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Interview mit Jugendarbeiterin

„Jugendliche brauchen einen Ort“

Die Zeit der Isolation ist vorüber und doch ist für die Jugend nichts mehr wie vorher. Ein Gespräch mit Gabriela Messner vom Jugendzentrum Jump.

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Ein Bild aus vergangenen Tagen, als die Welt für die Jugendlichen noch in Ordnung war.

Bild: Juze

Eigentlich sind Dominik (19) und Lena (14) unterschiedliche Menschen, mit eigenen Hobbys, Interessen und Freundeskreisen. Und doch haben sie etwas gemeinsam. Sie gehören beide zur Bevölkerungsgruppe, die wohl am meisten unter den aktuellen Einschränkungen leidet und von der Politik wie vergessen scheint.

Dominik legt in seiner Freizeit mit Vinylplatten auf und macht Musik. In der Quarantänezeit ging das nicht. Und so verwandelte er sein Zimmer in ein kleines Ersatzstudio. Stress vorprogrammiert. „Mit der Zeit wurde es anstrengend. Ich musste immer Rücksicht nehmen. Auf meine Eltern, meine Schwester, die Nachbarn. Irgendwann nervt jeder jeden und alle drehen durch.“

Der fehlende Tagesablauf macht dem 19-Jährigen zu schaffen. Normalerweise besucht er die Gutenberg in Bozen mit Fachrichtung Grafik und Mediengestaltung. Verlässt um sieben Uhr das Haus und kommt häufig erst um fünf Uhr abends heim. Dieser Alltag fehlte in der Zeit der Quarantäne. „Mit der Zeit verzweifelt man und wird sogar leicht depressiv“, gesteht Dominik.

Auch für die 14-jährige Lena war der Lockdown alles andere als einfach. Anfangs dachte sie noch „Cool, keine Schule!“, aber jetzt vermisst sie den Schulalltag. In ihrer Freizeit spielt sie sonst Badminton, trifft regelmäßig ihre Freunde und Freundinnen. Im Lockdown ging das auf einmal alles nicht mehr.

In Lenas Augen macht es keinen Sinn, dass jetzt alle Geschäfte wieder aufmachen, die Schulen aber geschlossen bleiben.

„Zu Beginn war’s noch okay und ich habe einfach viel telefoniert. Aber dann wurde es schlimmer. Ich konnte meine Schwester nicht mehr sehen, weil sie in Wien studiert. Ich konnte meine Freunde nicht sehen und meine Familie in Ungarn.“ Dass Jugendliche in den Medien häufig als die Buhmänner dargestellt wurden, findet Lena schade. „Warum werden alle in einen Topf geworfen? Ich halte mich auch an die Regeln und auch für uns Jugendliche ist es nicht einfach, den ganzen Tag zuhause zu sitzen. Wir brauchen den sozialen Kontakt.” In Lenas Augen macht es keinen Sinn, dass jetzt alle Geschäfte wieder aufmachen, die Schulen aber geschlossen bleiben.

Die strenge Phase der Quarantänezeit ist mittlerweile zwar vorbei, aber noch immer scheinen Jugendliche keinen wirklichen Platz zu haben. Schulen bleiben geschlossen. Festivals oder Veranstaltungen gibt es diesen Sommer keine. Ein Jugendzentrum wäre jetzt genau einer jener Orte, wo Jugendliche sich weiterentwickeln können und mit Gleichaltrigen interagieren können. Aber auch hier hat Corona den Jugendlichen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Ab 11. Mai hätten die Jugendzentren öffnen sollen – zumindest theoretisch. BARFUSS hat Gabriela Messner vom Jugend- und Kulturtreff “Jump in Eppan” gefragt, wie es bei ihnen aussieht.

Ist euer Jugendtreff schon offen?
Wir haben bisher noch abgewartet, den Jugendtreff wieder zu öffnen, da sich die Kriterien, die für Jugendzentren gelten, fast täglich geändert haben. Aber jetzt ist Ende Mai, wir müssen endlich aufmachen. In drei Wochen sollte das Sommerprogramm starten, das heißt, wir müssen das Programm von drei Wochen absagen und neu organisieren. Es sollen zwar Lockerungen kommen, aber darauf können wir nicht mehr warten. Die Jugendlichen brauchen jetzt einen Ort, wo sie hingehen können.

Ein ungutes Gefühl, nicht zu wissen, wie genau man planen soll…
Ja. Wir haben sehr lange gewartet, um endlich mal zu wissen, wie wir starten können, wie groß die Gruppen sein dürfen, was wir tun dürfen und was nicht.

Wie tauscht ihr euch mit anderen Jugendzentren aus?
Wir hatten in der Zeit der Quarantäne einmal pro Woche ein Treffen der Geschäftsführer*innen, in denen man sich über die Neuerungen austauschte. #virtOJAl ist entstanden, eine Plattform zum Austausch und der digitalen Jugendarbeit in Südtirol.

Wir vom Überetsch-Unterland halten zudem über das Netzwerk OJA Überetsch-Unterland (Offene Jugendarbeit) Kontakt. Es ist wichtig, dass wir uns gegenseitig weiterhelfen und einheitlich auftreten.

