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Interview mit Maxi Obexer

“Die Leichen im Keller”

Wie prägen unsichtbare Wunden und Verletzungen die Gesellschaft? Maxi Obexer über das Thema der diesjährigen Ausgabe der Summer School Südtirol: “Trauma & Drama: Wenn die Wunden weitergehen”.

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Bild: Anemone123/pixabay.com

Wichtige Fragen der Gegenwart mit der Öffentlichkeit teilen - das ist das Ziel der 2015 gegründeten Summer School Südtirol, die auch dieses Jahr wieder vom 21. bis zum 26. August auf Schloss Velthurns über die Bühne geht. BARFUSS hat mit der Autorin und Ideatorin der Summer School Maxi Obexer über das diesjährige Thema der Summer School gesprochen: “Trauma & Drama: Wenn die Wunden weitergehen”.

Die Summer School läuft in diesem Jahr unter dem Titel “Trauma und Drama”; Begriffe, die auch die Situation in Europa zwischen Krieg und Pandemie prägen. Warum also schon wieder darüber sprechen?
Maxi Obexer: Es ist gar nicht gesagt, dass wir nur über Krieg und Pandemie sprechen. Es soll vor allem um unsichtbare Wunden und Verletzungen gehen.

Das heißt?
Wir alle kommen aus Herrschaftssystemen, in denen permanent Herabsetzungen und Ausschlüsse praktiziert werden, Verletzungen die aus Systemen hervorgehen - patriarchalischen, klassizistischen oder rassistischen zum Beispiel. Die dabei entstehenden Wunden werden häufig unterdrückt oder von der Gesellschaft legitimiert. So bleiben sie im Verborgenen und die Muster, die sie bedingen, werden von Generation zu Generation weitergegeben.

Die Summer School wurde 2015 mit dem Ziel gegründet, wichtige Fragen der Gegenwart mit der Öffentlichkeit zu teilen: Warum ist es so wichtig, genau jetzt über diese Wunden zu sprechen?
Wir haben gesehen, dass während der Pandemie die männliche Gewalt an Kindern und Frauen wieder stark zugenommen hat. In Südtirol und Italien kam es durchschnittlich fast täglich zu einem Femizid. In manchen Ländern hat sich die Zahl verdoppelt, wir reden hier weltweit von Millionen Opfern. Diese und andere Entwicklungen zeigen, dass in verengten Situationen bei manchen die alten Herrschaftsmuster wieder durchgreifen. Die Pandemie hat reaktionäre Tendenzen und Spaltungen in der Gesellschaft offengelegt und gefördert.
Gewalt, Ängste, Ungleichheiten fesseln eine Gesellschaft, wenn wir ein freies Leben wollen, müssen wir uns mit den Zwängen auseinandersetzen.

Maxi Obexer, Gründerin der Summer School Südtirol

Bild: Maxi Obexer

Gehen wir nochmals genauer auf die beiden Leitbegriffe der Summer School ein: Trauma und Drama. Wo sehen Sie die Verbindungen zwischen den beiden Begriffen? Wo stoßen sie sich?
Das Trauma bedeutet griechisch: “die Wunde” und spielt in die Psychoanalyse hinein, wo es zum ersten Mal als etwas anerkannt wurde, das gelüftet oder behandelt werden muss. Beim Drama haben wir es hingegen mit einer literarischen Gattung zu tun, mit der Meisterin der Gegenwart.
Alles spielt sich hier in diesem Zwischenbereich aus Vergangenheit und Zukunft ab - die gesprochene Sprache, die Aufführung, das Hier-und-Jetzt. Das antike Drama, auf der die Geschichte des westeuropäischen Theaters gründet, wusste aber immer schon, dass Wunden eine Herkunft haben. Mit König Ödipus haben wir beispielsweise eine Figur aus der griechischen Tragödie, die ihr ganzes Leben lang nicht weiß, welche Verletzungen sie in sich trägt; Verletzungen, die anderen angetan wurden. Ödipus führt diese Verletzungen weiter, weil er nichts davon weiß. Er ist ein Symbol dafür, wie sehr die Vergangenheit in die Gegenwart hineinspielt.

Was wichtig ist, ist also das Sich-bewusst-werden der Wunden, die wir in uns tragen. Wunden, die uns zugefügt wurden oder jene, die wir anderen zugefügt haben…
… und weiter zufügen. Solange wir die Muster, die zu diesen Verletzungen führen, nicht lüften, werden wir sie weitergeben.

