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Zu viele Wege zum Glück

Auf der Suche nach Glück – zwischen Potential, Erwartung und Leistungsdruck. Wie fühlt es sich an, heutzutage erwachsen zu werden?

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Bild: Veronika Felder

Carolin steht stolz vor einer mit Plakaten bestückten Pinnwand inmitten eines großen, an diesem Abend gut gefüllten Raumes ihrer Uni – umgeben von Freunden und Familie. Sie ist erleichtert, endlich kann sie ihr Projekt, an dem sie die letzten vier Monate Tag und Nacht gearbeitet hat, präsentieren. Endlich ist sie an diesem lang ersehnten Punkt angelangt – dem Abschluss ihres Bachelorstudiums. Kommunikationsdesign hat sie studiert, ihr Abschlussprojekt beschäftigt sich mit dem Nachwuchsmangel im Handwerk und damit mit einem Thema, das Carolin indirekt auch nach ihrem Abschluss nicht loslassen wird: die Berufswahl.

Von der ausgelassenen Stimmung, die an diesem Abend herrscht, ist zwei Wochen später nicht mehr viel übrig. Carolin hat ihren Abschluss geschafft – eigentlich ein Grund zur Freude. Stattdessen ist sie bedrückt. Denn das, was vor ihr liegt, macht ihr Angst. Was soll sie mit ihrem Leben bloß anfangen? Eine Frage, die an und für sich schon für genug schlaflose Nächte sorgen würde. Doch dabei bleibt es nicht, denn Carolin beschäftigen noch andere Gedanken: „Was erwarten meine Eltern von mir? Was die Gesellschaft? Und was denken eigentlich meine Freunde?“

Ihre wiedererlangte Freiheit kann sie jedoch nicht richtig genießen, die plötzliche Strukturlosigkeit in ihrem Leben fühlt sich nicht richtig an.

Knapp zwei von drei Jugendlichen halten es für wichtig, mehr zu leisten als die anderen. Und: Leistet man viel, findet man gesellschaftliche Anerkennung – und kann am Leben teilhaben. Leistung als Türöffner zum elitären Kreis derer, die es geschafft haben, ein Leben zu führen, wie sie es sich erträumt haben. So jedenfalls liest sich die Statistik – entnommen der deutschen „Shell Jugendstudie“, die sich der Generation der 12- bis 25-Jährigen annimmt.

Auch wenn Carolin zurzeit nicht viel weiß, einer Sache ist sie sich sicher: Sie kann nicht nichts tun. Über Wochen war sie in einem Tunnel, lernte, schrieb an ihrer Arbeit, meldete sich kaum bei ihren Freunden. Ihre wiedererlangte Freiheit kann sie jedoch nicht richtig genießen, die plötzliche Strukturlosigkeit in ihrem Leben fühlt sich nicht richtig an. Sie will sich deswegen einen Job suchen, von dem sie sich Halt verspricht. Es soll kein Job sein, der sie erfüllt, sondern einer der ihr die Möglichkeit gibt, sich in Ruhe mit ihren Möglichkeiten zu beschäftigen. Und von denen gibt es viele. Auch deswegen, weil die vorhandenen finanziellen Mittel, die Globalisierung und die Technik für ein schier endloses Angebot sorgen. Carolin und ihre Leidensgenossen/innen sehen sich nicht nur mit Fragen über die Art der Arbeit, die sie glücklich machen soll, konfrontiert, sondern auch mit dem Ort, wo sie dieser Arbeit nachgehen wollen. Hinzu kommen persönliche Beziehungen, deren Bedeutsamkeit für Entscheidungen oft zu Unsicherheiten führt.

Erwachsenwerden bedeutet für viele Angst, Zweifel und Leistungsdruck.

