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Kommentar einer angehenden Ärztin

Wohin mit mir?

Die Fehler im System: Warum eine Medizinstudentin ihre Zukunft nicht in Südtirol sieht.

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Bild: Flickr, Phalinn Ooi

22 Jahre alt. Meranerin. Siebtes  Semester Studium der Humanmedizin in Innsbruck.  Mit Zukunftsplänen, -wünschen und -träumen. So viel zu mir. Drei Jahre bleiben mir noch, dann hat mich der Ernst des Lebens endgültig eingeholt.  Dann kommt das große Kopfzerbrechen: Wohin mit mir? Zumindest weiß ich jetzt bereits, „was“, also meinen Wunsch-Facharzt (Pädiatrie), und habe so einigen Kommilitonen zumindest eine schwere Entscheidungsfindung voraus. Doch das „wo“ ist nicht so einfach. Schauen wir uns die Möglichkeiten in nächster geographischer Nähe einmal an:

  1. Ich bleibe in Österreich, in Innsbruck. Ich nehme hin, neun Monate „common trunk“ hinzulegen, also einen verstümmelten Turnus (generelle Ausbildung in den größeren Abteilungen), damit ich danach in meine sechs Jahre Facharztausbildung starten kann – im vollen Bewusstsein, dass Österreich erst kürzlich eine heftige Drohung von Seiten der EU bekommen hat, die Arbeitszeiten der Ärzte zu normalisieren; das heißt von völlig legalen 72 Stunden auf 48 Stunden pro Woche (wobei ich „freiwillig“ Arbeitszeiten von bis zu 60 Stunden zustimmen darf). Und das bis Jahresende. Das hat dazu geführt, dass die Führungsriege des Landes zuerst in Panik und dann in Schockstarre gegangen ist und sich zumindest bis jetzt noch nicht zu irgendwelchen mehr als halbherzigen Entschlüssen aufgeschwungen hat. Ich verdinge mich also beim derzeitigen Stand der Dinge als Assistenzärztin in Innsbruck und arbeite besagte 72 Stunden um 1400 Euro netto. Sollte die Reduktion der Arbeitsstunden auf 60 pro Woche wirklich durchgeboxt werden, wird mir mein Gehalt um 10 Prozent gekürzt.
  2. Ich komme nach Hause. Ich verfolge hier in Südtirol den österreichischen Ausbildungsplan (dies ist möglich, da die Südtiroler Krankenhäuser Lehrkrankenhäuser der Medizinischen Universität Innsbruck sind), der mir eine Teilzeitarbeit im Falle eines Kindes zugesteht (man kann ja nie wissen). Ich erlange meinen Facharzttitel bei der österreichischen Ärztekammer und riskiere damit, mich durch die Urwälder der italienischen Bürokratie schlagen zu müssen, weil jemand in Rom meint, er müsse diesen nach sechs Jahren endlich fertigen Facharzt nicht anerkennen. Oder ich wähle das italienische System und erspare mir damit das Kämpfen um die Anerkennung meines Titels. Fünf Jahre Ausbildungszeit, Vollzeit. Teilzeit unmöglich, bei unerwarteter Schwangerschaft wird ein Jahr Karenzzeit gewährt. So weit so gut, das wäre ja noch akzeptabel. Aber da gibt es diese kleine, feine Klausel, dass man nicht öfter als einmal in Karenzzeit gehen darf.  Die Problematik, die dies für jede junge Frau mit Kinderwunsch aufwirft, darf sich jeder selbst ausmalen.

 

Anstatt uns junge Leute gehen zu lassen, lernen zu lassen, und einem Teil von uns das Heimkehren schmackhaft zu machen, wird das Hierbleiben krampfhaft erzwungen.

Wie unschwer zu erkennen ist, sind beide Systeme nicht das Wahre – und werden es auch so schnell nicht werden. Karrieremöglichkeiten gibt es kaum, von passablen Forschungslabors ganz zu schweigen. Einem großen Teil meiner Kommilitonen genügt dies nicht, wie denn auch. Wer auf den vielen Gebieten forschen möchte, die unsere EURAC nicht behandelt, wird sich keine zweite Minute mit dem Gedanken herumschlagen, nicht vielleicht doch im Meraner Krankenhaus anzufangen und seine Fähigkeiten hinten anzustellen. Wir sind ein kleines Land, ja. Wir sind Provinz, zum Glück! Eine solide Grundversorgung, die braucht es hier. Nicht alle wollen in die Forschung. Nicht alle wollen an eine Universitätsklinik. Ich habe genügend Freunde in meinem Semester, die gerne wieder in ihren Heimatort zurückkehren würden, um dort eine Hausarztpraxis zu übernehmen.  Aber wie soll dies ihnen schmackhaft gemacht werden, wenn alle ständig nur noch weiter und noch weiter nach oben stapeln, ohne dabei zu bemerken, dass das dringend benötigte Fundament beinahe am Einbrechen ist? Überall wollen wir Weltspitze sein, alles muss es bei uns geben, alles muss jedem zwischen Brenner und Salurn möglich sein. Anstatt uns junge Leute gehen zu lassen, lernen zu lassen, und einem Teil von uns das Heimkehren schmackhaft zu machen, wird das Hierbleiben krampfhaft erzwungen. Das beste Beispiel dafür ist die MedSchool, die in Bozen aufgestellt werden sollte, um politisch lammfromme Drittklasse-Mediziner auszubilden – Hauptsache, jemand kann sich ein Denkmal setzen. Zum Glück ist das alles jetzt Geschichte, gebessert hat sich aber trotzdem nichts. Aber das ständige Rätseln der Politiker, wieso wir nicht heimkommen, das Suchen nach dem Grund für den brain drain, ist entweder von Scheuklappen oder von Scheinheiligkeit geprägt.  

