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Interview mit einem Skiverleih-Betreiber

„Es wäre eine Katastrophe“

Die Skisaison steht in den Startlöchern. Oder kommt es dieses Jahr wieder anders? Skiverleih-Betreiber Thomas Leitner über Existenzängste und Sicherheit beim Skifahren.

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Bild: Thomas Leitner

Zwei Überschwemmungen und ein Vollbrand in den vergangenen 40 Jahren. Und dennoch war der Skiverleih des 30-jährigen Familienvaters Thomas Leitner aus Vals bei Mühlbach noch nie eine Saison lang geschlossen. Dann kam Corona und damit der totale Saisonausfall in der vergangenen Wintersaison. Dieses Jahr soll der Verleih zugleich mit dem Skigebiet Gitschberg Jochtal am 4. Dezember öffnen. Wenn denn alles regulär läuft.

Wie schwierig ist es in der derzeitigen Situation vorauszuplanen und zu investieren?
Für unseren Skiverleih in Vals habe ich so gut wie nichts eingekauft, weil man nur spekulieren konnte, ob die Saison wirklich starten kann. Investieren mussten wir trotzdem. Wir haben nämlich in Meransen die einmalige Gelegenheit erhalten, zusammen mit der Skischule einen Skiverleih zu pachten. Diesen mussten wir mithilfe einer Finanzierung komplett umbauen, das ganze Material neu kaufen und natürlich auch die Maschinen. Ich muss aber ehrlich sagen, die Ware bleibt noch verpackt.

Thomas Leitner ist einer von 15 Betrieben Südtirols mit dem Qualitätssiegel Leading Rent & Service.

Bild: Thomas Leitner

Ist dein Betrieb existenzbedroht, wenn die zweite Skisaison ausfallen würde?
Wenn dieses Jahr wirklich wieder ausfallen würde, gibt es nur ein Wort zu sagen: Katastrophe. Wenn man zwei Jahre keinen Umsatz generiert, fehlt einfach die Investitionsgrundlage und nicht nur die. Auch das ganze Personal ist weg – ein Mitarbeiter wartet nicht zwei Jahre ab und ist dann im dritten sofort zur Stelle. Fünf Mitarbeiter haben kürzlich wieder abgesagt, weil alles so unsicher ist. Nennt mir eine Firma, die zwei Jahre zusperren kann und dann im dritten Jahr sagt: passt, ich mach weiter.
Gerade jetzt bin ich aber auch sehr sehr froh um meine langjährigen Mitarbeiter. Einige arbeiten schon über 20 Jahre bei uns, die reißen uns einfach raus. Ohne die und ohne meine Frau ginge es sicher nicht. Meine Frau stand sogar noch im Skiverleih als sie schwanger war und hat nebenher ihr Masterstudium in Architektur gerockt. Aktuell macht sie den Skiservicetechniker-Kurs.

Wenn das Worst-case-Szenario dennoch eintritt und die Lifte bald wieder schließen müssen. Wie kommst du über die Runden?
Viele meiner Kollegen mussten sich bereits verschulden, um über die Runden zu kommen. Wir haben zumindest noch den Vorteil, dass es den Eislaufplatz und die Langlaufloipe gibt. Unser Verleih ist im Tal, wir können also Langlaufmaterial, Skitouren und auch Schneeschuhe verleihen. Wobei man dazusagen muss, dass wir damit vergangenes Jahr nur 5 bis 10 Prozent von der Arbeitsleistung eines normalen Jahres hatten – weit entfernt von Kostendeckung. Im Sommer haben wir zudem einen Radverleih neu aufgemacht. Nicht aus Spaß, sondern um Umsatz zu generieren. Man kann sich nicht mehr auf sein Kerngeschäft konzentrieren, sondern muss in neuen Gewässern schwimmen, damit man sich über Wasser halten kann.

Gibt es auch Positives, was du aus dieser Pandemie mitnimmst?
Puh. Eigentlich bin ich ein Mensch, der immer sehr positiv eingestellt ist, aber ich muss realistisch sein. Für mich als Skiverleiher, ja für die gesamte Wintersportbranche, kann es nichts Positives in dieser Pandemie geben.

Wie siehst du den Wintertourismus in Südtirol grundsätzlich?
Südtirol ist sehr variantenreich, wir haben viele Gäste, aber auch viele Einheimische, die Wintersport betreiben. Es gibt den kleinen Dorflift, der fast ausschließlich von den Leuten im Dorf genutzt wird,und Strukturen, die von einem internationalen Publikum genutzt werden und ohne diese Gäste nicht überleben könnten. Wir haben Gäste mit kleiner Geldtasche und mit großer Geldtasche. Aber sie wollen alle dasselbe: Qualität. Und auf die wird in unserer Branche häufig zu wenig Wert gelegt. Viele versuchen einfach die größte Gewinnmarge rauszuschlagen – auf Kosten der Qualität und der Sicherheit der Skifahrerinnen und Skifahrer. In diesem Bereich muss sich noch viel tun.

