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„Ich hatte Selbstmordgedanken“

Wie es wirklich ist, an Burn-out zu erkranken: Ein 29-jähriger Handwerker beantwortet jene Fragen, über die er sonst eigentlich mit niemandem spricht.

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Bild: rex-pixar/unsplash.com

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es so viele Fälle von totaler Erschöpfung, dass man darüber nachdachte, in Berlin den Kutschern das Peitschenknallen zu verbieten, um die Nerven der Bürger zu schonen. „Burn-out“ ist ein relativ neuer Begriff für ein altes Phänomen. Laut Duden handelt es sich um ein „Syndrom des Ausgebranntseins, der völligen psychischen und körperlichen Erschöpfung“. Diese Erschöpfung ist nicht auf Managerjobs beschränkt, sondern genauso unter Krankenpflegern, Seelsorgern, Lehrern und vielen anderen Berufsgruppen verbreitet. Betroffen sind Menschen, die viel Energie in ihre Aufgaben stecken, denen aber der notwendige Ausgleich zu ihrer Stressbelastung und ihrem Frust fehlt.

Raphael* ist 29, Handwerker und hatte vor fast zwei Jahren ein Burn-out. Er beantwortet uns ein paar Fragen zu Themen, über die er sonst eigentlich nicht spricht.

Hast du wirklich so viel gearbeitet?
Ja, von der einen Baustelle bin ich oft direkt auf die nächste, ohne zu essen oder Pause zu machen. Es hieß nur Vollgas geben. Auch nachts hatte ich nur wenige Stunden Schlaf. Außerdem war ich gestresst durch meine damalige Freundin, die sich ständig beschwerte, dass ich kaum Zeit für sie hatte. Das Burn-out kam dann ganz plötzlich. Ich hatte leichtes Fieber und war trotzdem arbeiten. Auf einmal bekam ich eine Panikattacke, mir hat sich der Magen umgedreht, ich habe kalt geschwitzt und es fühlte sich an, als würde die Welt untergehen. Ich habe meine Arbeit auf der Baustelle noch beendet, bin nach Hause und habe gemerkt, dass in mir irgendetwas kaputt gegangen war. Ich habe mich dann hingelegt, bin eingeschlafen und am nächsten Tag mit dem gleichen beklemmenden Gefühl aufgewacht. Irgendwie sind meine Nerven von einer Sekunde auf die andere gerissen.

Was ist dann passiert?
Ich habe in der folgenden Zeit über zehn Kilo abgenommen. Ich konnte nichts essen, weil es mir so auf den Magen schlug. Gefühle und Nerven hängen ja stark mit dem Verdauungssystem zusammen. Ich habe mir plötzlich auch nichts mehr zugetraut. Ich hielt es nervlich nicht mal aus, aus dem Haus zu gehen. Es war alles zu viel für mich. Ich lag wochenlang zu Hause auf der Couch, habe Musik gehört oder gelesen, weil selbst Fernsehen zu viel war.

Und was war mit deinem Job?
Ich hatte zu der Zeit eine Saisonarbeit. Das heißt, ein dreiviertel Jahr lang war es richtig anstrengend und ein paar Monate hatte ich dann frei. Mein Burn-out kam zum Saisonende. Daher hatte ich erstmal drei Monate am Stück frei und konnte es geheim halten.

Wie fühlt sich das Burn-out für dich an?
Es fühlt sich an, wie in einer Blase zu leben. Alle Gefühle sind sehr gedämpft. Der Kopf ist so gestresst, dass es keinen Platz mehr für Gefühle gibt. Wenn es mir ganz schlecht ging, hatte ich Panikattacken. Ich konnte anfangs gar nicht allein sein, weil ich solche Angst davor hatte. Die Panikattacken kommen ganz abrupt. Die Gedanken überschlagen sich, es gibt nichts Gutes mehr, ich fange an zu schwitzen, zu zittern, bekomme Herzrasen. Ich bin dann körperlich richtig fertig. Am Anfang hatte ich sogar Selbstmordgedanken, weil ich mit der Situation nicht klarkam. Ich habe mich gefragt, welchen Sinn das Leben hat, wenn man nichts mehr fühlt. Ganz langsam wird es aber wieder besser. Ich bin nervlich schon wieder stabiler. Irgendwie habe ich wohl gelernt, mit diesem beklemmenden Gefühl umzugehen.

