Anzeige

„Sex ist nicht Spaß“

Die Sexualberaterin Miriam Pobitzer im Gespräch über das gar nicht so prüde Südtirol: Warum ist uns Sex so wichtig und wie oft ist eigentlich normal?

miriam_pobitzer.jpg

Bild: Miriam Pobitzer
Ein „Auf a Glas’l“ mit etwas anderem Setting – und etwas anderem Inhalt. Die dreifache Mutter Miriam Pobitzer lud mich zu sich nach Hause ins Eggental auf einen Kaffee ein. Von ihrer ungezwungenen Art und ihrer Offenheit konnte ich mich gleich überzeugen, als sie ihren jüngsten Sohn während des Gesprächs stillte. Ihn schienen die Ausführungen seiner Mutter über Vibratoren, Orgasmen und Pornos nicht zu stören, ich sah dies als Aufforderung, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.
 
Wie kamen Sie dazu, anderer Menschen Sexualleben zu therapieren?
Ich war nicht sehr motiviert zu studieren, aber mein Vater hat das schon gewünscht. Dann habe ich Psychologie studiert, aber das Studium in Innsbruck hat mich nicht so angelacht. Es ist sehr naturwissenschaftlich, diagnostisch ausgelegt. Das liegt mir absolut nicht. Ich habe dann versucht, mir die Rosinen herauszupicken und in meiner Diplomarbeit habe ich über die Geschichte der Vibratoren geschrieben. Die Hysterie ist zum Beispiel schon zu Zeiten Freuds mit Vibratoren behandelt worden, auch mit Wassertherapie, bei der die äußeren Genitalien mit feinen Wasserstrahlen besprüht wurden. Die Frauen haben also einfach einen Orgasmus gehabt. Eine Sexualstörung, die Hysterie galt als solche, wurde mit etwas Sexuellem behandelt. Das fand ich spannend.
 
Und der Vibrator heute?
Das ist eine Instrumentalisierung der Sexualbefriedigung. So betrachtet, hat der Vibrator auch eine große Schattenseite, abgesehen von den Möglichkeiten, die er bietet. Der Vibrator ist nur ein Instrument, der einen zum Orgasmus bringt, hat aber nichts mit dem komplexen Menschsein zu tun. 
 
Ich merke, dass dies kein oberflächliches Gespräch über Sex werden wird. Miriam Pobitzer geht in die Tiefe und gelangt dabei teilweise sogar in philosophische Überlegungen über das Menschsein. Ich lausche gespannt.
 
Die Sexualwissenschaft redet von drei Dimensionen in der Sexualität: Die körperliche, die partnerschaftliche und die psychische Seite, die die Gedanken und Gefühle einer Person betrifft. Der Vibrator ist so eine Sexualität ohne Gefühl, ohne diese Dimension. Sexualität ohne Gefühl ist der beste Weg in die Sexsucht. Der Körper kommt zur Befriedigung, aber die zwei anderen Dimensionen nicht. Das macht süchtig. Man sucht nach mehr Befriedigung. Das ist dann wie eine Sogwirkung, mehr Körper, weniger Gefühl, noch mehr Körper, noch weniger Gefühl. 
 
Wer kommt zu Ihnen?
Paare und Einzelpersonen, die jüngsten waren 16, die ältesten auch schon über 80 Jahre alt. Oft kommen die Leute zu mir, weil der Urologe oder Gynäkologe nicht mehr weiterkommt. Wenn es kein körperliches Problem gibt, dann ist es meine Aufgabe zu schauen, wie man zu einer Lösung kommen kann. Produktiv ist es, wenn Partner oder Partnerin mit dabei sind. Normalerweise gibt es ja auch eine Partnerdynamik, zum Beispiel beim verfrühten Samenerguss. Der Mann hat den starken Leistungsdruck, dass er seine Partnerin nicht befriedigen kann. Daraufhin bekommt er Stress. Stress fördert den vorzeitigen Samenerguss. Jeder Mensch ist total individuell, da kann man jetzt nichts verallgemeinernd sagen. Das Einzige: Sexualität hat immer mit Entspannung und Genuss zu tun. 
 
