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Suizid in der Familie

„Da ist so viel Entsetzen"

Saskia Jungnikl war 27 Jahre alt und auf dem Weg zur Arbeit. Dann rief ihre Mutter sie an und sagte: „Papa hat sich erschossen“.

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Saskia Jungnikl

Bild: Rafaela Proell

Saskia Jungnikl ist etwas widerfahren, was für jeden unvorstellbar ist: Als sie 27 Jahre alt war, nahm sich ihr Vater das Leben. Lange Zeit sprach sie mit fast niemandem darüber, denn so wie viele Angehörige kämpfte sie lange mit der Schuldfrage: Hätte ich mehr tun können, mehr tun müssen? Was wäre, wenn ich da gewesen wäre? In den Monaten nach dem Suizid des Vaters hat sie sich mit diesen Fragen beschäftigt, suchte Rat bei Ärzten, Psychologen und Therapeuten. Und hat einen Artikel geschrieben, für den sie mehrere Preise erhalten hat – diese Woche erscheint auch ihr Buch zum Thema. Über Suizid zu sprechen, ist nicht nur schwer, es ist auch ein Tabu-Thema. Jährlich nehmen sich laut WHO eine Million Menschen das Leben, das bedeutet: Es sterben deutlich mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag, illegale Drogen und Aids zusammen. Im Jahr 2012 haben sich 52 Familien in Südtirol mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, pro Tag gibt es etwa zwei Suizid-Versuche.

Als du die Nachricht vom Suizid deines Vaters erhalten hast – wie hast du dich da gefühlt?
Mein Vater hat sich im Juli 2008 zu Hause auf unserem Hof im Burgenland erschossen. Ich habe es am nächsten Morgen erfahren, meine Mutter hat mich angerufen. Sie hat gesagt, Papa hat sich erschossen. Das war erstmal ein irrsinniger Schock. Es klingt so vorübergehend, wenn man sagt „Schock“, aber Schock dauert ewig. Ich glaube, dass ich manchmal immer noch im Schock-Zustand bin, wenn ich daran denke. Ich habe mir damals drei Monate freigenommen, weil ich bei meiner Familie sein wollte. In der Zeit und auch danach hat alles oft surreal gewirkt. Ich hatte Phasen, in denen ich total neben mir gestanden bin und nicht glauben konnte, dass das jetzt real sein soll. Als ich nach den drei Monaten wieder nach Wien zurückgekommen bin, ging es mir sehr lange sehr schlecht. Ich konnte mit anderen Menschen nicht darüber sprechen, was passiert ist und wie es mir geht, weil ich dachte, dass ich niemandem erklären kann, wie es in mir aussieht. Ich habe mich sehr alleine gefühlt. Gott sei Dank ist diese Phase mit Hilfe von Freunden und Familie vorbeigegangen und ich habe mich dann immer mehr mit dem Thema Suizid beschäftigt, habe Studien gelesen und mich mit den Fakten beschäftigt – warum will sich jemand umbringen, wie konnte es bei meinem Vater so weit kommen?

Wie ist es dazu gekommen, dass du einen Artikel für den Standard darüber geschrieben hast?
Fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters habe ich mich an einem Abend hingesetzt und alles niedergeschrieben. Das war nicht geplant, aber ich hatte das Gefühl, ich müsste mir das vom Herz schreiben. Ich arbeite ja für den Standard, und nachdem ich mit meiner Mutter darüber gesprochen hatte, habe ich bei einer Redaktionssitzung vorgeschlagen, ihn zu veröffentlichen. Das habe ich hauptsächlich deshalb getan, weil ich mich in dieser Zeit nach seinem Tod so oft alleine gefühlt habe und ich wusste, dass es viele Leute gibt, die Ähnliches erlebt haben und sich auch alleine fühlen. Ich wollte zeigen, dass es in Ordnung ist, darüber zu reden. Einen geliebten Menschen durch Suizid zu verlieren, ist eines der schlimmsten Dinge, die einem passieren können. Da ist so viel Entsetzen, so viel Ratlosigkeit und Fassungslosigkeit. Diesen Hinterbliebenen wollte ich eine Stimme geben.

