinschgauer Bergen nachgerannt. Heute läuft der 33-Jährige Distanzen von über 100 Kilometern mit mehreren Tausend Höhenmetern. Als Trailrunner ist er in nur drei Jahren über viele Gipfel hinweg bis an die Weltspitze gerannt und steckt seine Ziele nun immer höher. Als nächstes steht ab Freitag das Südtirol Ultra Skyrace an, bei dem der Naturnser seinen Titel vom vergangenen Jahr verteidigen will.

Daniel, du bist erst seit knapp drei Jahren Trailrunner und wirst mittlerweile bereits als Profi bezeichnet. Wie kam es dazu?
Als kleiner Junge habe ich angefangen, Fußball zu spielen, aber irgendwann wollte ich meine eigenen Grenzen erfahren. Mit 21 habe ich dann zum Radsport gewechselt und bin bis vor drei Jahren auf ziemlich hohem Niveau gegen Profis geradelt. Nebenher habe ich immer noch normal gearbeitet. Als ich schließlich die Freude am Radsport verloren habe, habe ich mir die Laufschuhe angezogen. Und obwohl ich mit Wettkämpfen eigentlich abschließen wollte, hat mich ein Freund zu einem Berg-Marathon in Brixen überredet. Weil ich bei diesem auch gleich hinter zwei Weltklasse-Läufern auf dem Podest gelandet bin, bin ich nun wahrscheinlich auch da, wo ich bin. Bald schon habe ich nämlich gemerkt: Umso länger ein Rennen geht, desto stärker bin ich.

Im vergangenen Jahr ist Daniel zwölf Mal auf dem Podest gelandet. Über 50.000 Höhenmeter hat er dafür zurückgelegt. In dieser Saison war der Naturnser bereits bei sieben Ultratrails am Start. Von Hongkong über Gran Canaria bis nach Lavaredo-Cortina haben ihn die Rennen gebracht. Dabei ist der erste Ultratrail gerade mal eineinhalb Jahre her.

Deine Erinnerungen an dein erstes Ultra-Rennen?
Das war eine Grenzerfahrung für mich. Nach dem Rennen auf La Réunion war ich ziemlich im Eimer, was meine Freundin nicht gerade glücklich gemacht hat. (lacht) Obwohl ich mir damals geschworen habe, nie wieder einen Ultratrail zu laufen, habe ich nach drei Tagen bereits wieder Pläne geschmiedet. 

Kannst du mir erklären, was ein Trail- oder Ultratrailrun eigentlich ist?
Ultratrailruns sind Läufe mit Distanzen über 60 Kilometern, wobei nach oben hin keine Grenzen gesetzt sind. Es gibt sogar Läufe mit 500 Kilometern. Bei uns gibt es beispielsweise den „Tor de Geants“ im Aostatal: 320 Kilometer mit 24.000 Höhenmeter. Dieses Rennen laufen die Besten in 70 bis 80 Stunden, ohne Schlaf.

Die persönliche Grenze, die Daniel sich gesetzt hat, liegt bei einer Nacht, 10.000 Höhenmetern mit ungefähr 170 Kilometern. Ein Traum, den er sich in den nächsten Jahren aber erfüllen will, ist „La Diagonal de Fous“ auf La Réunion. 2019 soll dann der UTMB folgen, die Mutter aller Trailläufe, der um die Mont-Blanc-Gruppe führt.

Daniel Jung

Bild: Harald Wisthaler

Wie bereitest du dich auf ein solches Rennen denn vor?
Um mich mental vorzubereiten, mache ich viel Yoga. Vor allem Atemübungen nutze ich auch während der Rennen. Ansonsten gestalte ich meinen Trainingsplan selbst, je nach Lust und Laune eben. Ob lang, kurz, kalt oder warm entscheide ich spontan.

