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Straßenzeitung Zebra

„Im Spiegel, das bin endlich ich!“

Als Tobias, der damals noch Lisa hieß, ein Video über eine Geschlechtsanpassung geschickt bekam, ergab plötzlich alles Sinn. Es war der Beginn seiner Reise.

Tobias Stampfer 1

Tobias Stampfer

Bild: Anna Mayr

In seinem Heimatdorf im Gadertal kennt man sich beim Namen. Wenn Tobias Stampfer früher jemanden traf, grüßte man ihn mit „Hallo, Lisa!“ Dann aber kam eine Zeit, in der die Leute im Dorf sich regelmäßig an seinem Namen verschluckten. Es war allseits bekannt, dass Lisa seit der Geschlechtsanpassung Tobias hieß und auch gar nicht mehr wie eine Lisa aussah. Dennoch brachten viele seinen Namen nicht über die Lippen. „Plötzlich folgte dem ‚Hallo‘ eine merkwürdige Pause oder ein unsicheres Lächeln“, erinnert sich der 32-jährige Buchhalter. Es gingen merkwürdige Gerüchte um, und deshalb fasste sich Tobias irgendwann ein Herz und gab einer jungen Journalistin der ladinischen Rai ein ausführliches Interview. Der Beitrag wurde im Fernsehen gezeigt und siehe da: Viele Menschen schienen dadurch Antworten auf Fragen gefunden zu haben, die sie sich niemals getraut hätten, persönlich zu stellen. Sie gingen wieder vermehrt auf Tobias zu.

Bis Tobias selbstbewusst über seine Geschlechtsanpassung und die vergangenen Jahre sprechen konnte, war es ein langer Weg, der ihn einerseits weg aus dem Gadertal nach Bruneck, aber in der Folge näher zu sich selbst führte. Heute kann er auch lachen, wenn er etwa davon erzählt, wie Kunden „ganz zufällig“ kurz im Büro vorbeikamen, nur um sich Tobias, den sie als Lisa kannten, anzusehen. Manchmal aber stockt seine Stimme, es fällt ihm sichtlich schwer, an manches zurückzudenken. Schmerzhaft waren einige Erfahrungen, verletzend die Reaktionen lieber Menschen, die Tobias so gerne an seiner Seite gewusst hätte.

 

So ein Gefühl

Aufgewachsen in einer klassischen Südtiroler Familie, mit Eltern und Bruder, hatte Lisa einen ganz „normalen“ Start ins Leben. Dennoch plagte sie immer schon so ein Gefühl, dass da etwas mit ihr nicht stimmen könnte. „Ich habe wunderschöne Momente erlebt, aber es schwebte irgendwie so eine dunkle Wolke über mir“, beschreibt es Tobias heute. Mit ihrer Homosexualität, über die sie sich früh bewusst war, ging Lisa im Freundeskreis offen um, machte ihre Erfahrungen. Das mulmige Gefühl aber blieb bestehen. Erst als eine Freundin ihr den Link zu einem Video schickte, in dem es um eine Geschlechtsanpassung ging, begriff Lisa. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Gleichzeitig machte es ihr Angst und unzählige Fragen tauchten auf: Was sollte jetzt geschehen? Wie weit würde sie gehen? Was war in Südtirol überhaupt machbar? Lange haderte sie mit sich selbst, kämpfte gegen die Scham, die sie wegen ihrer Gefühle empfand und schob den Gedanken immer wieder von sich fort.

„Ich weiß heute, wie mutig und stark ich bin und dass ich stolz auf mich sein kann, so wie ich bin.“

Dann, Jahre später, kam der Tag, an dem Lisa die Nummer des Sanitätsdienstes wählte und sagte: „Ich glaube, ich habe eine Geschlechtsdysphorie!“ Dieser Moment ist tief im Gedächtnis verankert. Die Büro-Kolleg*innen waren in der Mittagspause, und die Frau am anderen Ende der Telefonleitung sagte: „Ich melde mich dann mit einem Terminvorschlag! “ Zwei Minuten hatte das Gespräch gedauert. Es änderte aber alles. Lisa ging daraufhin regelmäßig zu einem Psychologen. Schritt für Schritt sollte sie sich bewusst werden, was sie wirklich fühlte und wollte. Immer wieder kamen Zweifel auf: „Die Anpassung schien die Lösung für mich zu sein, aber die Angst war zwischendurch noch größer als der Wunsch.“ Am schwierigsten war es dann, der Familie die Entscheidung mitzuteilen. Dafür schrieb Lisa ihren Eltern und dem Bruder einen Brief. Die Reaktion darauf fiel nicht so aus, wie sie es sich damals gewünscht hätte. Jahrelang fühlte Tobias sich später schuldig. Heute hat er einen Weg zu seiner Familie gefunden. Auf ein klärendes Gespräch wartet er allerdings noch heute.