Selbstmord ist ein Tabuthema – rührt daher vielleicht das Gefühl der Einsamkeit? Sollte mehr darüber gesprochen werden?
Die Frage ist nicht, ob man mehr darüber sprechen und schreiben sollte, sondern wie man es tun sollte. Denn wie über das Thema geschrieben wird, kann darüber entscheiden, ob die Suizidrate steigt oder sinkt. Weltweit tötet sich alle 40 Sekunden eine Person, die WHO nennt den Suizid eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt. Das Thema darf nicht weggedrängt und tabuisiert werden, solange es in unserer Gesellschaft so präsent ist. Ich denke, in Österreich hängt das Tabu stark mit der Kirche zusammen. Selbstmord ist in der katholischen Kirche eine Sünde. Man muss sich vorstellen, dass die Kirche bis in die 80er-Jahre dagegen war, dass Personen, die sich das Leben genommen haben, auf dem Friedhof begraben werden. Besonders in den ländlichen Gebieten hat das dazu geführt, dass Leute sich dafür schämen und nicht darüber reden.

Empfindest du Scham?
Nein. Es war nicht meine Entscheidung, sondern die Entscheidung meines Vaters, sich das Leben zu nehmen. Ich muss mich deshalb nicht verstecken. Nachdem der Artikel erschienen ist, haben mir sehr viele Leute geschrieben. Da waren 60-Jährige dabei, bei denen sich, als sie 20 waren, ein Elternteil umgebracht hatte und sie haben nie mit jemandem darüber sprechen können. Weil sie sich so geschämt haben. Das ist furchtbar. Ich weiß nicht, wie man so etwas verarbeiten kann, wenn man sein ganzes Leben nicht darüber sprechen kann und es alleine mit sich herumtragen muss.

Im Jahr 2012 haben sich in Südtirol 52 Personen das Leben genommen, circa 500 haben es versucht. Die Suizidrate ist die höchste Italiens, es bringen sich verhältnismäßig deutlich mehr deutsch- und ladinischsprachige Südtiroler um, als italienischsprachige. Die Hälfte jener, die sich das Leben genommen haben, hatten Depressionen, ein Viertel war alkoholkrank.

Du schreibst, dein Vater hatte Probleme mit Alkohol und depressive Phasen, besonders nach dem Tod deines Bruders. Er hat sich vier Jahre nach dem Tod deines Bruders das Leben genommen. Habt ihr versucht, etwas zu unternehmen?
Mein Bruder ist 2004 gestorben. Meinem Vater ging es ab dem Tag immer schlechter. Er hat sich immer mehr zurückgezogen, immer weniger geredet oder gelacht. Wir haben ihn gebeten, dass er mit einem Therapeuten darüber reden soll. Ich war auch bei einem Therapeuten, ebenso wie mein jüngerer Bruder. Das kam für meinen Vater nicht in Frage, er war eher der Typ Mann, der die Sachen mit sich selbst ausmacht. Ich glaube, das ist auch eine Frage der Generation. Früher wurden Männer noch viel mehr dahingehend erzogen, das starke Geschlecht zu sein und keine Schwäche zuzugeben. Heute ist es für die meisten 30-Jährigen zum Glück nicht mehr so eine große Sache eine Therapie zu machen, sie sehen das nicht als Schwäche an.

Das ist auch gut so – denn eine gezielte Therapie kann bei Suizidgedanken eine große Hilfe sein. Jemandem eine Therapie vorzuschlagen, mit ihm einen Psychologen oder Therapeuten zu suchen und einen Termin zu vereinbaren, kann bereits viel bewirken. Falls du eine Person kennst, von der du weißt, dass sie Suizidgedanken hegt: Zögere nicht, sie darauf anzusprechen, zu fragen wie es ihr geht und was du tun kannst. Hilfe und Unterstützung gibt es – auch für dich, wenn dir dein Leben nicht mehr sinnvoll erscheint – rund um die Uhr unter der Grünen Nummer der Caritas. Ansonsten kannst du dich an deinen Hausarzt, die Erste Hilfe oder den Psychiatrischen Dienst deines Krankenhauses wenden.

Auf der Website des Ausstellungsprojektes Gatterer9030 wird ab Donnerstag auch folgendes Interview von Saskia Jungnikl zu sehen sein:

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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