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Auf a Glas'l mit Sabine Gruber

„Ein einsamer Beruf“

Für ihren neuen Roman absolvierte Sabine Gruber eine Ausbildung der Bundeswehr. Die Schriftstellerin über den Beruf des Kriegsfotografen und die Einsamkeit beim Schreiben.

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Bild: Gunter Glücklich

Für unser Treffen schlägt Sabine Gruber ein typisches Wiener Kaffeehaus im ersten Gemeindebezirk vor. Früher sei sie öfter in Kaffeehäusern gewesen, heute fahre sie lieber mit dem Rad entlang der Donau. Dort begegne sie weniger Menschen. „Das ist vielleicht eine Altersfrage“, sagt sie.
Zwanzig Jahre nach ihrem Debütroman „Aushäusige“ veröffentlichte Sabine Gruber (52) jetzt ihr neues Buch „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“. Gerade ist es noch ruhig um die Autorin, ab September folgen Lesungen und Interviews. Ungern nennt sie es die „Phase des Vermarktens“ ihres Buches.

Vor kurzem ist „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“ erschienen, ein Roman über den Kriegsfotografen Bruno Daldossi. Was gab den Anstoß für das Buchprojekt?
Vor zwanzig Jahren habe ich in meinem Debütroman die Nebenfigur Denzel erfunden, einen Kriegsreporter, der von serbischen Heckenschützen erschossen wird. Das Thema Kriegsreportage hat mich damals schon interessiert. Ich war mit dem Südtiroler Gabriel Grüner befreundet – wir waren Studienkollegen, studierten beide Germanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Nach dem Studienabschluss ging ich als Lektorin an die Universität nach Venedig, er an die Journalistenschule nach Hamburg. Später bekam er ein Angebot als Auslandsreporter beim Stern. Die Figur des Denzel ist unter Mithilfe von Gabriel Grüner entstanden; er war mir bei der Recherche behilflich. Im Juni 1999, drei Jahre nach Erscheinen des Romans, wurde er im Kosovo erschossen; über dieses Ereignis zu schreiben, ist mir nicht möglich. Ich verarbeite beim Schreiben keine „Geschichten“ aus dem engeren Umfeld. Aber als ich vor mehreren Jahren begonnen habe, mich aus anderen Gründen mit Fotografie zu beschäftigen, habe ich mir auch Kriegsfotos angesehen und mich in der Folge mit Biografien von Kriegsfotografen beschäftigt. So hat sich die Figur des Bruno Daldossi herauskristallisiert.

Bruno Daldossi hat also wenig von Ihrem Freund Gabriel Grüner?
Überhaupt nichts. Gabriel Grüner war schreibender Journalist, Bruno Daldossi ist Fotograf. Gabriel ist sehr jung gestorben, Daldossi überlebt seinen Beruf. Schreiben und Fotografieren sind völlig andere Arbeitsweisen. Fotografen müssen ganz nahe an das Geschehen heran, die Lebensgefahr ist meist größer. Diejenigen, die schreiben, müssen nicht zwangsläufig an die Front. Sie können sich manchmal auf Informanten verlassen.

Mich haben diese Traumata interessiert. Was passiert im Kopf eines Mannes, der als Kriegsfotograf schreckliche Dinge gesehen hat?

Wie ist die Figur des Daldossi entstanden?
Mir ging es um eine Figur, welche die Kriege hinter sich hat. Ich habe mich gefragt: Wie lebt einer wie Daldossi mit den Erfahrungen, die er dreißig Jahre lang gemacht hat, wie mit dem Wissen, dass viele Kollegen nicht mehr am Leben sind? Im Roman erinnert Daldossi sich zum Beipsiel an Leonardo Zambrotta, der ursprünglich Tiere fotografiert hat, bis er in den Bürgerkrieg von Ruanda geraten ist. Er hat später seine Kawasaki gegen einen Baum gefahren. Es ist nicht geklärt, ob er Selbstmord begangen hat. Mich haben solche Traumata interessiert: Was passiert in den Köpfen dieser Männer und Frauen, die als Fotografen schreckliche Dinge gesehen haben?

