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Auf a Glas'l mit Bozens Bürgermeister

„Eine hässliche Gesellschaft“

Renzo Caramaschi ist Bürgermeister von Bozen, würde aber lieber auf den Berg gehen und Bücher schreiben. Pläne für seine Stadt hat er trotzdem.

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Renzo Caramaschi

Bild: Michele Pasqualotto

Renzo Caramaschi, Jahrgang 1946, studierte nach seinem Militärdienst als Offizier der Alpini Wirtschaftswissenschaften. Von 2001 bis zu seiner Pensionierung 2010 arbeitete er als Generaldirektor („Citymanager“) in der Bozner Gemeindeverwaltung. Er ist Fotograf und Autor und hat bislang drei Romane und zwei Wanderführer herausgebracht. Seit Mai 2016 ist Caramaschi Bürgermeister von Bozen.
Wir gehen ins „Bacaro“, ein heimeliges Lokal mitten im Bozner Zentrum und doch abseits der Menschenmassen. Es ist fast Mittag und Caramaschi bestellt einen Prosecco und ein Häppchen, „Polentina con la soppressa“.

Herr Caramaschi, bevor Sie Bürgermeister wurden, haben Sie bereits als Citymanager in der Stadtverwaltung gearbeitet. Sie wussten also, was auf Sie zukommt. Ist das Bürgermeisteramt so, wie Sie es sich erwartet haben?
Ein bisschen besser (lacht). Das Amt zumindest. Es ist die Politik, auf die ich nicht vorbereitet war. Ich habe keine Angst, Probleme anzugehen, aber ich habe keine Erfahrungen in der Politik. Politik ist eine eigene Welt. Ich verstehe, dass sich die Menschen von der Politik abwenden, denn sie behandelt die Probleme nur oberflächlich und analysiert sie nicht. Mit wenigen Ausnahmen. Die Politiker sind konditioniert von den Positionen ihrer Parteien. Damit habe ich Schwierigkeiten. Ich hatte nie vor, Politiker zu werden. Ein Unterschied ist auch, dass ich als Generaldirektor zwar lange Tage hatte, abends aber heim ging und frei hatte. Heute ist jeder Abend verplant.

Wenn Sie durch die Stadt gehen, werden Sie oft von den Menschen angehalten. Ist das eine Ehre oder eine Last?
Ich kann nicht klagen, ich bekomme viele Komplimente.

In dem Moment schalten sich zwei Herren vom Nebentisch in das Gespräch ein, sie fragen nach Cristian Kollmann. Der hatte Caramaschi Anfang Februar eine Mussolini-Statue überreicht, den „goldenen Benito“, weil Caramaschi mit der Restaurierung des Markus-Löwen und der römischen Wölfin – zwei Holzskulpturen auf der Talferbrücke – die „positive faschistische Erinnerungskultur“ gefördert habe.

Haben Sie nochmal mit Kollmann oder Eva Klotz gesprochen?
Denen habe ich nichts zu sagen, bevor sie sich nicht entschuldigen. Bei denen läuft die Mitgliederwerbung, die wollten bloß Aufmerksamkeit. Kollmann war Bürgermeisterkandidat in Bozen und hat 600 Stimmen bekommen, das sind 1,5 Prozent. Mit so etwas will ich keine Zeit verlieren.

Die Regierungskoalition besteht aus fünf Parteien und Listen. Wie ist das Klima in der Koalition?
Gut. Die Grünen klingen manchmal etwas radikal, aber wenn man dann nachfragt, haben sie gute Lösungen.

Im Jänner hatten Sie laut über Ihren Rücktritt nachgedacht, sie kritisierten, dass es in der Stadt zu viele Einzelinteressen und zu viel Egoismus gebe und nichts weiter gehe.
Es ging damals um das Bahnhofsareal, da sind große Interessen dahinter. Ich habe gesagt, das ist einer der zentralen Punkte unseres Programms und entweder wir gehen voran oder ich bin weg. Mit der Verbauung des Bahnhofsareals, inklusive Schwimmbad, Wohnungen, Studentenwohnungen, Büros und Busbahnhof entsteht eine moderne Stadt. Die Arbeiten werden noch 10, 15 Jahre dauern, aber wir müssen endlich damit beginnen.

