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Theaterstück von Dietmar Gamper

„100 Jahre Südtirol“

In seinem neusten Stück blickt Autor Dietmar Gamper auf eine Zeit zurück, die Südtirol so nachhaltig geprägt hat wie keine andere.

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Bild: Der Autor und sein Werk; Manuel Rainer

Als die Annektierung Südtirols am 10. September 1919 offiziell wird, verändert sich schlagartig das Leben der Menschen im Land. Bald jährt sich dieses Ereignis zum 100. Mal. Die Gruppe Dekadenz nimmt dieses Jubiläum zum Anlass und bringt mit der Familiensaga „100 Jahre Südtirol oder der Geburtstag einer Greisin“ eine Produktion auf die Bühne, die tragisch, grotesk und mit bitterbösem Humor gespickt ist. Das Stück feiert heute (6. März) Premiere. Für die Produktion zeichnet kein Geringerer als Theaterurgestein Dietmar Gamper verantwortlich. Im Interview spricht er über ein Stück, das immer größere Ausmaße angenommen hat, warum er darauf verzichtet, seine Figuren altern zu lassen und seine Rollen als Autor, Regisseur und Schauspieler.

Welche Geschichte erzählen Sie in „100 Jahre Südtirol oder der Geburtstag einer Greisin“?
Die gesamte Handlung spielt sich im Gasthaus einer Familie ab, wobei eine Liebesgeschichte, Erbstreitigkeiten und Feindseligkeiten gepaart mit politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen zu dieser Zeit thematisiert werden. Deshalb ist es auch durchaus eine sehr brutale und böse Geschichte, vor allem, was die Grausamkeit und Kälte der Figuren untereinander anbelangt. Im Laufe der Geschichte werden die Figuren oftmals ungerecht behandelt, was allerdings zu keinem Zeitpunkt laut ausgesprochen wird – meiner Meinung nach eine starke Eigenschaft der Südtiroler. Dies schaukelt sich dann immer weiter auf, bis alle schließlich daran zugrundegehen. Besonders spannend finde ich es zu sehen, wie sich die einzelnen Figuren im Laufe des Stückes verändern und weiterentwickeln. Ich muss noch dazu sagen, dass ich für diese Produktion auf einen etwas unorthodoxen Trick zurückgegriffen habe. Die Figuren altern nämlich nicht. Kostüm- sowie schauspieltechnisch wäre es sonst eine Sache des Unmöglichen gewesen.

Mit „100 Jahre Südtirol“ bringen Sie bereits ihr zweites Projekt im Auftrag der Gruppe Dekadenz auf die Bühne. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?
Die künstlerische Leiterin der Dekadenz, Anna Heiss, hat mich vor ziemlich genau einem Jahr gefragt, ob ich eine Idee für eine Eigenproduktion hätte. Die hatte ich natürlich nicht (lacht). Aber Schritt für Schritt hat sich dann eine Geschichte zusammengebraut. Angepeilt war zunächst nur das Aufführungsjahr 2019. 100 Jahre zuvor kam Südtirol zu Italien, was somit Anlass und gleichzeitigen Ausgangspunkt für diese Geschichte bildet. Ursprünglich war das Stück als Zweipersonenstück geplant. Daraus wurden bald vier, kurz darauf sechs und schlussendlich acht Personen (lacht). 100 Jahre bieten sehr viel Stoff, somit brauchte es sehr unterschiedliche Charaktere.

Die Charaktere gehen im Stück nicht zimperlich miteinander um.

Bild: Manuel Rainer

Vom ersten geschriebenen Wort bis zur Uraufführung: Wie viel Arbeit ist dann in diese Produktion geflossen?
Ungefähr ein Jahr lang habe ich intensiv an dieser Geschichte gefeilt und historische Gegebenheiten recherchiert. Im Februar 2018 habe ich damit begonnen und am 3. Januar den Schlusspunkt gesetzt. Es ist eine sehr aufwändige Produktion geworden, weshalb ich auch immer wieder mit der Dekadenz abklären musste, ob sie finanziell und technisch überhaupt realisierbar sei. Ich habe dann stets ein Ja als Antwort erhalten, also habe ich auch immer weitergemacht (lacht). Auch der Aufwand für die Schauspieler ist riesig. Mit wenigen Unterbrechungen stehen sie fast drei Stunden lang auf der Bühne.

Haben Sie auch persönliche Erfahrungen bzw. Erlebnisse aus Ihrer persönlichen Familiengeschichte in die Handlung mit eingebaut?
Ja, ich habe immer wieder kleine Elemente aus meiner eigenen Familiengeschichte in die Handlung eingebaut. Beispielsweise hat mein Großvater selbst als Knecht gearbeitet und war somit die Inspiration für die Erzählerfigur. Allerdings muss ich dazu sagen, dass nichts an dieser Geschichte komplett aus der Luft gegriffen ist. Ich habe monatelang die Geschichte Südtirols studiert und dabei politische und soziale Gegebenheiten, die auch tatsächlich so vorherrschten, in die Handlung mit einfließen lassen.

Sie stehen in ihrem neusten Werk selbst mit auf der Bühne, zusammen mit anderen großen Namen des Südtiroler Theaters. Darunter auch mit Georg Kaser, dem Mitbegründer der Gruppe Dekadenz. Wie ist es zu dieser Besetzung gekommen?
Ich hatte glücklicherweise sehr lange Zeit, mir die Schauspieler auszusuchen. Daraus ist eine ziemlich unterschiedliche Truppe geworden. Beispielsweise benötigte ich für die Rolle des Knechts oder des Bauarbeiters jemanden, der aussieht, als würde er körperliche Arbeit verrichten. Schauspieler schauen allerdings in der Regel nicht so aus (lacht). Somit habe ich Leute aus den unterschiedlichsten Bereichen oder Landesteilen zusammengebracht. Von Beginn an hat aber eine sehr harmonische Atmosphäre zwischen allen Schauspielern geherrscht. Vielleicht gerade wegen der großen Unterschiede.

Dietmar Gamper weiß als Regisseur, wo er hin will.

Bild: Manuel Rainer

Seit vielen Jahren sind Sie bereits einer der meistgebuchten Kabarettisten und Schauspieler Südtirols. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie den Weg zum Theater eingeschlagen haben?
Ich hegte schon immer eine große Leidenschaft für das Theater. Früher war es jedoch undenkbar, hauptberuflich für das Theater zu arbeiten. Deshalb habe ich zunächst die Kunstschule in Gröden besucht, weil ich immer gerne gemalt und gezeichnet habe. Anschließend habe ich mich zum Lithografen ausbilden lassen, wobei ich parallel immer wieder auf der Theaterbühne stand. Über die Ausbildung zum Theaterpädagogen und zum Dramatiker habe ich dann endgültig diesen Weg eingeschlagen. Seit 1997 arbeite ich ausschließlich für das Theater.

Und stehen die nächsten Projekte schon vor der Tür?
Ja – die verzögern sich momentan aber allesamt (lacht). Nach „100 Jahre Südtirol“ werde ich mich ans Schreiben eines Kabaretts für die Karambolage in Bozen machen. Danach folgt eine Produktion für das Schauspielkollektiv „Binnen-I“ und die Freilichtspiele in Lana.

Danke für das Gespräch!

Das Interview führte Manuel Rainer.

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