Von vielen Angehörigen der älteren Generationen werden diese Möglichkeiten als ein großes Privileg empfunden. Für viele junge Menschen werden sie zur Last, die oft schwer wiegt. Sie verirren sich in diesem Wald an Möglichkeiten, der um sie herum gewachsen ist. Zu viele Möglichkeiten. Zu viele Vorbilder. Zu viele Vergleiche. Ein stets vorhandener Druck erfolgreich zu sein, genug zu leisten, um sich seinen Platz in der Gesellschaft zu verdienen. Erwachsenwerden ist heutzutage vielleicht behüteter, aber nicht zwingend einfacher – Erwachsenwerden bedeutet für viele Angst, Zweifel und Leistungsdruck.

Druck verspürt Carolin auch vonseiten der Eltern. Deren Meinung und Erwartungen befeuern die Zweifel, die sie derzeit bewegen. Denn eigentlich hätte sie eine Vorstellung davon, was sie gerne machen würde. Eine Farm mit Ziegen, Alpakas, Hunden – die Arbeit mit Tieren ganz generell. Doch Akzeptanz erwartet sie für diesen Traum keine. Weder von ihren Eltern, noch ihrem restlichen Umfeld. Vor allem deswegen, weil diese Idee, wie sie findet, nicht der gesellschaftlichen Vorstellung eines erfolgreichen Lebens entspricht. 

Fliesenlegerin sollte Carolin eigentlich werden. So wollte es ihr Vater, der eine Baufirma leitet. Für sie kam das nicht in Frage, sie hatte andere Pläne, wollte studieren. Denn so macht man es, wenn man es schaffen will – dachte sie damals. Mittlerweile denkt sie anders: „Hätte ich mich für diese Lehre entschieden, dann hätte ich etwas Handfestes gelernt” – ein Satz, der nicht leicht über die Lippen geht. Und dennoch sagt sie ihn heute – eine scharfe Kehrtwende auf der Suche nach dem Glück im eigenen Leben.

Denn die gängige Glücks-Formel, nach der viele von ihnen gelebt haben, ist überholt.

Oft sehnen sich Teenies danach, endlich erwachsen zu sein, selbstständig und unabhängig. Doch die Realität fühlt sich dann nicht so an, wie erwartet. Man könnte sagen: Glücklich zu sein war noch nie so einfach und noch nie so schwierig. Ein Widerspruch, der gerade für die Eltern und Großeltern der Betroffenen nicht immer verständlich ist. Denn die gängige Glücks-Formel, nach der viele von ihnen gelebt haben, ist überholt. Geld, Besitz und beruflicher Erfolg gelten längst nicht mehr als einziger Schlüssel zu einem glücklichen Leben. Vier von fünf Jugendlichen geben an, dass sie „das Leben in vollen Zügen genießen” wollen, so die Shell Studie. Neben einem Überangebot von Möglichkeiten, kann dem auch sein Gegenteil im Weg stehen: Manche müssen sich mit grundlegenderen Fragen beschäftigen als andere. Oft lösen sich Träume junger Menschen in Luft auf. Durch greifbare Hindernisse etwa, wie schlechte Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung, einem Mangel an Arbeitsplätzen. Oder, in extremen Fällen, instabile politische Situationen oder sogar Krieg und Armut.

Das Streben junger Menschen nach Glück lässt sich überall beobachten. Die Vernetzung der Welt hat es möglich gemacht, dass junge Leute auf dem ganzen Planeten von ähnlichen Dingen auf ähnliche Weise träumen: etwa davon, sich selbst zu verwirklichen. Die Beschaffenheit dieser Träume ist jedoch so individuell, wie die Menschen, die dahinterstehen. 

Den Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens soll daher diese Serie gewidmet sein, mit dem Ziel, verschiedene Wege nachzuzeichnen, die junge Menschen gegangen sind, um ihr Glück zu finden. Oder die sie derzeit noch beschreiten – wie Carolin, die ihren Platz im Leben noch finden muss. 

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Veronika Felder

Liebt das neue Fremde, schreckt aber auch vor dem guten Alten nicht zurück. Stets darum bemüht, ihren Horizont zu erweitern und dabei das Gute in der Welt nicht aus den Augen zu verlieren. Fachsimpelt mit Vorliebe über politische Ungerechtigkeiten.
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