Das Kaufhaus ist ein weiteres Riesenprojekt mitten in der Stadt. Anfang 2018 soll das Hotel Alpi abgerissen werden, danach können die Bauarbeiten beginnen.
Wir haben eine gut aufgestellte Arbeitsgruppe und die braucht es, denn die Bauarbeiten werden zwei, drei Jahre lang ein ziemliches Chaos bewirken. Die Bürger werden protestieren, aber wir können da wenig machen. Wir haben ein fertiges Projekt übernommen und müssen das jetzt umsetzen.

Im Wahlkampf versprachen Sie auch ein Kongresszentrum für Bozen ...
Wenn es wirtschaftlich vertretbar ist! Wir haben uns das genau angesehen. Das Kongresszentrum hat keine Priorität, aber es könnte im Bahnhofsareal realisiert werden. Aber es sollte ein Privater bauen und führen, die Gemeinde hat dafür kein Geld. Wir sind schuldenfrei und wollen das auch bleiben.

Die Autobahn soll im Stadtgebiet in den Berg verlegt werden ...
Das wäre ein Traum. Ich habe mit Rom verhandelt, aber keiner hat die nötigen 800 Millionen Euro. Aber wir wollen zumindest die Höchstgeschwindigkeit in diesem Abschnitt von 110 auf 90 Kilometer pro Stunde reduzieren lassen, das wären 20 bis 25 Prozent weniger Luftverschmutzung. Aber das ist eine Entscheidung des Transportministeriums.

Die Luftverschmutzung in Bozen hat mehrere Ursachen. Welche Rolle spielt etwa der Müllverbrennungsofen?
Der Müllverbrennungsofen trägt mit 0,8 Prozent zur Luftverschmutzung in Bozen bei, die Autobahn mit 32, Heizung und Verkehr mit nochmal je 30 Prozent. Über den Müllverbrennungsofen streiten ist Populismus, über die Autobahn streiten nicht. Wir haben vorgeschlagen, die Autobahn einzuhausen, aber die Pfeiler halten dem Zusatzgewicht nicht stand.

Immer wieder heißt es auch, Bozen sei keine sichere Stadt mehr. Was ist da dran?
Es sind neue Delikte dazugekommen, die wir nicht gewohnt waren. Begangen von EU-Bürgern, die auf Einbrüche spezialisiert sind und Nicht-EU-Bürgern, die den Drogenhandel kontrollieren. Als Bürgermeister habe ich gewisse Kompetenzen, aber nicht viele. Ich würde mir wünschen, dass Ausweisungen leichter machbar sind. Der „foglio di via“, also die Aufforderung des Quästors, die Stadt zu verlassen, nützt nichts. Diese Menschen verlassen die Stadt nicht, sie gehen nur ein paar Meter weiter. Wir müssen sie ausweisen und auch effektiv zurückschicken. Aber die Herkunftsländer wollen die Verbrecher nicht zurück und wehren sich. Und wir haben das Problem, dass wer am Abend festgenommen wird, am nächsten Morgen wieder frei ist. Damit schrecken wir niemanden ab. Derzeit werden Kameras installiert. Sie werden abschrecken und die Aufklärungsrate verbessern. Demokratie ist besser als Diktatur, weil die Regeln demokratisch festgelegt werden. Aber diese Regeln müssen befolgt werden, und da muss man auch streng sein.

Die Jugend ist die beste Zeit, um zu lernen, um zu reisen. Aber ich sehe, wie junge Menschen aus den Möglichkeiten wenig machen. Die Neugierde fehlt.