Deine Rennen bestreitest du in der Ultra-Trail World Tour quer über die ganze Welt verteilt. Unter anderem gerätst du dabei auch immer wieder in Vegetations- und Klimazonen, die es bei uns so nicht gibt. Wie bereitest du dich darauf vor?
Zum Glück bin ich Aufgussmeister in der Sauna und besuche diese regelmäßig. Wenn man bei 90 Grad auch noch Bewegung hat, macht man das beste Intervall-Training. (lacht) Ich trainiere aber auch an kalten Tagen oder laufe im Sommer oft so hoch hinauf, bis ich im Schnee laufen muss. Auch die Sonnenseiten lasse ich in den heißen Monaten nicht aus und trainiere bei gefühlten 45 Grad auf dem Sonnenberg im Vinschgau. Man muss sich einfach abhärten. Bei einem Ultra-Trail weiß man nie, was auf einen zukommt.

Als nächstes steht am Freitag das Südtirol Ultra Skyrace an. Wie bereitest du dich gerade darauf vor?
Eine Woche vor dem Rennen fahre ich meinen Körper eigentlich komplett runter. Lediglich zwei leichte Jogging-Einheiten oder eine gemütliche Bergtour sind erlaubt. Gerade eben komme ich von der Massage.

Kannst du gemütlich also auch?
Klar. (lacht) Ich bin bei Bergtouren immer der, der hinten nach wandert.

Physiotherapeut, Masseur, Flüge, Unterkünfte und Startgelder bezahlt Daniel fast alle aus der eigenen Tasche. In den Sommermonaten arbeitet er dafür als Bike- und Trailguide und macht ab und an auch Saunaaufgüsse im Aquaforum in Latsch. Im Winter hingegen arbeitet er als Elektriker. Training und Wettkämpfe müssen bei ihm nebenher laufen.

17 Stunden und 34 Minuten hast du im vergangenen Jahr für das Südtirol Ultra Skyrace gebraucht. Wirst du den Titel in diesem Jahr verteidigen?
Ich habe in diesem Jahr extrem starke Konkurrenz, die gegen mich läuft. Das motiviert. Meine Saison ist aber bereits lang, das letzte Rennen liegt erst zehn Tage zurück. Das zehrt und braucht Regenerationszeiten. Mit hundert Prozent gehe ich also nicht an den Start, aber trotzdem werde ich es den Jungs nicht leicht machen. (lacht)

Am meisten freut sich Daniel auf die Nachtstrecke. Auch wenn er im vergangenen Jahr, durch den Nebel verwirrt, sogar eine Zeit lang in die falsche Richtung gerannt ist, mag er die Stimmung nachts am liebsten. „Da ist man eins mit sich selbst und seinem Körper. Man fühlt, hört und spürt alles“, sagt er. Begleitet wird er immer von der gesamten Familie, die ihn an verschiedenen Punkten der Strecke anfeuert und mit selbstgemachter Suppe verpflegt. Power-Gelees und Riegel mag er nämlich nicht so gerne.

„Auch wenn es irgendwann vielleicht soweit kommen sollte, dass ich von dem Sport leben kann; spätestens beim Doping würde ich aufhören.”

17 Stunden für 121 Kilometer und 7.500 Höhenmeter über die Berge. Geht das ohne zu dopen?
In meinen Augen ist Trail-Running eine der saubersten Sportarten, aber vielleicht denke ich das auch nur. Jeder, der dopt, muss selbst wissen, was er tut. Erstens schädigt man dadurch seine Gesundheit und zweitens belügt man sich selbst, seine Fans und seine Familie. Ich könnte mich danach nie mehr im Spiegel anschauen. In unserem Sport gewinnt man sowieso nichts, wofür sollte man dann dopen? Auch wenn es irgendwann vielleicht soweit kommen sollte, dass ich von dem Sport leben kann; spätestens beim Doping würde ich aufhören. Trailrunning soll für mich Leidenschaft und nicht Beruf und Druck sein, damit fängt der Fanatismus nämlich an.

Trailrunning ist Daniels Leidenschaft

Bild: Harald Wisthaler

Kann man dich trotzdem als Profi bezeichnen?
Ich werde zumindest so genannt. Dass ich aber fast keinen Cent mit meinem Sport verdiene, bedenken die wenigsten. Ich arbeite momentan um die 60 Prozent, den Rest ermöglichen mir meine Sponsoren. Preisgelder gibt es in unserem Sport prinzipiell keine.