Wie schwierig ist die momentane Situation?
Für uns Jugendarbeiter*innen ist es besonders schwierig, da bei uns der Vorstand die Verantwortung trägt, dieser besteht aus ehrenamtlichen jungen Menschen.

Auch den Abstand einzuhalten finde ich sehr schwierig, vor allem, wenn man Spiele veranstalten will. Zudem dürften die Jugendlichen eigentlich nicht ohne Begleitung zu den Sommerprojekten ins Juze kommen. Da arbeiten wir aber an einer Lösung.

„Rausgehen ist ein ganz normaler Drang der Jugendlichen, wir sollten mal alle zurückdenken, an die Zeit als wir in diesem Alter waren. Hätten wir es ausgehalten, nur zuhause zu bleiben?”

Was würdet ihr euch von der Politik wünschen?
Es hat den Anschein, dass nur auf “systemrelevante”, für die Wirtschaft nützliche Bürger*innen geachtet wird. Ich würde mir wünschen, dass die Politik mehr auf unsere Forderungen und Statements eingeht und auch nach unserer Meinung und jener der Jugendlichen mal gefragt wird und nicht einfach von oben herab entschieden wird.

Es sind nicht nur die Jugendzentren, sondern ganz viele Anbieter, die im Sommer nicht wissen, wie sie tun sollen und die viele Projekte absagen müssen.

Warum scheinen Jugendliche bei der Politik keinen Platz zu finden?
Ohne Unterstützung kommen Jugendliche nicht an die Öffentlichkeit. Aber deswegen gibt es uns Jugendarbeiter*innen. Wir stehen für die Bedürfnisse der Jugendlichen ein und geben ihnen eine Stimme. Wir haben bezüglich des Sommerprogramms Fragen gesammelt und an die Politik geschickt, es kam aber selten etwas zurück. Das ist schade.

Die Jugendlichen werden im Moment leider völlig vergessen. Stattdessen müssen sie sich schuldig fühlen, wenn sie das Haus verlassen. Es wird immer nur davon gesprochen, dass etwas getan werden muss, damit die Eltern ihre Kinder und Jugendlichen im Sommer aufgehoben wissen, um arbeiten gehen zu können. Aber die Bedürfnisse der Jugendlichen werden nicht erwähnt.

Laut Medien sollen Jugendliche vermehrt kontrolliert werden …
Da frage ich mich: warum? Es sollten alle gleich kontrolliert werden. Natürlich müssen sich auch Jugendliche an die Regeln halten, jedoch können sie nicht für alles verantwortlich gemacht werden.

So viel Nähe geht vorerst nicht mehr.

Bild: Jump

Was brauchen Jugendliche jetzt in dieser für sie schwierigen Zeit?
Sie brauchen Unterstützung. Genau in diesem Alter möchte und kann man nicht mit den eigenen Eltern Tag und Nacht zusammen sein. Jugendliche brauchen ihre Freiräume und Peergroups um sich weiterzuentwickeln und gegenseitig zu stärken. Es muss möglich sein, sie in ihrem Werden zu begleiten. Sie müssen ihre Grenzen ausloten. Rausgehen ist ein ganz normales Bedürfnis der Jugendlichen, wir sollten mal alle zurückdenken, an die Zeit als wir in diesem Alter waren. Hätten wir es ausgehalten nur zuhause zu bleiben?

Inwieweit können Jugendzentren jetzt ein Platz sein, wo sich Jugendliche wieder sicher bewegen können?
Einige Jugendliche treffen sich auch außerhalb von Jugendzentren – zum Glück muss man sagen – aber eben nicht alle. Besonders Jugendliche, die zuhause ein schwieriges Verhältnis haben, brauchen jemanden, der mit ihnen darüber spricht. Für sie war die Quarantäne-Zeit noch schwieriger.

In den Jugendtreffs und Jugendzentren im ganzen Land können die Jugendlichen ihre Interessen ausleben und durch den Kontakt mit gleichaltrigen und Jugendarbeiter*innen ihre Resilienz stärken. Wenn sie merken, dass sie mit ihren Problemen nicht alleine dastehen, können sie an Herausforderungen positiver herangehen.

Wie könnte sich die Zeit der Isolation auf die Jugendlichen auswirken?
Jugendliche sind mit ständigen Maßregelungen und Pflichten konfrontiert. Seit vielen Wochen bekommen sie nur noch Verbote zu hören. Hier können sich große Ängste entwickeln, welche das Leben begleiten.

Von einigen Eltern habe ich bereits gehört, dass ihre Kinder gar keine Lust mehr haben, aus dem Haus zu gehen und etwas zu unternehmen. Das ist besorgniserregend.

Wie ist das Gefühl, wieder die Tore des Juzes zu öffnen?
Unsere Jugendlichen und Jugendarbeiter*innen können es kaum erwarten, sich über das Geschehene, die Ängste und die schönen Momente auszutauschen, zusammen zu spielen und zu lachen. Wenn auch vieles nicht möglich sein wird, werden wir das Beste daraus machen.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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