Fühlt sich Bozen mit den Flüchtlingen alleingelassen?
680 betreuten Flüchtlinge stehen über 200 nicht registrierte gegenüber, die es offiziell nicht gibt – die alle in Bozen sind. Die anderen Gemeinden müssen auch ihren Teil erledigen, denn kleine Gruppen sind bewältigbar, aber so große nicht. Ich hoffe, wir können die Notunterkunft im Alimarket, die eigentlich für den Winter eingerichtet ist, weiterhin offen halten. Sonst werden bald 200 bis 300 Menschen auf Straßen und in Parks übernachten. Das darf nicht passieren. Aber wir dürfen nicht vergessen: Diese meist armen Menschen flüchten vor Kriegen, an denen wir Mitschuld sind. Vor allem am Chaos in Libyen.

Die Jugend fühlt sich an die kurze Leine genommen, man dürfe nichts mehr machen. Ist das berechtigt?
Man darf alles machen. Alles, was intelligent ist. Wenn es darum geht, sich zu besaufen, dann scheint mir das nicht intelligent. Ich war einmal besoffen, mit 19, mir war noch nie so schlecht. Seitdem trink ich meinen Prosecco, und das war's. Die Jugendlichen haben heute, im Gegensatz zu meiner Zeit, unglaubliche Möglichkeiten. Die Jugend ist die beste Zeit, um zu lernen, um zu reisen. Aber ich sehe, wie junge Menschen aus den Möglichkeiten wenig machen. Die Neugierde fehlt. Ein Besoffener lernt nichts. Die Jugend muss die Schönheit des sich Anstrengens und sich Abmühens lernen. In der Schule und der Uni ist man beschützt, aber das Leben draußen ist hart. Wir sind eine hässliche Gesellschaft.

Was wollen Sie dagegen tun?
Wir wollen in Kultur und Bildung investieren. Bildung um der Bildung willen. Hemingway, Bach, eine Bergwanderung, das ist Leben.

Wie mächtig ist man als Bürgermeister?
Es ist nicht Macht, es ist Verantwortung. Ich höre oft schlimme Dinge und kann nicht helfen. Die Stadt ändert sich sehr schnell, der Unterschied zwischen Armen und Reichen wird größer, wir müssen schauen, dass wir eine einige Stadt bleiben.

Mir ging es gut in der Pension, ich habe Romane geschrieben und bin auf den Berg gegangen. Ich hatte ein tolles Leben und hab's mir ruiniert.

Wie hat sich das Leben als Bürgermeister geändert?
Uff ... Es hat mich ruiniert. Ich hatte einen Tag Ferien, seit ich Bürgermeister bin. Ich bin abends sehr müde. Nicht von der Arbeit, von der Politik. Man muss sich so viel Sinnloses anhören. Politik ist opportunistisch. Ich fahre täglich mit dem Bus, um zu hören, was die Menschen bewegt. Mir ging es gut in der Pension, ich habe Romane geschrieben und bin auf den Berg gegangen. Ich hatte ein tolles Leben und hab's mir ruiniert. Heute hab ich noch bis 8 Uhr Sitzungen, am Abend komme ich heim, esse, und dann schreibe ich an meinen Romanen. Damit bekomme ich den Kopf frei.

Wie viele Bücher haben Sie schon herausgebracht?
Drei Romane, jetzt kommt bald der vierte. Wobei, ich schreibe nicht mehr, sondern redigiere nur. Zu mehr fehlt die Zeit. Ich schreibe erst die Geschichte runter und dann feile ich an manchen Szenen. Aber nur an denen, die mir gefallen, da arbeite ich sehr lange dran. An den anderen leider nicht. Wenn ich am Ende das ganze Buch lese, bemerke ich diese schwachen Stellen sofort, der Leser aber glaube ich nicht.

Sie schreiben nicht nur Romane. Ich habe Ihr Buch „Zu den Almen und Schutzhütten in Südtirol“ von 2009 daheim ...
Ah, schön! 700 Seiten stark, 1,7 Kilo schwer!