Im Rahmen der Recherche waren Sie selbst auf einem Trainingsgelände für Journalisten. Wie haben Sie die Zeit dort erlebt?
Diese Ausbildung wurde von der Bundeswehr 1999 anlässlich des Todes von Gabriel Grüner und seines Kollegen Volker Krämer ins Leben gerufen. Das wusste ich anfangs nicht. Ich wollte über einen fiktiven Kriegsfotografen schreiben und stieß bei meiner Recherche zur Bundeswehr-Ausbildung für Journalisten in Krisengebieten zufällig wieder auf den Namen Gabriel Grüner. Der fünftägige Lehrgang bildet Journalisten und NGOs aus. Man lernt zum Beispiel verschiedene Minenarten erkennen. Sie können in Spielzeugautos versteckt sein oder farblich auf die Landschaft abgestimmt sein, so dass man sie auf einer Wiese oder im Sand kaum erkennen kann. Man lernt, wie Sprengstofffallen aussehen oder wie man sich unter Beschuss zu verhalten hat.

Man kennt das Bild des Schriftstellers, der sich zurückzieht und schreibt. Sie beschreiben das Gegenteil: Einen Schriftsteller, der mitten im Geschehen ist.
Das Schreiben an sich ist ein einsamer, asozialer Prozess. Ich sitze wochenlang allein zuhause und arbeite vor mich hin. Aber um eine Figur beschreiben zu können, die nicht meinem Leben entspringt, muss ich möglichst nah an diese Figur herankommen. Da hilft nur akribische Recherche. Nur so kann ich ansatzweise ein Gespür dafür bekommen, was es heißt, in der Dunkelheit zu sitzen und darauf zu warten, dass geschossen wird. Während der Ausbildung bei der Bundeswehr hat man uns bewusst einen ganzen Tag im Regen stehen gelassen. Man hat uns mürbe gemacht, damit wir an uns selbst erfahren, ob und wie lange wir Ungewissheit und Strapazen aushalten können. Für mich war das Ganze ein Rollenspiel. Ich wusste, ich würde nie freiwillig in so eine Situation kommen. Aber es gab ein paar junge Journalisten, die nachdenklich geworden sind.

Kriegsfotografen sind Zeugen der Tragödien, die stattfinden.

Menschen wie Daldossi begeben sich in Todesgefahr, um den Krieg zu dokumentieren. Ist das nicht töricht?
Was würden wir über Kriege wissen, wenn wir diese Fotografen und Reporter nicht hätten? Sie sind es, die davon berichten, wenn in Syrien wieder Bomben fallen, sie zeigen zerstörte Städte, Verletzte, Kranke, Hungernde. Bilder haben den Vorteil, dass sie sich sofort einprägen. Selbst bei Menschen, die wenig empathisch sind, regt sich vielleicht zumindest ein wenig Mitleid. Im besten Fall hinterfragt der Betrachter das Geschehen und will politisch aktiv werden. Kriegsfotografen sind Augenzeugen der Tragödien, die stattfinden.

Das Foto von der Leiche eines türkischen Flüchtlingsjungen ging im Herbst um die Welt. Braucht die Öffentlichkeit solche Fotos oder grenzt das an Sensationslust?
Die Öffentlichkeit sollte das sehen. Das alles passiert jetzt, in unserer Lebenszeit. Aber es ist selbstverständlich etwas anderes, ob solche Fotos in einem Boulevardblatt abgedruckt werden oder in einem seriösen Magazin, in dem die Bilder kontextualisiert werden, man also auch etwas über die Geschichte des Flüchtlingsjungen und seiner missglückten Überfahrt liest. Es gibt Menschen, die sagen, man mache durch solche Bilder das Opfer ein zweites Mal zum Opfer. Es gibt aber auch die andere Seite, Opfer, deren tiefster Wunsch es ist, daß die Welt zu sehen bekommt, was ihnen widerfahren ist.

Der Kriegsfotograf Daldossi muss sich in seiner Arbeit verbieten, Anteil zu nehmen und fährt damit sein Privatleben gegen die Wand. Muss ein gesundes Privatleben in so einem Beruf zwangsläufig scheitern?
Die meisten Kriegsfotografen haben glücklose Beziehungen, die Fotografinnen verzichten auf eigene Kinder. Viele kommen aus kaputten Familien, in denen Gewalt eine Rolle gespielt hat. Es gibt aber auch Fotografen aus dem gehobenen Mittelstand, die in Wohlstand und Frieden aufgewachsen sind. Einige von denen hatten gut bezahlte Berufe, etwa als Werbefotografen. Sie befanden ihre Arbeit für sinnlos und suchten nach etwas anderem. Manche landen über Umwege beim Beruf des Kriegsfotografen. Leonardo Zambrotta zum Beispiel, eine fiktive Figur in meinem Roman, fotografierte in Ruanda Berggorillas, als der Völkermord der Hutus an den Tutsis begann. Zambrotta sah Köpfe im Fluss treiben und vernichtete daraufhin alle seine Tierfotos; er beschloss, Kriegsfotograf zu werden.

