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„Ich wollte eine Zukunft“

Radim hätte nie geglaubt, einmal obdachlos zu sein. Und doch traf ihn dieses Schicksal. Wie es dazu kam und wie er wieder Fuß fasste.

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Bild: Georg Hofer

Als ich 1990 kurz nach dem Mauerfall das erste Mal in München war, begegnete ich in einer Unterführung einem alten Mann, der in verschlissenen Kleidern auf dem Boden saß. Ich fragte ihn, ob er Hilfe brauche, und er erklärte mir, dass er auf der Straße lebe. Damals konnte ich mir nicht vorstellen, was das bedeutet. Und ich wusste nicht, dass ich 27 Jahre später selbst in so einer Situation sein würde.

Ich führte ein ganz normales Leben in Tschechien. Ich war verheiratet und arbeitete viele Jahre als Koch, auch im Ausland. Da meine Frau und ich leider keine Kinder bekommen haben, gab es nur uns beide. Im vergangenen Jahr ließen wir uns scheiden, und mir blieb nichts als mein alter Wagen. Meine Mutter war schwer krank und ich blieb bis zu ihrem Tode bei ihr. Kurz nach ihr verstarb auch mein Vater, und ich musste aus der Wohnung meiner Eltern ausziehen, da es eine Gemeindewohnung war. Mein 15 Jahre jüngerer Bruder kam vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Ich hatte niemanden mehr. Also nahm ich meine kleinen Ersparnisse, setzte mich in den alten Wagen und machte mich auf den Weg nach Südtirol, wo ich schon einmal als Koch gearbeitet hatte. Hier wollte ich arbeiten und neu beginnen. Aber alles kam anders. In einer Kurve bei Innichen hatte ich einen Unfall. Der andere Fahrer, der den Unfall verschuldet hatte, beging Fahrerflucht. Ich blieb auf dem Schaden sitzen und es entstanden noch zusätzliche Kosten. Mit dem letzten Geld und dem Gepäck, das ich aus meinem Wagen gerettet hatte, landete ich dann in Brixen. Einfach so. Weil mein Geld nur noch für die Fahrkarte bis nach Brixen gereicht hatte und ich niemand bin, der schwarzfährt.

„Es war brutal. Ich besaß weder eine Decke noch einen Schlafsack, nur ein paar Pullis und eine Jacke.”

Da saß ich also an einem Freitagabend mit meinem ganzen Gepäck auf einer Bank. Was jetzt? Die ganze Situation war so absurd. Etwas Ähnliches hatte ich mit meinen 50 Jahren noch nie erlebt, nie gedacht, dass mir so etwas passieren könnte. Dann traf ich andere Obdachlose, die schon länger auf der Straße waren. Sie gaben mir ein paar Ratschläge, wo ich essen, duschen, schlafen könnte. Aber mir ging es in diesem Moment nicht ums Essen. Ich wollte nicht auf der Straße bleiben. Ich wollte eine Zukunft. Es war kalt, und ich habe nicht geschlafen. Es war brutal. Ich besaß weder eine Decke noch einen Schlafsack, nur ein paar Pullis und eine Jacke. Ich saß dann hier und dort ein bisschen auf einer Bank und aß dort, wo für die Obdachlosen Essen ausgegeben wird. Das Wochenende brachte ich irgendwie rum. Am Montag wandte ich mich dann an die Caritas, und da hörte ich vom Haus der Solidarität. Dort stellte ich mich vor und konnte gleich einziehen, vorerst für einen Monat. Ich habe dann auch gesagt, dass ich Koch bin, und wenn meine Dienste gebraucht werden, natürlich gerne zur Verfügung stehe. Ich habe noch nie in meinem Leben etwas genommen, ohne auch etwas zurückzugeben. Gleich am nächsten Tag habe ich dann gekocht und allen hat es geschmeckt. Das war schön mitanzusehen. Und dann kümmerte ich mich gleich um meine Zukunft: Arbeit suchen, Zeitung lesen, Anzeigen sammeln. Wenn man ein Dach über dem Kopf hat, dann fällt das so viel leichter, als wenn man auf der Straße steht. Ich bewarb mich bei der Molkerei in Brixen und wurde eingestellt. Es ist kein einfacher Job, aber ich habe eine Arbeit, und das bedeutet soziale Sicherheit. Ich habe jetzt wieder eine Perspektive und kann auf etwas hinarbeiten.

„Ich glaube, wenn man sich bemüht und etwas wirklich will, dann kann man viel schaffen.”

Jeder Mensch, bei dem zumindest die Grundbedürfnisse gedeckt sind, hat natürlich Träume. Ich wünsche mir Menschen in meinem engeren Umfeld, auf die ich mich verlassen kann, mit denen ich kommunizieren und auch diskutieren kann, über alles Mögliche, denn ich bin ein offener und auch toleranter Mensch. Alleine ist das Leben viel schwerer und man beginnt, sich zurückzuziehen. Ich bin gelernter Koch, aber ich interessiere mich noch für viele Dinge, für Geschichte und ich lese gerne. Ich spreche neben meiner Muttersprache Tschechisch, auch noch Polnisch, Russisch, Bulgarisch, Serbokroatisch, Deutsch und Englisch. Da ich zum Glück kein Problem mit Alkohol oder Drogen habe, und auch nicht spiele, kann ich ziemlich gut sparen. Als nächstes möchte ich eine preiswerte Wohnung finden und irgendwann auch wieder als Koch arbeiten, vielleicht sogar ein Lokal eröffnen, mit tschechischen Spezialitäten und tschechischem Bier – das wäre toll! Ich glaube, wenn man sich bemüht und etwas wirklich will, dann kann man viel schaffen. Und wenn man sich über gewisse alltägliche Probleme den Kopf zerbricht und daran verzweifelt, dann sollte man sich immer in Erinnerung rufen, dass das im Verhältnis zu anderen Dingen eigentlich nur Kleinigkeiten sind. Mein Motto lautet: „Das sind nur Kleinigkeiten“. Es spiegelt meine positive Lebenseinstellung wieder und ich denke, dass sich heutzutage viele Leute über Dinge sorgen, worüber andere Menschen, die wirklich große Probleme haben, nur lachen können. An vielen Orten, an denen ich während all der Jahre gearbeitet habe, haben mich die Kolleg*innen so in Erinnerung behalten: „Es ist wie der Radi immer gesagt hat: nur eine Kleinigkeit“.

von Radim K.

Der Text erschien erstmals in der 33. Ausgabe von „zebra.”, Dezember 2017/Jänner 2018.

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