… das ich deshalb auch noch nie am Berg dabei hatte. Finden Sie noch Zeit für die Berge?
Ich war vergangenen Sonntag oberhalb von Rein in Taufers mit den Schneeschuhen unterwegs. Ich habe mir ein Band gerissen, seitdem kann ich nicht mehr viel tun. Aber zum Geburtstag habe ich es mir gegönnt. Ich war auf der Ursprungalm, in der Nähe der Kasseler Hütte. Riesige Schneeflocken, und ich mutterseelenallein. In dem Moment war ich der glücklichste Mensch der Welt. Auf der Heimfahrt hat es ab Sand in Taufers nur mehr geregnet. Ich wollte so sehr wieder zurück auf den Berg, ein richtig beklemmendes Gefühl.

Caramaschi erzählt noch von weiteren Touren, die ihn meist ins Ahrntal führen, über das er ebenfalls einen Wanderführer herausgegeben hat. Wir führen das Interview in italienischer Sprache, aber Caramaschi bezeichnet alle Berge, Almen und Hütten mit ihren deutschen Namen, erst in einem zweiten Moment nennt er auch die italienischen Namen.

Da das Thema Orts- und Flurnamen wieder aktuell ist, wie halten Sie es damit?
Der Faschismus war ein immenses Desaster, Tolomeis Übersetzungen sind eine „c### allucinante“. Wohin gehen die Bozner zum Skifahren? Nach Obereggen. San Floriano kennt niemand. Oder wer tankt in Castel Varco? Wo ist das überhaupt? Alle gehen zur Raststätte Laimburg. Oder wir gehen in die Sill eislaufen. Ich liebe das Ahrntal. Ich war einmal am Keilbachjoch. Italienisch Passo del Cònio. Was für eine absurde Übersetzung, und da gibt’s unzählige Beispiele. Die vom CAI kennen diese Namen nicht, weil sie noch nie dort waren. Alles was nicht in Gebrauch ist, würde ich abschaffen. Keiner kennt die Namen, keiner gebraucht sie, kein Italiener verirrt sich dorthin. Aber man sollte die Namen, die in den Sprachgebrauch der Italiener eingegangen sind, behalten. Richtig oder falsch, es sind 100 Jahre vergangen.

Wie ist das Zusammenleben in der Stadt?
Reden wir wieder vom Löwen und von der Wölfin? Das ist ein Ensemble im Besitz der Gemeinde. Solange die beiden Figuren auf ihren Säulen waren, haben sie niemanden interessiert. Als Teile von ihnen abfielen, hat der damalige Kommissar Michele Penta sie abnehmen lassen und ich muss sie restaurieren. Dazu bin ich als Bürgermeister verpflichtet. Gerade erst erreichte mich ein Brief des Landesamtes für Denkmalpflege. Sie werden die Restaurierung mitfinanzieren. Das Land bezahlt dafür, aber ich soll ein Faschist sein? Ich war immer Mitte-links, immer für die Autonomie. Ich würde mir wünschen, dass es eine gegenseitige Wertschätzung gibt. Ich hoffe sehr auf die neue Generation. Um uns zu mögen, müssen wir uns besser kennenlernen.

Was war Ihr bester Moment als Bürgermeister?
Der beste Moment meines Lebens war die Pensionierung (lacht). Und der wird noch mal besser, wenn ich nach einer hoffentlich erfolgreichen Amtszeit als Bürgermeister abtrete.

Der schlimmste Moment?
Das waren Todesfälle in der Familie. Aber ich hatte ein glückliches Leben. Ich habe mich auch angestrengt, ich wurde in eher ärmlichen Verhältnissen geboren. Ich hatte immer den Willen zu lernen, um des Lernens willen. Wenn ich etwa kann, fange ich mit dem nächsten an.

Drei Vorsätze für die Zukunft?
Das Programm umsetzen, gesund bleiben, und noch viele Bücher schreiben. Es würde mich freuen, wenn jemand eines meiner Bücher liest und es ihm gefällt.

Matthias Mayr

überzeugter Heimkehrer, solange man ihm seinen Reisepass nicht abnimmt. Salurner, Maschggramensch, mag es barfuß, warm und sonnig.
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