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Portrait eines Spielsüchtigen

„Spielen ist wie Rauschgift"

„Das ganze Leben dreht sich um das Spielen und darum, wie man es schafft, an Geld zu kommen." Stefan spricht mit BARFUSS über seine 10 Jahre andauernde Spielsucht.

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Bild: wikimedia.org

Es ist fast drei Uhr früh, vor ungefähr zwei Jahren, genau weiß Stefan* das heute nicht mehr, aber an den Ablauf des Abends kann er sich noch gut erinnern: Er sitzt seit zehn Uhr vormittags vor einer Slotmaschine im Spielcasino in Meran. Neben ihm ein volles Bier. Er hat noch nichts gegessen, dafür umso mehr getrunken. Aufs Klo zu gehen verkneift er sich, so lange es eben geht, denn selbst dafür fällt es ihm schwer, das Spiel zu unterbrechen. Der Meraner ist nur auf den Automaten fixiert. Die bunten Lichter, die Musik, das Quietschen und Rattern der Maschine reißen ihn total mit. Dabei geht es ihm schon lange nicht mehr ums Gewinnen. Das ist mittlerweile zweit- oder sogar drittrangig für ihn. Durch die Automaten flieht er vor seinen Problemen, vor Dingen, denen er sich nicht stellen will. Hier hat er seine Ruhe. Setzt er sich vor eine Slotmaschine und sieht alles durch den Tunnelblick, er sieht niemanden, hört nichts um sich herum, auch nicht die Männer, die neben ihm bereits seit Stunden spielen. Und er geht nicht ans Telefon. Selbst wenn seine Freundin anruft, die sich wieder Sorgen um ihn macht. Er ist wie in Trance und macht nichts anderes mehr, als zu spielen. Er muss spielen, es ist ein Drang, dem er nachkommen muss. Der Automat spuckt immer wieder kleine Summen aus, doch am Ende des Abends hat Stefan 2.000 Euro verloren.

Das ganze Leben dreht sich um die Sucht

„Das Schlimmste, was dir beim Spielen passieren kann, ist das Gewinnen. Wenn man die ersten zehn Mal nichts gewinnt, bin ich überzeugt davon, dass man es lässt“, sagt Stefan heute, während er mir auf seiner Arbeitsstelle gegenüber sitzt. Stefan ist 53 Jahre alt, könnte vom Aussehen her aber auch Mitte 40 sein. Seine Augen sind kastanienbraun, seine Haare noch dunkler. Er hält seine Lesebrille in den Händen, dreht sie hin und her, wirkt ein bisschen nervös. Er ist bereit, offen über seine Sucht zu sprechen, seinen Namen will er aber nicht nennen, um nicht erkannt zu werden.

„Meine Freundin habe ich auf Knien angebettelt, ich habe geweint und gefleht, sie soll mir Geld zum Spielen leihen. Es ist als würde man Rauschgift brauchen.“

In der Zeit, als er noch spielt, dreht sich alles nur ums Geld: sparen, verdienen, leihen und zurückzahlen. Er nimmt neben seiner Vollzeitarbeit noch mehrere Nebenjobs an. Er gärtnert, macht Elektro- und Kleinarbeiten, seinen ganzen Tagesablauf richtet er aufs Spielen aus, Hobbys hat er keine mehr. Irgendwann erzählt er seiner Familie und seiner Freundin von seiner Spielsucht. Geld leihen wollen sie ihm ab diesem Zeitpunkt keines mehr, doch Stefan erfindet Geschichten und schafft es immer wieder. „Ich habe extrem viel gelogen, das machen Spieler“, sagt Stefan entschuldigend, den Blick gesenkt. „Meine Freundin habe ich auf Knien angebettelt, ich habe geweint und gefleht, sie soll mir Geld zum Spielen leihen. Es ist als würde man Rauschgift brauchen“, sagt er beschämt und klopft sich mit zwei Fingern auf den Unterarm. „Am Ende tat ich ihr Leid und sie gab mir schweren Herzens wieder Geld.“ Am nächsten Tag sagt Stefan wie immer, sie soll ihm nie wieder Geld leihen. Sie macht es trotzdem.