Obwohl du erst seit drei Jahren läufst, bist du schon der beste Trailrunner Italiens und läufst auch bei internationalen Rennen vorne mit. Kann man von Talent sprechen?
Sicherlich. Verstand und Körpergefühl machen den Rest. Man kann schließlich zehn Stunden gut oder zehn Stunden schlecht trainieren. Wenn die meisten meinen Trainingsplan sehen, glauben sie es nicht. Viele trainieren viel mehr als ich, aber viele kriegen deshalb auch mehr Probleme als ich. Ich gönne meinem Körper viel Regeneration. Für mich ist es ein Geschenk Gottes, körperlich, gesundheitlich und mental so fit zu sein.

Akzeptiert man die körperlichen Grenzen also?
Das muss man. Bei Ultraläufen braucht man ein gutes Körpergefühl, weil man eigentlich immer in seiner Komfort-Zone bleiben muss, um den Lauf zu überstehen. In diesem Jahr musste ich bereits zwei Mal aufgeben. Einmal musste ich mich einfach nach 40 Kilometern bereits übergeben und vor vier Wochen hatte ich eine Muskelverhärtung.

Welches war denn dein härtestes Rennen?
Das Südtirol Ultra Skyrace. Technisch ist dieser Lauf von der Latzfonser-Kreuz-Hütte bis zur Meraner Hütte extrem anspruchsvoll.

Schlafen wird Daniel in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht. Flache Strecken und Strecken, die abwärts verlaufen, läuft er, aufwärts hingegen schaltet er in einen schnellen Gehrhythmus um, so wie es bei Trailrennen üblich ist.

Kann man bei euch Trailrunnern von Sucht sprechen?
Nein, ich würde es eher als Leidenschaft bezeichnen. Ich habe auch kein Problem drei Wochen im Urlaub nicht zu laufen. Aber der Sport gehört einfach zu meinem Leben.

„Einen Waalweg laufen kann jeder, beim alpinen Gelände hingegen merkt man, wer in den Bergen aufgewachsen ist und wer das Gelände lesen kann.”

Was muss ein Trailrunner mitbringen, um einen guten Lauf hinzulegen?
Erstens musst du ein Auge für die Trails haben. Einen Waalweg laufen kann jeder, beim alpinen Gelände hingegen merkt man, wer in den Bergen aufgewachsen ist und wer das Gelände lesen kann. Ich habe den Vorteil, lange Zeit mit dem Mountainbike unterwegs gewesen zu sein. Dadurch habe ich ein extremes Gleichgewicht, sehe Trails, kann Tritte locker setzen und laufe dadurch entspannt, egal ob es technisch auf und ab geht oder nicht. Dafür bin ich auf flachen Strecken nicht so gut. Ich liebe die Berge und die Trails. Umso technischer, desto schöner. Steil ist geil, wie man so schön sagt.

Daniel in seinem Element: Den Bergen

Bild: Harald Wisthaler

Ist einem eigentlich bewusst, dass an manchen Stellen ein falscher Tritt tödlich sein könnte?
Nein. Wenn man sicher läuft, blendet man das aus, dann ist das für mich kein Risiko, auch wenn es neben mir 200 Meter links oder rechts runter geht.

Denkt man mit so einer Leidenschaft daran, irgendwann Kinder zu haben?
Momentan denke ich nicht daran, weil mir andere Dinge wichtiger sind. Eine Familie mit meinem Sport zu vereinbaren, würde jetzt gerade Einschränkung bedeuten. Aber wer weiß, in einem Jahr kann alles anders aussehen.

Was würde dir ein Sieg am Samstag geben?
Ein Sieg ist Belohnung für den Fleiß, den man ins Training gesteckt hat und Motivation für nächste Läufe. Aber ich bin nicht am Start, um zu gewinnen. Mehr Befriedigung gibt mir der reine Gedanke daran, dass man es geschafft hat. Jeder, der so etwas schafft, ist Sieger. Und auch wenn jemand, der nicht viel läuft, einen Reschenseelauf schafft, ist das viel. Mein Ziel ist immer das Ziel.

Wer Daniels Rennen am Samstag live mitverfolgen will, kann das hier tun. 

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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