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Sopranistin Mirjam Gruber

„Mit der Stimme bin ich nackt“

Durch ihre Entschlossenheit hat Mirjam Gruber zwei Welten vereint: Sie hat Erfolg – auf der Bühne wie auf dem Eis.

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Bild: Amalia, by Nora Sceve

Mit der alles andere als unterwürfigen Amalia konnte sie sich von Anfang an identifizieren. In ihrem Gesicht spiegeln sich Trauer und Wut in feinen Nuancen, ihre Mimik erinnert an die einer Schauspielerin. Am Ende nimmt sie mit undurchdringlichem Westernheldenblick die Schrotflinte in die Hand und regelt ihr Schicksal selbst. Dazwischen singt sie. Ja, Mirjam Gruber ist Sopranistin und die Rolle der Amalia in Franziska Guggenbichlers „Amalia! Eine Westernoper“ ist ihr quasi auf den Leib geschrieben. Im Februar stand die Produktion auf dem Spielplan der Vereinigten Bühnen Bozen.

Dabei geht es für die Meranerin, die in Innsbruck Instrumental- und Gesangspädagogik studiert und dann in Bozen noch den Master in Operngesang nachgelegt hat, um mehr als nur eine gute Stimme: „Ich muss authentisch sein. Irgendwann bin ich so eins mit meiner Rolle, dass ich das nicht mehr unterscheiden kann, auch privat nicht.“ Als Sängerin müsse man eine extrem große Fähigkeit haben, sich zu öffnen: „Das Singen ist etwas Hochemotionales, aber auch sehr intim. Die Stimme bin ja ich selber, mit der Stimme bin ich nackt. Das ist nicht wie ein Instrument, das mich selber schützt.“ Und sie legt nach: „Schön singen, aber nichts geben – das ist zu wenig.“

„Ich tue es liebend gern. Es ist schön, wenn man sieht, dass man da, wo man etwas sät, auch etwas erntet.“

Man glaubt es ihr. Man glaubt ihr auch die selbstbewusste Souveränität, mit der sie im begeisterten Schlussapplaus schwelgt. Privat im Gespräch wirkt sie zurückhaltender, ruhiger. Auch ihre Stimme ist überraschend zart. Erst als sie im Café auf eine Bekannte trifft, verrät ihr kraftvolles Lachen die Sängerin. Auf den ersten Blick hingegen sieht man Mirjam Gruber den Brotberuf an: An der rechten Hand sind die Fingernägel lang, an der linken kurz – ja, sie unterrichtet Gitarre. Und nein, das mache sie nicht nur um der Finanzen willen: „Ich tue es liebend gern. Es ist schön, wenn man sieht, dass man da, wo man etwas sät, auch etwas erntet.“

Dementsprechend viel Freude macht der freischaffenden Sängerin auch die Opernwerkstatt für Kinder, die sie nun schon seit mehreren Jahren mit Franziska Guggenbichler in der Urania Meran organisiert. „Franzi ist immer The Mind und ich ihre Assistentin.“ Quasi Pinky und der Brain der Südtiroler Opernszene. Alleine könne man nicht viel bewirken, um das Musiktheater, Stiefkind der Südtiroler Kulturwelt, aufzuwerten. Aber wenn alle zusammenspielen würden, könne man durchaus die Oper zu den Menschen bringen, anstatt dazusitzen und zu warten, bis die Menschen in die Oper kämen, davon ist sie überzeugt.

Mirjam Gruber

Bild: Mirjam Gruber, by Andrea Fichtel

Mirjam Grubers Eltern sind Sportbegeisterte, sie selbst ist erst durch die Chorprojekte an der Wenter-Mittelschule in Meran zum Musiktheater gekommen. Dass umgekehrt die Sportbegeisterung an Mirjam Gruber vorbeigegangen ist, wäre aber gelogen. Von den Medien gerne als Sensation aufgebauscht, sei ihre Eishockey-Karriere für Mirjam Gruber das Selbstverständlichste der Welt gewesen. Gewesen – weil sie damit vorerst Schluss gemacht hat. Zu zeitintensiv sei das Singen inzwischen. Als Eishockeyspielerin bestritt sie die österreichische und italienische Meisterschaft, als Schiedsrichterin hat sie immerhin Europa- und Weltmeisterschaften sowie die Olympischen Jugendspiele gepfiffen. „Am Anfang hatte ich es hart und musste mich durchsetzen, bis die Männer auf dem Feld merkten: Die macht ihren Job und sie macht ihn gut.“