„Es waren mein Ehrgeiz und auch meine Gier, dass ich mich so antreiben habe lassen. Ich wusste, wo meine Grenzen sind. Ich habe gemerkt, dass ich gestresst war, habe es aber ignoriert.”

Was haben deine Kollegen gesagt?
Ich habe eigentlich immer versucht, es geheim zu halten. Durch die folgende Saison habe ich mich durchgekämpft. Danach habe ich gekündigt. Ich musste einfach aufhören, obwohl ich den Job geliebt habe. Nur mein Chef hat von mir erfahren, dass ich ein Burn-out hatte.

Gibst du deinem Chef die Schuld daran?
Ich könnte die Schuld natürlich meinem damaligen Chef geben, weil er mich so gepusht hat und mich dazu getrieben hat, über meine Grenzen zu gehen. Aber irgendwie bin ich ja selbst daran schuld. Es waren mein Ehrgeiz und auch meine Gier, dass ich mich so antreiben habe lassen. Ich wusste, wo meine Grenzen sind. Ich habe gemerkt, dass ich gestresst war, habe es aber ignoriert.

Wie ist es, in Therapie zu gehen?
Es ist komisch. Es hat ganz schön Überwindung gebraucht und ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich gehen soll. Es hat aber auf jeden Fall geholfen. Ich habe Ratschläge bekommen, wie ich mit dem Burn-out leben kann. Ich wurde vom Psychiater auch an eine Psychologin vermittelt. Da habe ich mich endlich verstanden gefühlt. Ich habe gemerkt, dass es vielen anderen genauso geht wie mir. Ich nehme außerdem Medikamente, um ruhiger und weniger gestresst zu sein. Eine Zeit lang habe ich auch etwas genommen, um besser zu schlafen.

Meinst du, du kannst das Burn-out ganz in den Griff bekommen?
Ich glaube schon, dass es wieder ganz wie früher werden kann. Aber dafür braucht es sehr viel Zeit und Disziplin. Es ist harte Arbeit für mich, mich nicht einfach hängen zu lassen, wenn es mir mal wieder schlechter geht. Ich merke, dass es meinen Nerven besser geht, wenn ich viel schlafe und auf mich achte. Das ist wie bei jedem anderen auch, nur dass es bei mir viel krasser ist. Ich bin seit dem Burn-out weniger belastbar und schneller gereizt.

„Ich bin so erzogen worden, dass man dafür arbeiten muss, wenn man im Leben etwas erreichen will.” 

Wie gehst du jetzt mit Arbeit um?
Ich habe viel über mich lernen müssen. Jetzt versuche ich, zuerst auf mich selbst zu schauen, und dann kommt der Rest. Früher war es anders herum. Ich versuche, nur noch das zu machen, auf was ich Lust habe, und nehme nicht mehr alle Aufträge an. Ich mache lange Pausen, um mich zu erholen, mache Ausflüge am Wochenende und arbeite nicht mehr ununterbrochen.

Was hältst du von Menschen, die nicht so hart arbeiten wie du?
Ich bin so erzogen worden, dass man dafür arbeiten muss, wenn man im Leben etwas erreichen will. Jeder ist schließlich seines eigenen Glückes Schmied. Ich verstehe es nicht, wenn man nur faul zu Hause rumsitzt und keine Ziele im Leben hat. Es ist auch unfair, wenn andere für einen arbeiten, einzahlen und man selbst gar nichts dafür tut.

* Name geändert

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