Trauen sich die Südtiroler zu Ihnen oder ist Südtirol wirklich so prüde, wie es immer heißt?
Leider kommen die Leute viel zu spät. Erst, wenn der Leidensdruck so hoch ist, dass eine Beziehung gefährdet ist. Das ist schade. Ich glaube aber nicht, dass Südtirol prüde ist. Es gibt bei uns genauso Pädophilie, Prostitution und Transvestismus. Es gibt SM, Swingerclubs und private Wohnzimmer, wo einiges läuft. Das Katholische ist bei uns noch stark, das macht den Gegenpol aus. Aber je extremer es mit fundamentalistischem, katholischem Scheinglauben wird, desto stärker wird auch die andere Seite. 
 
Wir leben in einer sehr sexualisierten Gesellschaft. Wie wirkt sich der mediale Sex auf das Geschehen in den Südtiroler Betten aus?
Das ist sexualwissenschaftlich erwiesen: Die öffentliche Sexualität macht die intime Sexualität kaputt. Je sexualisierter eine Gesellschaft, desto kranker das Privatleben. Es passiert immer wieder, dass Männer glauben, zwei- oder dreimal Sex in der Woche ist normal. Viele leiden darunter, weil sie selbst nicht mehr Lust haben, der Druck zu groß ist. Die sind dann ganz erstaunt, wenn ich ihnen den Druck nehme und sage: Halt! Ein- bis zweimal im Monat ist wirklich normal. 
 
Wie schaut es denn mit Jugendlichen aus, die Pornos schauen?
20-Jährige konsumieren mehr Viagra als die 60-Jährigen. Die stehen enorm unter Leistungsdruck. Sie glauben ein steifer Penis muss sein, macht glücklich, bringt die Frau zum Orgasmus. Das sind Mythen. Eine Frau hat nicht durch Penetration einen Orgasmus. Die Klitoris ist organisch gleich aufgebaut wie ein Penis. Wenn man den Mann nicht beim Penis stimuliert, würde er sich schwer tun, einen Orgasmus zu haben. So ist es bei der Frau auch. Wenn aber eine Frau vertechnisiert wird, so „Liebhaber-Schritte 1–10: Wie massiere ich eine Klitoris?“ – das ist totaler Schmäh. Wir sind Menschen, wir sind keine Maschinen. 
 
Vibratoren, Penisringe, Fesseln – also schlechte Begleiter im Bett?
Ich tu mich schwer, zu werten. Es gibt Menschen, die gut damit können, bei denen das ein guter Spielzusatz ist. Warum nicht? Wenn das aber zu einem Zwang wird, dann wird es zu einem Fetisch. Das macht dann meistens Spannungen in der Beziehung, dann wird es krankhaft. Ich glaube, dass wir das Spüren verlernt haben. Wir brauchen immer stärkere Reize, um uns selbst zu spüren. Wenn wir nur auf einem Waldweg spazieren, sind wir nicht zufrieden, wir müssen unbedingt einen Gipfel erreichen. Weg vom Leisten, weg vom Funktionieren, hin zu einem Sich-selbst-Genügen! Das soll es sein! Erst, wenn ich sagen kann, ich bin glücklich und ich beschenke dich, fängt das Produktive in der Beziehung an.
 
Sohn Nummer zwei erscheint leise auf der Terrasse, um mir frischen Kaffee zu bringen. Damit erinnert er mich daran, auf mein Notizbuch zu schauen und einen Zahn zuzulegen. Gerne hätte ich Miriam Pobitzer einfach noch weiter über Beziehungen und deren Gelingen sinnieren lassen, aber die BARFUSS-Leser sollen ja auch langsam zum Höhepunkt kommen.
 
Ist Sex ohne Orgasmus guter Sex?
Unbedingt. Hauptsächlich für Frauen ist die Sexualität ohne Orgasmus enorm wichtig. Die Frau muss in der Sexualität lernen, zu sagen, was sie will: „Jetzt streichelst du meine Nasenspitze, und nur meine Nasenspitze.“ Sie soll genießen, auch ohne auf einen Orgasmus aus zu sein. Das muss sie auch lernen zu verbalisieren. Ich, Ich, Ich! Das ist wichtig für die Frau. Für den Mann liegt die Lernqualität darin, nicht ans Ziel zu kommen, sondern im Moment aufzugehen und dadurch auch schon befriedigt zu sein. 
 
