Anzeige
Elektrikerin Johanna Hillebrand im Gespräch

„Man braucht ein dickes Fell"

Johanna Hillebrand ist Elektrotechnikerin. Die junge Frau über ihren Beruf, Smarthomes und sexuelle Anspielungen als Frau in einer Männerdomäne.

Elektriker machen sehr viel mehr, als nur Steckdosen montieren oder Kabel einziehen. Der Beruf ist vielfältig. Ein Grund, warum Johanna Hillebrand darin ihre Berufung gefunden hat. Mit ihren zarten Händen und den rot lackierten Nägeln sieht Johanna vielleicht nicht aus wie der typische Handwerker, trotzdem könnte sie sich eine andere Arbeit gar nicht mehr vorstellen.

Bild: Johanna Hillebrand
Bereits als Kind verbringt die heute 27-Jährige Stunden in der Werkstatt ihres Vaters. Im Sommer verdient sie sich durch das Mitarbeiten im elterlichen Betrieb ihr Taschengeld. Sie ist geschickt, die Arbeit macht ihr Spaß. Technisches und logisches Denken war schon immer ihre Stärke. Trotzdem macht Johanna nicht gleich die Lehre, sondern zuerst die Matura. Danach arbeitet sie ein Jahr als Kindermädchen in Rom. Die Zeit nutzt die Lananerin, um zu überlegen, was sie später machen will. Was das ist, ist schnell klar. Johanna besucht die Fachschule für Elektrotechnik in Meran und nach dem Fachbrief die Meisterschule in München.

Seit drei Jahren hat sie ihren Meister nun ihn in der Tasche und arbeitet seitdem im Betrieb ihres Vaters mit. Zudem unterrichtet die ehrgeizige Frau vier Tage in der Woche Elektrotechnik in der Berufsschule Bozen. 

„Ich glaube, vielen Mädchen oder Frauen würde ein Handwerksberuf gefallen.”

Johanna, warum glaubst du, gibt es so wenige Elektrikerinnen in Südtirol?
Viele schreckt es sicher ab, weil das ein typischer Männerberuf ist und ein Handwerksberuf natürlich auch körperliche Arbeit bedeutet. Aber vor allem Elektrotechnik ist ein total breit gefächerter Bereich, das ist das Interessante. Man muss sich auch ständig weiterbilden, weil der Bereich so schnelllebig ist. Ausgelernt hat man nie. Sicher muss man als Frau auch mal ein dickes Fell haben, aber es macht wirklich Spaß. Ich würde mir wünschen, dass sich mehr Mädchen oder Frauen trauen, es auszuprobieren. Sie müssen ja keine Lehre anfangen, aber wenn sie sich für den Beruf interessieren, sollten sie zumindest mal ein Praktikum machen, damit sie den Beruf kennenlernen. Egal ob Maurer, Elektriker oder Tischler – ich glaube, vielen Mädchen oder Frauen würde ein Handwerksberuf gefallen.

In Südtirol fehlen in allen Bereichen des Handwerks Fachkräfte…
Ja, das merkt man immer häufiger. Ich habe zuerst die Matura gemacht und dann die Ausbildung und ich bereue das nicht. Aber ich habe nicht studiert und das muss auch nicht jeder. Wenn man ein guter Handwerker ist und sein Fach beherrscht, kann man auch ein schönes Geld verdienen, wenn man nicht studiert hat. Handwerk hat eine Zukunft.

Welche Aufgabenbereiche gehören zu deiner Arbeit?
Man kann als Elektrotechniker von der Steckdose bis zu großen Industriebauten alles machen. Man kann auf dem Bau arbeiten oder Programmieren. Mir gefällt eigentlich alles, ich bin sehr zufrieden mit meiner Berufswahl. Mir gefällt es gut, auf einem Rohbau zu arbeiten, da sieht man nach einem Arbeitstag genau, wie viel man geschafft hat. Aber mir gefällt auch die Arbeit am PC. Lichtplanung zum Beispiel. Dabei muss man konzentriert planen und sieht erst später bei der Umsetzung, wie es wirkt. Mittlerweile werden auch die sogenannten Smarthomes immer beliebter, also Häuser, die mit dem Smartphone gesteuert werden können. Die haben viele Vorteile. Man kann sie im Urlaub zum Beispiel so steuern, als wäre man zu Hause. Sie sollen auch energiesparender sein.

Wie ist es dabei aber mit Hackern?
(lacht) Diese Häuser sind passwortgeschützt und abgesichert. Wenn jemand wirklich will, dann findet er sicher einen Weg, aber das ist bei einem normalen Haus auch so.

