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Auf a Glas'l mit Tumaini Ngonyani

„Ich lerne noch“

Mit Tumaini Ngonyani hat Tisens jetzt den ersten Priester aus Afrika. Der Geistliche über seine bisherigen Erfahrungen und was einen guten Priester auszeichnet.

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Tumaini Ngonyani

Bild: Lisa Maria Kager

Tumaini bedeutet auf Swahili so etwas wie Hoffnung. Die Bantusprache ist die am weitesten verbreitete Verkehrssprache Ostafrikas und die Muttersprache von Tumaini Ngonyani, dem ersten afrikanischen Priester Südtirols. 11.000 Kilometer sind es von Tisens bis nach Tansania. Von dort kommt Tumaini her. Weil im ganzen Land Priestermangel herrscht, übernahm der 43-Jährige Anfang des Jahres das Amt des Dorfpfarrers in Tisens. Er wohnt allein in dem vierstöckigen Pfarrhaus direkt hinter dem Dorffriedhof.  Als ich klingeln will, werde ich von einer Botschaft Tumainis vertröstet.

Zu spät?

Bild: Lisa Maria Kager

Doch der Pfarrer lässt keine zehn Minuten auf sich warten. Als er mit breitem, einladendem Grinsen an der hölzernen Tür des Pfarrhauses ankommt, hält er nicht nur einen Regenschirm, sondern auch seine olivgrüne Biotonne in der Hand. Tumaini bittet mich in den Eingangsbereich, wo ich unter einem großen Holzkreuz das leidende Gesicht Jesu inspiziere, bis er mich in sein Büro führt.

Herr Ngonyani, trotz der sinkenden Zahlen sind Sie seit mittlerweile zehn Jahren Priester. Warum wählt man einen solchen Beruf?
Meine Familie war bereits seit jeher gut mit einem Priester befreundet, der uns oft besucht und mit uns Kindern gespielt hat. Ich habe ihn bei der Messe beobachtet und immer mehr Gefallen an dem Beruf gefunden. Es war auch der Wunsch meiner Eltern, dass eines ihrer Kinder Priester wird. Gezwungen hat mich aber niemand. Mein Vater hat mich sogar einmal mit auf die Baustelle genommen, damit ich die Arbeit als Bauarbeiter ausprobieren konnte. Aber das war nichts für mich. Genauso wenig wie der Beruf meiner Mutter als Krankenschwester. Irgendwann habe ich dann entschieden, ins Knabenpriesterseminar zu gehen. Die Ausbildung dort dauerte sechs Jahre. Es war eine sehr schöne Zeit.

Später sind Sie zum Studium nach Innsbruck gegangen. Wie kam es dazu?
An der theologischen Fakultät der Jesuiten in Innsbruck gibt es für Priesteramtskandidaten immer wieder Stipendien. Mein Bischof in Tansania hat mich mit einem solchen damals nach Innsbruck geschickt. Das war eine sehr große Ehre und auch eine Verantwortung für mich. Damit stand endgültig fest, dass ich nichts anderes mehr machen werde.

Nach vier Jahren in Innsbruck arbeitete Tumaini sieben Jahre lang als Priester in Rüdesheim am Rhein in Deutschland. Sein Deutsch ist daher ausgezeichnet. Ab und zu rutschen ihm auch einige Begriffe im Südtiroler Dialekt heraus.

Und was hat Sie schließlich nach Südtirol geführt?
Während der Studienzeit hatte ich ein paar Freunde aus Südtirol. Nach meiner Zeit in Deutschland hat es mich sehr interessiert, das Land a bissl näher kennenzulernen. Also habe ich nachgefragt, ob hier eine Priesterstelle frei wäre.

Aufgrund des Priestermangels im Land war das der Fall. Warum schlagen so wenige diesen Weg ein?
Man glaubt, das sei wegen des Wohlstandes. Weit entwickelte Länder leiden stärkter unter dem Priestermangel als zum Beispiel wir in Tansania. Dabei leben die Priester hier ja nicht in Armut. Man hat ein großes Haus und kann sein Leben gut gestalten.

Das Pfarrhaus in Tisens

Bild: Lisa Maria Kager

Denken Sie, dass es etwas ändern würde, wenn Frauen auch Priesterinnen werden könnten?
Die Zahl der Priester würde dadurch bestimmt erhöht, die Lehre der Kirche sagt aber etwas anderes. Gott hat die Berufe und Berufungen anders bestimmt und wir kleinen Menschen können das nicht einfach ändern. Die priesterliche Vollmacht wurde an die Apostel gegeben. Diese waren ausschließlich Männer. Das heißt nicht, dass Jesus oder Gott gegen Frauen war. Immerhin ist er nach seiner Auferstehung auch zuerst den Frauen erschienen, das ist ein Zeichen. Überhaupt gab es um Jesus herum viele Frauen, die ihn begleitet haben. Die hatten wichtige Aufgaben, die wir auch heute noch mehr wahrnehmen und unterstützen müssen, damit die Frauen Freude an diesen Diensten haben.

Seit Januar leben Sie in Tisens. Ursprünglich kommen Sie aber aus Tansania. Wie fängt denn dort eine Predigt an?