Wie können Literatur und Drama hier eine Brücke zur Gesellschaft bilden, um sich dieser Traumen bewusst zu werden?
Es war immer schon ein Auftrag des Theaters, das Verborgene oder die Leichen im Keller auf die Bühne zu bringen. Zudem ist die Summer School auch dazu da, Erkenntnisse der einzelnen wissenschaftlichen Kosmen abzuschöpfen und an die Gesellschaft weiterzugeben. Ich denke hier beispielsweise an die Geschichte der Psychiatrie, die gerade in ganz Europa aufgearbeitet wird: Dabei geht es nicht nur um Krankheiten, sondern vor allem auch um die Unterdrückung der Frau. Die rechtliche Gleichstellung der Frau kam spät, noch in den 70er-Jahren wurden um elementare Rechte gekämpft. Frauen waren lange dem Vater, dem Bruder, dem Ehemann unterstellt. Es war ein probates Mittel, Frauen, die sich nicht fügen wollten, in die Irrenanstalt zu überstellen. Zu Tausenden wurden brillante Persönlichkeiten in der Irrenanstalt willentlich vernichtet. Auch in Südtirol kann ich mich noch an den Spruch erinnern: “Du landest auch bald in Pergine” - der Irrenanstalt. Wir tragen mit der Summer School also Themen zusammen, die viele Länder betreffen und zugleich regional spezifisch sind.

Gewalt, Ängste, Ungleichheiten fesseln eine Gesellschaft, wenn wir ein freies Leben wollen, müssen wir uns mit den Zwängen auseinandersetzen.

Neben der Geschichte der Psychiatrie geht es um Gewalt, Geschlechterrollen, Epigenetik… Welche Fragen haben Sie bei der Auswahl der Autorinnen und Autoren sowie Referentinnen und Referenten geleitet?
Wir haben vor allem nach Neuerscheinungen im wissenschaftlichen und literarischen Bereich geguckt. Darüber hinaus geht es uns auch um gesellschaftliche Praktiken. Barbara Plagg wird zum Beispiel über die Rückkehr in das einsame und durchaus traumatische Gebären referieren, das seit der Pandemie beobachtet wird. Die Trennung vom Partner während der Geburt, die früher üblich war und wirkliche Traumata hinterlassen hat, wurde durch die Pandemie wieder zur Gewohnheit. Durch neue Krisen fallen wir also nicht irgendwohin, sondern zurück in alte Muster und Grausamkeiten.

Wenn wir von Traumen sprechen, geht es nicht nur um Einzelne; in vielen Fällen ist eine Gesellschaft oder sind gesellschaftliche Gruppen betroffen. Inwiefern erfordert das Trauma eines Kollektivs eine eigene Herangehensweise in dessen Bewältigung?
Es ist ganz oft so, dass einzelne Menschen sich einer Analyse zuwenden, weil es etwas in ihrem Leben gibt, das sie dazu drängt. Dabei stoßen wir dann auf gesellschaftliche Muster; es gibt niemals nur Einzelne, sondern immer auch eine gesellschaftliche Herkunft des Verhaltens. Es ist sinnvoll, uns damit auseinanderzusetzen, uns als Gesellschaft zu denken, zu erfahren und zu erleben und festzustellen, dass wir immer auch Teil eines Systems sind, das wir nicht selbst erfunden haben. Nur dadurch werden wir - in den Worten von Hannah Arendt - auch zur “Hoffnung für einen neuen Anfang”.

Apropos Hannah Arendt: Wenn wir in Südtirol an ein kollektives Trauma denken, kommt immer wieder die Zeit des Faschismus hoch. Inwiefern ist es sinnvoll, diesen Teil der Südtiroler Geschichte wieder und wieder aufzugreifen?
Viele wichtige Aspekte dieser Geschichte blieben im Verborgenen, beispielsweise die Geschichte einer Emanzipation der Südtiroler Frauen, wie sie bespielsweise Martha Verdorfer erforscht hat.

Es geht ja nicht darum, Unbehagen im Bezug auf die eigene Geschichte loszuwerden, sondern darum, mit Offenheit und Interesse entdecken zu wollen.

Was braucht es für eine produktive Aufarbeitung von Traumen?
Vor allem eine große Neugierde, von sich erfahren zu wollen. Es geht ja nicht darum, Unbehagen im Bezug auf die eigene Geschichte loszuwerden, sondern darum, mit Offenheit und Interesse entdecken zu wollen.

Auf was sind Sie selbst besonders neugierig bei dieser Summer School?
Ich freue mich immer wieder auf den Dialog zwischen den verschiedensten Personen und Herkünften bei der Summer School. Die schönste Entdeckung ist, dass die Menschen wirklich aneinander interessiert sind. Und das sag ich jetzt nicht, um Werbung zu machen, das ist wirklich so! Die Menschen aus den Städten und verschiedenen Ländern sind an den “Locals” interessiert und die Menschen, die hier aus dem ländlichen Bereich zusammenkommen, sind an dem interessiert, was andere mitbringen. Zudem trägt der Sommer dazu bei, dass die Gedanken und Köpfe noch offen sind und nicht schon wieder in festen Strukturen stecken.

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