Warum ist Sex uns überhaupt so wichtig?
Sex ist der „Pick" in einer Beziehung. Sex tausche ich nur mit diesem Menschen aus. So intim und nackt kennt mich nur dieser eine Mensch. Dadurch werden dieser Mensch und die Beziehung immer wertvoller für mich.
 
Der größte Sexmythos?
Sex macht Spaß. Ich finde, das ist der größte Blödsinn. Sex ist nicht zum Spaß da, Sex ist ein sehr intensiver Austausch. Viele Menschen leiden unter dem Druck, dass Sex nicht Spaß macht, dass man dafür arbeiten und investieren muss. In diesem Mythos liegt ganz viel Zerstörungspotential.

Julia Tapfer

mag Geschichte und Geschichten. Liebt gutes Essen und hasst es, für schlechten Kaffee auch noch Trinkgeld geben zu müssen.
Anzeige

Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Haha, der war gut! Da ist wieder jemand auf Kinsey und Schwarzer reingefallen. Natürlich kommen Frauen zum Orgasmus durch Penetration: es gibt ja schließlich noch den G-Punkt, das empfindliche, bei Erregung anschwellende Gewebe, das man in der oberen Scheidenwand ertasten kann. Wird dieses stimuliert, kommt ganz schnell der Orgasmus. Das kann mit dem Penis sein, mittels Hilfsmitteln oder mit ein oder besser zwei Fingern.
Männer kommen übrigens auch dann zum Orgasmus, wenn man nur den Schaft stimuliert und nicht die Eichel (die allein den Vergleich mit der Klitoris aushält, der Schaft hat mit der Klit nichts gemein).
"Spaß": naja, es kommt ganz darauf an, was man unter Spaß versteht. Sex kann die lustvolle Befriedigung eines Naturbedürfnisses sein, und man kann sich dabei sehr nahe kommen - muss aber nicht. Ob man es nun als Arbeit betrachten sollte - nun ja, es ist klar, dass es Bedingungen geben muss, damit es zum Sex kommt. Aber diese zu schaffen sollte im normalen Rahmen liegen.
Für Paare ist es immer wichtig, Spannungen jeglicher Art regelmäßig abzubauen. Sex ist für diesen Zweck hervorragend geeignet. Bei mir gehören unendlich lange Streichelorgien dazu. Die liebe ich aber auch mit Frauen, die nicht meine Lebenspartnerinnen sind. Aber der Orgasmus gehört auch dazu. Kommt er nicht, kann ich sehr unzufrieden sein. Das darf dann kein Dauerzustand werden.

Mehr Artikel

 | 
Winterschule Ulten

​Zurück in die Vergangenheit

Weben, Käsemachen, Kräuterkunde: In der Winterschule in Ulten lernen Teilnehmer alte Handwerke, die in keiner Schule mehr auf dem Lehrplan stehen.
0    
Partner
 | 
Interview zum neuen VBB-Stück

Gefährliches Gewähren

Biedermanns Brandstifter sind manchmal mitten unter uns. Regisseurin Mona Kraushaar über die Aktualität von Max Frischs berühmtesten Stück.
0    

Shallow Waters

Mit „Shallow Waters“ zeigen sich Lost Zone von ihrer ruhigeren Seite. Die Ballade ist zugleich der letzte gemeinsame Song mit Gitarrist Elias.
 | 
Interview zur Viertagewoche

„Arbeit nimmt zu viel vom Leben“

Ein Unternehmerpaar revolutioniert die Arbeitswelt: „Wir bezahlen 100 Prozent Gehalt für 80 Prozent der Arbeit und steigern dadurch die Produktivität.“ Ist die Viertagewoche realistisch?
0    
 | 
Interview mit UN-Mitarbeiter

„Hunger ist gewollt“

Der diesjährige Nobelpreis ging an das Welternährungsprogramm der UN. Hans Peter Vikoler arbeitet seit 27 Jahren für die Organisation und sieht Entwicklungshilfe kritisch.
0    
Anzeige
Anzeige