Können Sie Ihr Heimatland Tansania beschreiben?
Tansania ist zweieinhalb Mal so groß wie Deutschland, obwohl wir mit 50 Millionen Einwohnern nur halb so viele wie Deutschland haben. Ich war auch noch nicht im ganzen Land, sondern kenne nur ein paar Regionen. Im Norden, wo der Kilimanjaro steht, war ich zum Beispiel noch nie. Ich bin vom Süden, aus Songea. Dort ist es sehr hügelig. Meine Region liegt auf etwa 1.200 Metern. Von der Höhe merkt man aber fast nichts – nicht so wie hier. In Südtirol spricht man bei einer solchen Höhe bereits von Bergen.

Wovon leben die Leute in Tansania?
Vor allem von Landwirtschaft. Bei uns macht man aber alles per Hand, die Flächen sind kleiner als in Südtirol und die Landwirte produzieren eher für den eigenen Bedarf. Es wird vor allem Tabak angebaut, aber auch Kaffee, Kartoffeln, Getreide, Bohnen und Sonnenblumen. Und natürlich viel Gemüse.

Eigentlich wächst also fast alles. Trotzdem gehört Tansania zu den ärmsten Ländern der Welt ...
Leider gab es keine große Entwicklung. Wir haben keine Industrien und auch die Bildung und medizinische Versorgung sind nicht gut. In vielen Dörfern gibt es zwar Krankenstationen, in denen festgestellt wird, dass man eine bestimmte Krankheit hat. Aber keiner hat dann ein Medikament dagegen.

Wie funktioniert das Zusammenleben der Religionen?
In Tansania gibt es mehr Christen als Muslime. Vor der Zeit der Missionare war das ganze Land muslimischen Glaubens. Auch in meiner Familie gibt es heute noch Moslems. Früher gab es zum Beispiel auch noch die Massais, die keine anderen Religionen angenommen haben. Heute sind in den Dörfern die meisten religiös. Trotzdem gibt es vor allem in Zentraltansania Volksgruppen, die nur noch von der Tradition leben. Die können nicht einmal die Landessprache, sondern sprechen ihre eigene Sprache und leben so wie die Leute früher, auch mit ihrer eigenen Religion. Das Zusammenleben allgemein funktioniert aber zum größten Teil gut.

Am Ende sind sowieso alle Religionen gleich, oder?
Ja, so sollte es sein. Was aber stört, ist der Fanatismus. Sein Leben zu opfern, um als Lohn von Gott etwas zu bekommen, das ist falsch.

Tumainis Telefon klingelt. Er entschuldigt sich und nimmt ab, dabei blättert er durch seinen vollgeschriebenen Terminkalender.

Ich habe immer gedacht, Pfarrer sei ein gemütlicher Beruf. Dieser Terminkalender sagt etwas anderes ...
(lacht) Die Leute hier wissen es zu schätzen, einen Priester zu haben und suchen daher auch oft das Gespräch. Das Leben als Priester ist jedenfalls alles andere als ruhig.

Was unterscheidet Tisens von Tansania?
Hier geht alles viel hektischer zu und die Leute wollen alles sofort haben. In den Städten ist auch bei uns mehr los, aber am Land geht es organisatorisch lockerer zu. Außerdem kann man dort selbst bestimmen, was man machen will und was nicht. Hier erwartet jeder, dass man für ihn oder sie da ist und immer alles macht. Bei einem Dorf mit 2.000 Leuten wird das schwierig. Es gibt viele Sitzungen und Feste und überall muss man dabei sein, das kann auch manchmal anstrengend werden.

Was macht in Ihren Augen einen guten Priester aus?
Wenn ich bei einer Messe zuhöre, mag ich Priester, die frei predigen. Wenn man nur abliest, kommt es nicht aus eigener Überzeugung. Mir gefällt es, mir selbst Gedanken zu machen und mir eine schöne Predigt zurecht zu legen. Wenn ich nach der Messe merke, dass die Leute mich verstanden haben, bin ich froh. Wenn sie aber froh sind, die Kirche verlassen zu können, läuft etwas schief. Die Bibel wird bei meinen Messen immer die Wurzel sein. Wir sollen etwas daraus nehmen, es ans Leben anpassen und vermitteln. Ich kann nicht nur vom Zorn Gottes und von Strafe und der Hölle predigen. (lacht)

Welche ist denn Ihre Lieblingsstelle in der Bibel?
Das Evangelium nach Markus ist mein Favorit. Wenn ich bei der Vorbereitung darin lese, spinnen sich meine Gedanken schnell zu einer Einheit. Es ist ein sehr einfach geschriebenes Evangelium, in dem auch Jesus als einfacher Mensch beschrieben wird, der zwar Macht hat, aber vorbehaltlos zu den Menschen geht. Er sieht die Not und löst sie. Das mag ich. Auch ich als Priester kann bestimmt mehr Leute für den Glauben gewinnen, wenn ich ihnen auf einer menschlichen Basis begegne.

Die Bibel liest Tumaini generell auf Deutsch. Wenn er ab und an dann doch etwas nicht versteht, zückt er das Exemplar auf Swahili.

Und wie wollen Sie die Tisener für den Glauben gewinnen?
Das ist schwierig. Man muss bedenken, dass die Menschen überall ihre Kultur und Tradition haben. Ich lerne noch. Ich schaue, was die Leute interessiert, was meine Gedanken sind und wie wir daraus gemeinsam etwas machen können.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Auf a Glas'l

BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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