Wie erkennt man als Laie einen guten Skiverleih?
Einen guten Skiverleih erkennt man nicht von außen und wie schön er beklebt ist oder wie gut das Marketingkonzept ist. Dass ein Skiverleih, der nur die neuesten Skier drin hat, gut sein muss, ist leider ein Trugschluss. Wenn draußen ein Leading-Ski-Service-Schild hängt, dann ist man schon mal auf dem richtigen Weg. Aber im Grunde erkennt man einen guten Skiverleih erst, wenn der Mitarbeiter oder die Mitarbeiterin mehr Fragen hat, als du, wenn du reingehst. Man muss viele Fragen stellen, um das richtige Material auszuwählen. Beim Skiservice ist es dasselbe. Ein guter Skiservicetechniker oder eine gute Skiservicetechnikerin stellt viele Fragen zum Fahrstil, erstellt dann einen Serviceauftrag und erklärt die Arbeitsschritte, die notwendig sind.

Im Licht wird nochmal genau kontrolliert ob die sogenannte Hängekante auf der Belagseite des Skis passt – nur wenn sie passt, lassen sich die Skier angenehm und sicher fahren.

Bild: Thomas Leitner

Laut einer Erhebung der Sportgerätetechniker in der Wintersaison 2018/19, sind 80 Prozent der Skifahrer mit schlecht gewartetem Equipment auf den Pisten unterwegs. Was sollte man tun, um sicherer unterwegs zu sein? Gerade jetzt, wo die Krankenhäuser wieder an ihre Belastungsgrenze kommen…
Ich rate immer allen: Geht vor der ersten Abfahrt zu einer guten Skiservicewerkstatt und lasst eure Skier kontrollieren. Bevor man sich überhaupt auf die Piste wagt, sollte man auch die Skibindung prüfen lassen. Höchste Zeit wird’s auch, wenn man selbst merkt, dass sich die Skier nicht mehr so gut fahren oder man vielleicht sogar Schwierigkeiten beim Fahren hat. Denn dann kann es gefährlich werden. Leider ist es in der Praxis so, dass der Endverbraucher oder die Endverbraucherin diese Dinge entweder nicht weiß, sie ihn oder sie nicht interessieren oder nicht verstanden wird, warum das so wichtig ist.

Inwiefern?
Es gibt drei Dinge, die bei vielen fälschlicherweise in den Köpfen verankert sind. Erstens: Das Wachsen der Skier über den Sommer, damit sie nicht austrocknen. Dazu kann ich nur sagen: Das ist rausgeschmissenes Geld. Der Belag eines Skis kann nicht austrocknen. Wenn der weiß ist und vermeintlich trocken aussieht, sind das feine Härchen, die abstehen. Dann wäre dringend nötig sie professionell schleifen zu lassen.

Zweitens: Den meisten Skifahrern und Skifahrerinnen ist es wichtiger, wie sie auf der Piste aussehen, als ihre Gesundheit und der Respekt gegenüber anderen Skifahrern und Skifahrerinnen. Wenn sich die Skier nicht richtig fahren lassen oder die Bindung nicht richtig auslöst, gefährdet man nicht nur sich, sondern auch andere. Ich habe kein Verständnis dafür, dass man hier 50 Euro spart, aber jedes Jahr 300 Euro für den neuesten Skianzug ausgibt. Da ist auf der falschen Seite gespart.

„Den Skifahrern ist wichtiger, wie sie auf der Piste aussehen, als ihre eigene Gesundheit.“

Drittens: der Second Hand-Markt im Bereich Skiequipment. Was da bei uns hierzulande abgeht, ist brutal. Es ist so viel schlechtes Material im Umlauf, das eigentlich sofort entsorgt gehört. Vor allem beim Material für Kinder. Skischuhe, bei denen die Stöckel fehlen oder das Plastik porös ist, Skier mit Bindungen, bei denen die Schrauben fehlen oder Kinderskier, deren Bindungen bis zum Anschlag zugedreht wurden… Solche Leute frage ich dann immer, ob ihnen die Sicherheit ihrer Kinder total egal ist. Auch wer neue Skier kauft, muss vorher ein Handfinish machen lassen, denn so wie ein Ski von der Produktion kommt, ist er noch nicht auf das Fahrkönnen abgestimmt und die Kante häufig zu scharf.

Vorher – Zwischenschritt – Nachher. Nur mit einem geprüften und perfekt gewarteten Skiequipment ist man auf der Piste sicher unterwegs.

Bild: Thomas Leitner

 

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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