Gegenstände, die auf den Flüchtlingsschiffen gefunden wurden.

Bild: Sabine Gruber

Der Roman beginnt mit einer Flüchtlingsüberfahrt von Libyen nach Lampedusa. Waren Sie selbst in Lampedusa, um zu recherchieren?
Ich war zweimal auf Lampedusa; einmal außerhalb der Touristenzeit, das zweite Mal im Juli vergangenen Jahres. Ich wollte wissen, wie die Lampedusaner es schaffen, Flüchtlinge und Touristen unter einen Hut zu kriegen. Wenn man nicht genau hinsehen will, kriegt man als Tourist nichts von den eintreffenden Flüchtlingen mit. Die werden sofort ins Aufnahmelager ins Innere der Insel gebracht. Von dort werden sie schon nach wenigen Tagen am frühen Morgen mit Bussen zur Fähre und weiter nach Sizilien oder aufs Festland gebracht.

Sie können heute vom Schreiben leben. Gab es Zeiten, in denen Sie sich das Schreiben eigentlich nicht haben leisten können?
Im Frühjahr letzten Jahres war ich knapp bei Kasse. Ich hatte ein Jahr fast nur geschrieben und deswegen wenige Einnahmen. Dann bekam ich glücklicherweise den Veza Canetti Preis. Ich bin nicht die Schnellste beim Schreiben. Andere Autoren schreiben alle zwei Jahre einen neuen Roman. Ich bin immer irgendwie durchgekommen. Ich besitze kein eigenes Auto und keine Eigentumswohnung – mir bedeutet das nichts.

Wie ist Sabine Gruber als Schriftstellerin und wie als Privatperson?
Das können meine Freunde besser beurteilen (lacht). Als Autorin ist man asozial. Abgesehen von den Lesungen und den Zeiten, in denen ich recherchiere, ist Schriftstellerin ein sehr einsamer Beruf. Ansonsten habe ich gute Freunde, mit denen ich viel unternehme, aber auch eine liebenswerte Familie und vor allem wunderbare Neffen.

Was würde aus Ihnen werden, wenn Sie jetzt als Studentin nach Innsbruck oder Wien kommen würden?
Ich würde wieder Schriftstellerin werden. Ich war lange sehr krank und lebe mit der Niere meiner Mutter. Wenn ich ein anderes Leben zur Verfügung hätte, hätte ich sicher Kinder. Das ist das einzige, was ich ändern würde.

Ihr Rat an junge Schriftsteller?
Viel lesen! Viele schreiben und vergessen darüber, die Werke der Klassiker oder älterer Autorinnen und Autoren zu lesen. Man braucht diese Maßstäbe und das Wissen um die Tradition, um zu erkennen, was das eigene Schreiben ausmacht. Für mich war Lesen immer auch eine Form von Selbstkorrektur. In dem Moment, wo ich anfing, die Texte anderer zu lesen, habe ich meine eigenen revidiert.

Sie leben seit 2000 in Wien. Zieht es Sie irgendwann wieder nach Südtirol?
Ich war jetzt drei Monate lang für ein Stipendium im Wendland. In dieser dünn besiedelten Gegend habe ich gemerkt, dass mir in Wien die Natur fehlt. Ich bin im Schnitt alle zwei Monate für ein paar Tage in Südtirol. Es könnte durchaus sein, dass ich in Zukunft wieder öfters dort bin. Mein Lebensmittelpunkt wird aber Wien bleiben. Es ist eine großartige Stadt mit viel Lebensqualität, einem breiten Kulturprogramm und guter medizinischer Versorgung. Auch das ist mir wichtig.

Sabine Gruber liest aus ihrem neuen Buch „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Irina Ladurner

lebt und studiert in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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BARFUSS trifft regelmäßig bekannte und weniger bekannte Leute Südtirols in einem ihrer Lieblingslokale. Sie trinken, was sie möchten, und das Gespräch endet, sobald das Glas oder die Tasse leer ist. Na ja, so genau nehmen wir es dann doch nicht.

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