Nun sind Frauen ja eine Seltenheit in deinem Beruf. Welche Reaktionen hast du schon miterlebt?
In der Schule bin ich gut aufgenommen worden und auch bei meinen Praktika. Ich hatte nie negative Reaktionen. Klar, auf Baustellen kommt schon der ein oder andere Spruch, aber da hört man drüber hinweg oder sagt etwas zurück. Ich habe mich aber noch nie unwohl gefühlt. Klar fällt man auf, aber mich stört das nicht.

„Manchmal sind es auch sehr sexuelle Anspielungen.“

Was sind das für Sprüche?
Simple wären: Gehen wir mal was trinken? Kannst du das? Das ist viel zu schwer für dich, sollen wir das für dich tragen? Da sage ich immer ja, wäre ja blöd, wenn sie es mir schon anbieten (grinst).
Wenn man zusammen mit einem Arbeitskollegen auf die Baustelle geht, kommen Sprüche wie: Hast du heute deinen Aufpasser mit? Manchmal sind es auch sehr sexuelle Anspielungen. Einmal traf ich im Keller auf einen Zimmermann und dachte mir: Was macht ein Zimmermann im Keller? Der machte dann auch sexuelle Anspielungen. Wenn so etwas vorkommt, arbeite ich einfach in einem anderen Bereich weiter oder sage er soll gehen.

Gab es mal negative Reaktionen oder haben Kunden schon mal explizit einen Mann verlangt?
Ganz am Anfang gab es so etwas. Wir haben bei einer Kundin Schalter montiert. Ich war damals Lehrling und zusammen mit einem Gesellen auf dem Bau. Anschließend weigerte sich die Frau, meine Stunden zu bezahlen, weil das angeblich ein Geselle auch alleine geschafft hätte. Wir haben versucht ihr zu erklären, dass wir das in eineinhalb Stunden geschafft haben und der Geselle alleine drei Stunden gebraucht hätte, wobei meine Stunde wesentlich günstiger ist als seine. Aber das hat sie nicht eingesehen. Ich muss aber sagen, auf solche Kunden verzichte ich dann gerne. Die gibt es aber wohl in jeder Branche. Und einmal bei einer Initiativbewerbung sagte man mir ganz offen, dass sie keine Frauen einstellen.

Heftig.
Ja. Leider ist es so. Ein Grund, der vielleicht viele Arbeitgeber abschreckt ist, dass man nicht mehr als Elektrotechnikerin arbeiten darf, sobald man schwanger ist.

Du wirst im September den Betrieb deines Vaters übernehmen. Freust du dich schon auf die neue Herausforderung?
Ich hätte meine Schüler gerne weiter betreut, aber es wäre zu viel Arbeit, mich auf zwei neue Klassen vorzubereiten und gleichzeitig den Betrieb zu übernehmen. Ich freue mich aber schon sehr darauf. Wir sind eine junge Firma, nach meinen Eltern bin ich die Älteste. Es macht Spaß, ein so junges Team zu haben. Mein Vater wird auch im Betrieb bleiben und mich unterstützen. Darüber bin ich froh, dann wird das schon funktionieren.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Patric Corletto im Portrait

Das Einhorn

Die erste App programmierte er mit 18, heute arbeitet Patric Corletto für ein internationales Start-up. Doch am liebsten wäre er CEO einer Gaming-Firma.
0    
Neuer Song von Cemetery Drive

2AM

Mitten in der Nacht, tausend Gedanken laufen durch den Kopf, an Schlaf ist nicht zu denken: Cemetery Drive mit ihrem Song über diese wohl allen bekannte Situation.
 | 
Menschenhandel

Unsichtbare Ketten

Weltweit sind 40 Millionen Menschen von Menschenhandel betroffen. Das Projekt „Alba“ kümmert sich um Frauen, die aus ihrer Heimat verschleppt und in die Prostitution gezwungen wurden.
0    
 | 
Straßenzeitung zebra.

Bild-schön

Wir wissen, dass uns Werbebilder falsche Schönheit vorgaukeln. Warum leiden dennoch so viele Menschen unter den Vergleichen? Eine Bilder-Geschichte aus Südtirol.
0    
​Win-win beim Weingenuss

„Wir waren sofort begeistert“

Shoppen und Spenden: das Motto des Onlineshops halbehalbe.it. Auch die Kellerei Kurtatsch bietet ihre Produkte an. Die Hälfte des Kaufpreises geht an eine Südtiroler Non-Profit-Organisation.
0    
Anzeige
Anzeige
Anzeige