Im Supermarkt kauft Stefan nur das Nötigste, Kleidung nur noch die billigste. „Man denkt automatisch, wenn ich zwei Euro spare, kann ich sie zum Spielen nehmen“, sagt Stefan. Er erfindet sogar Ausreden, um nicht mit seinen Freunden Pizza essen gehen zu müssen. Geht er mit seinen Kumpels weg, sagt er früh, dass er müde ist. Aber er geht nicht nach Hause, sondern in die nächste Spielhalle, wo er stundenlang am Münzautomaten sitzt und das gleiche monotone Spiel spielt. „Es ist total bescheuert“, sagt er und lacht. Jeden Cent steckt er in die Automaten. Das geht zehn Jahre so.

Ein ewiger Kampf

2010 geht Stefan zur Therapie nach Bad Bachgart. Zwei Monate danach hat er einen Rückfall. Anfang dieses Jahres hat Stefan seine zweite Therapie gemacht – diesmal in der psychiatrischen Klinik „Parco dei tigli“ in der Nähe von Padua. Durch Gruppentherapien und durch die Betreuung von Psychologen hat er es geschafft, seit drei Monaten nicht zu spielen und zu trinken. Noch immer geht er zweimal pro Woche zur Psychologin – um zu lernen, seine Probleme anders zu lösen und um wieder ein normales Leben führen zu können.

Heute hat er seine Schulden abbezahlt und spielt nicht mehr. „Ich hoffe das bleibt so, ich will da nicht mehr reinfallen“, sagt er bestimmt und lächelt. Zurzeit fühle sich der 53-Jährige recht gut, sagt er. Aber er weiß auch, dass er aufpassen muss. Sein Bruder verwaltet sein Konto, die Chance, abstinent zu bleiben sei sonst extrem klein. Auch zu viel Bargeld darf er nicht bei sich haben. „Im Kopf schaltet es dann um und ich gehe spielen. Es ist ein automatischer Gedankengang, den ich erst langsam abbauen muss“, sagt Stefan, der die Spielautomaten am liebsten verbieten würde, gleich wie die Glücksspiel-Werbung im Fernsehen.

„Täglich sind 500 bis 600 Euro geflogen.“

Angefangen hat alles Anfang 2005. Stefan ist arbeitslos. Unter seiner Wohnung ist eine Bar mit Spielautomaten. Stefan geht manchmal nach unten „um ein paar zu trinken“, irgendwann setzt er sich an einen Automaten. Aus Verdruss, sagt er heute. „Innerhalb von einem Jahr bin ich in den Trubel hineingerutscht“, sagt Stefan. Das Geld, das er täglich in die Automaten steckt, sind seine Ersparnisse. „Täglich sind 500 bis 600 Euro geflogen.“ Er ist frustriert, leiht sich Geld von mehreren Leuten, später kassiert er seine Lebensversicherung ab. „Man denkt immer, jetzt zahlt die Maschine, jetzt zahlt sie … Aber man kann reinschmeißen, wie viel man will, es kommt nie so viel raus, wie man rein geworfen hat“, sagt er.

Zwei Jahre später will er unbedingt aufhören. „Ich habe spät gemerkt, dass ich ein ziemliches Problem habe“, sagt er leise. Er wendet sich an den Dienst für Abhängigkeiten in Meran. „Die Dunkelziffer der Spielsüchtigen ist sehr hoch und alleine schaffen es nicht viele“, sagt Stefan. Heute kauft er sich gerne etwas zum Anziehen oder geht in ein Restaurant, ohne auf den Preis zu achten. „Ich kann es mir ja leisten, ich brauche das Geld ja nicht mehr zum Spielen“, sagt Stefan und wirkt glücklich. Dennoch hat er im Hinterkopf, dass er wieder einen Rückfall erleiden könnte, wenn er nicht ständig an sich arbeitet. Es ist ein langer Weg, der Stefan noch bevorsteht und ein ewiger Kampf, den der Mann mit sich führen muss.

 

*Name von der Redaktion geändert.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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