Bild: Anna Mayr

Ein neues Leben

Um ganz zu sich selbst zu finden, zog Lisa zu Beginn der Transition nach Bruneck und begann schon bald mit der Hormontherapie. Dafür brauchte es die Bestätigung eines Psychiaters über die vorliegende „Geschlechtsidentitätsstörung“. Die Medikamente wurden dann vom Endokrinologen verschrieben. Über den Begriff „Störung“ kann Tobias heute schmunzeln, „Anfangs habe ich gehadert, aber jetzt soll es mir recht sein, solange ich dadurch endlich ich selber sein und die dafür notwendigen medizinischen Schritte machen kann.“ Langsam wurde Lisa dann zu Tobias. Als erstes blieb die Periode aus, über die Monate hin wurde die Stimme tiefer und die Gesichtszüge kantiger. Am meisten freute sich Tobias über den Bartwuchs. „Endlich gefiel mir die Person, die mir da im Spiegel entgegenblickte“, sagt er. Die Entfernung der Brust war ein weiterer großer Schritt. Dann kam noch der bürokratische Aufwand. Die gerichtlich bewilligte Änderung der Geburtsurkunde war schließlich die letzte große Hürde, die Tobias mithilfe eines Anwaltes zu meistern hatte. Nun war er offiziell auch auf dem Papier ein Mann.

„Ich weiß, wie sich eine Frau fühlt, die nachts allein nach Hause geht und ich weiß, wie es als Mann ist.“

Am meisten geholfen haben Tobias auf seinem Weg seine langjährigen Freund*innen, die immer an seiner Seite geblieben sind. „Sie waren auch so mutig und stark“, sagt er. Denn besonders die schwierigste Phase der Transition, als er den sogenannten „Real-Life-Test“, die Bestandsprobe für das Leben als Mann machte, war hart. Er kleidete sich wie ein Mann und hatte schon seinen neuen Namen angenommen, sah aber noch eher aus wie eine Frau. In dieser Zeit musste auch sein Freundeskreis allerlei Kommentare, Fragen und schräge Blicke aushalten. Heute kann Tobias über vieles lachen. Besonders wenn es darum geht, neue Menschen kennenzulernen, war es anfangs schwierig und es dauerte eine Weile, bis er dafür einen guten Weg fand. Da gab es die Verehrerin, die seine Erklärungen als schlecht gewählte Ausreden interpretierte oder allerlei andere Missverständnisse. Bisher habe ihm jedoch immer eines geholfen: Reden. Mit erklärenden Gesprächen, Geduld und Humor konnte Tobias so manche Barrieren ab– und neue Beziehungen aufbauen.

Den schwierigen Prozess der Geschlechtsanpassung sieht Tobias auch als Bereicherung: „Ich weiß heute, wie mutig und stark ich bin und dass ich stolz auf mich sein kann, so wie ich bin“, sagt er. An seinem Leben als Mann genießt Tobias auch das Gefühl, unsichtbar und einfach ganz uninteressant zu sein. Diese belastenden Blicke, Kommentare und Abwertungen, die jede Frau kennt, gäbe es als Mann einfach nicht. „Ich weiß, wie sich eine Frau fühlt, die nachts allein nach Hause geht und ich weiß, wie es als Mann ist.“ Für Einblicke wie diese ist Tobias dankbar und will sich deshalb, im Alltag und im Gespräch mit anderen Männern, für mehr Respekt Frauen gegenüber einsetzen.

 

Nach vorne blicken

Alle drei Monate bekommt Tobias eine Testosteron-Spritze. Eine weitere Brust-OP steht bald an. Ob er die Geschlechtsanpassung bis zum Letzten durchziehen, also auch eine Penisprothese machen lassen wird, das weiß er noch nicht. „So wie ich jetzt bin, fühle ich mich wohl, das macht mich aus und ich habe so viel Spaß“, sagt er und lacht. Viel eher will er einfach weiter daran arbeiten, als Mensch die beste Version von sich selbst zu werden. „Mehr können wir als Einzelne nicht tun, um glücklich zu werden und die Welt besser zu machen. Dafür braucht es nicht unbedingt ein bestimmtes Körperteil!“, meint er.

Aus Südtirol wegzuziehen, war für Tobias noch nie eine Option. Sicher, ein Leben in einer großen Stadt würde Vorteile bieten, womöglich sein Leben oft einfacher machen. Dennoch würde er nie seine geliebten Berge, Freund*innen und sein Zuhause verlassen. Irgendwie sei er es dem Tal auch schuldig, findet er, denn „durch Menschen wie mich wird die Gesellschaft gefordert und muss sich mit neuen Realitäten beschäftigen. Würden alle, die irgendwie ‚anders‘ sind weggehen, würde hier alles beim Alten und somit stehenbleiben. Das wäre nicht gut!“

Autorin: Lisa Frei

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