„Es ist wichtig zu vermitteln, dass eine starke Frauenbewegung da ist und dass diese auch gefördert wird.“

Heute ist Mirjam Gruber stolz auf diese Erfahrung, denn sie habe auf dem Eis viele Frauen erlebt, die das mit völliger Selbstverständlichkeit machten, genau wie sie. Und besonders das sei ihr so wichtig. „Es wird immer von Emanzipation geredet, aber na ja …“, kommentiert sie lakonisch. Man sollte sich von den blonden Stirnfransen, dem lieblichen Lächeln und den fräuleinhaften Fotos auf der Homepage nicht täuschen lassen, diese Frau will keineswegs nur die Operndiva geben, sondern mit ihren Projekten und ihren Frauenrollen auch gesellschaftliche Veränderungen bewirken. „Es ist wichtig zu vermitteln, dass eine starke Frauenbewegung da ist und dass diese auch gefördert wird.“ Deshalb die Kooperation mit dem Schauspielerinnenkollektiv binnen-I für die Reihe „Gute Nacht ihr rebellischen Mädchen“ und auch die Zusammenarbeit mit Franziska Guggenbichler.

„In der traditionellen Oper und Operette sind wir in einer anderen Zeit“, aber heute sei es wichtig, die Rolle der Frau aufzuwerten, sie als frei und selbstbestimmt zu zeigen, gibt sich die Sopranistin überzeugt. Kompromisslos geht Mirjam Gruber mit sich selber um – wie gesagt, man sollte sich nicht von ihrem gesprächsdominierenden Lächeln irreführen lassen. Selbstzweifel, Ehrgeiz, hohe Ansprüche an sich selbst – davon kann sie (Wortwitz unbeabsichtigt) ein Lied singen. Dass man so manches Mal im Leben eine Tür ins Gesicht geschlagen bekomme, sei nur gut, nur so könne man sich steigern. Dabei scheut die Meranerin auch nicht davor zurück, nachzubohren, was genau bei einem Vorsingen nicht überzeugt habe. Wenn dann die Antwort lautet: „Zu blond, zu blauäugig“, dann ärgert sie das schon mal: „Jeden in eine Schublade zu stecken und zu sagen: Du kannst das singen und das nicht, davon müssen wir uns befreien.“

Mirjam Gruber in „Schenkt man sich Rosen in Tirol”

Bild: Mirjam Gruber, by Ade Kuss

Nachdenklich – und dieses Mal vielleicht auch etwas weniger lächelnd – erzählt Mirjam Gruber von ihrer Studienzeit am Bozner Musikkonservatorium, als sie das Gefühl hatte, die mädchenhaft koketten Rollen, die für so eine junge Stimme geeignet sind (etwa der lyrische Sopran der Susanna in Mozarts „Le nozze di figaro“), würden nicht zu ihrem Aussehen passen. Inzwischen habe sich ihre Stimme zu einem jugendlich-dramatischen Sopran entwickelt, und sie merke, dass die Rollen, die sie jetzt singen kann, körperlich und stimmlich genau zusammenpassen. „Das ist ein gutes Gefühl.“

Auf die Frage nach ihren Traumrollen tritt wieder das gewohnte Lächeln auf ihre Lippen. „Die lustige Witwe“ von Franz Lehár sei für sie als 16-jährige Chorsängerin damals der Aha-Moment gewesen, der sie von einer Gesangskarriere träumen ließ. Mal die Hauptrolle der Hanna Glawari, also die lustige Witwe selbst zu singen, fände sie schön, „einfach weil sich dadurch ein Kreis schließen würde“. Aber erstmal geht es zur Internationalen Sommerakademie bei den Seefestspielen in Mörbisch, außerdem nach Griechenland für eine Aufführung von „Orpheus und Eurydike“ in konzertanter Form. Über alle weiteren Pläne hält sich Mirjam Gruber geheimnisvoll bedeckt. Natürlich umspielt dabei ein Lächeln ihre Lippen.

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Auf a Glas'l mit einer Opernregisseurin

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