Ich habe mittlerweile das Gefühl, nicht nur weg zu wollen, sondern weg zu müssen. Im Vergleich zu den meisten Ärztinnen möchte ich gerne früh Kinder bekommen, nicht erst mit 35. Ich möchte in ein Land gehen, welches meinen Status als Frau und somit potentielle junge Mutter nicht als Ballast ansieht, sondern mich ermutigt und im Ernstfall unterstützt. Ich möchte in ein Land gehen, in dem nicht eine Partei fast im Alleingang das System bestimmt, in dem ich arbeite – ich möchte mitbestimmen können, oder zumindest angehört werden. Ich möchte lernen, ich möchte eine gute Ärztin werden, und möchte, dass mein Enthusiasmus und mein Wille mit einer dementsprechend hochqualitativen Ausbildung belohnt werden. Ich will nicht eine überqualifizierte Sekretärin, Kaffeetassenträgerin und Infusionsmagd sein. Ich möchte, dass der Wert der Arbeit, die ich leiste, in der Gesellschaft so anerkannt wird, wie sie es verdient. Ich will keine Quotenfrau sein, möchte aber auch nicht in einem Land ausgebildet werden, in dem Primare es für angebracht halten, junge Ärztinnen aus der Abteilung zu mobben, aus dem einfachen Grund, dass Frauen in der Chirurgie nichts verloren hätten. 

Es gibt nichts, was mich hier hält – außer den Bergen, und die werden schon nicht weglaufen, bis ich wiederkomme. 


Ich habe einen weiteren Vorteil gegenüber vielen Freunden von mir: Ich habe kein Problem mit der Ferne. Ich bin oft genug weit weg gereist und noch weiter weg gezogen, als dass mir ein anderes europäisches Land irgendwie Angst machen könnte. Schnee gibt‘s in Skandinavien auch, und in London gibt’s genügend internationales Setting, um an passables Essen zu kommen. Es gibt nichts, was mich hier hält – außer den Bergen, und die werden schon nicht weglaufen, bis ich wiederkomme. 

Denn ja, ich würde gerne wiederkommen. Es gibt tausend Gründe, bei der Schönheit unseres Landes angefangen und beim Hauswein meines Onkels aufgehört. Auch meine Eltern, meine Familie, mein zukünftiges Patenkind. Aber nicht jetzt. In fünfzehn Jahren vielleicht. Aber dann nicht so, dass mich unsere Baustelle von einem Sanitätswesen schnell in seinen Strudel zieht, sondern so, dass ich mein eigener Herr sein kann. Dass ich politisch ungemütlich sein und trotzdem Karriere machen kann. Dass meine Kinder dann bereits alt genug sind, damit ich trotz Familie richtig arbeiten kann. Und schon allein die Tatsache, dass ich diesen Satz betonen muss, unterstreicht, wie weit entfernt von einem realistisch verlockenden Arbeitsplatz für Jungärzte wir noch sind.

 

Elisa Reiterer

Vagabundin durch alle Ecken und Enden des Planeten, liebt das Meer, Sonnenuntergänge und Vorweihnachtszeit mit Neuschnee. Wird hibbelig, wenn sie zu lange an einem Ort bleibt.
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Sehr gut die Problematik beschrieben!
10 punkte für Gryffindor

Hallo Elisa!

Viele von uns waren - oder sind - in der gleichen Situation wie du: wohin mit uns? Viele haben sich für Südtirol entschieden, viele für das Ausland. In den letzten Jahren haben wir eine Plattform geschaffen, die Ärzte, Wissenschaftler und andere, die im Gesundheitssystem tätig sind und in Südtirol arbeiten oder ursprünglich aus Südtirol sind, miteinander vernetzen soll. Unser Ziel ist es, mit unserem Know-How Südtirol nachhaltig positiv mitzugestalten. Wir setzen uns ein für eine fortwährende Optimierung des Gesundheitswesens, den Ausbau der Naturwissenschaften und der Forschungsstruktur in Südtirol ein.
Möglich gemacht wurde diese Plattform durch das große Netzwerk "Südstern" (www.suedstern.org, fast 2000 Mitglieder, überall in der Welt verstreut) - welches übrigens auch ein Mentoring-Programm für Studenten/innen anbietet.

Am Freitag, 31.10.2014, organisieren wir zum 2. Mal das "Südstern Health and Science Forum Südtirol". Es findet in der EURAC (Bozen) statt und beginnt ab 14 Uhr.
Bereits im letzten Jahr konnten wir eine sehr gut besuchte Veranstaltung mit hervorragenden Vorträgen und sehr interessanten Diskussionen anbieten. Auch in diesem Jahr konnten wir exzellente Kliniker und Wissenschaftler für das Forum gewinnen.
Nähere Infos und Programm finden sich unter www.planetmedizin.com, hier ist auch die Anmeldung möglich.

Wir glauben, dass diese Veranstaltung auch und besonders für Studenten sehr interessant ist, da sie Einblick in verschiedene Berufsmöglichkeiten und Karrierewege im Bereich der Medizin und Wissenschaft bietet, und
sich für den einen oder anderen sicher auch Kontakte für Famulaturen, Praktika oder Doktorarbeiten in Südtirol oder im Ausland ergeben werden.
Und vielleicht beantwortet sich für den/die eine/n ja auch die Frage: "Wohin mit mir?"

Viele Grüße,

Miriam Erlacher (Freiburg/Villanders)
Für das Organisationsteam

Vielen Dank für die Einladung! Sollte es mir zeitlich möglich sein, schaue ich gerne vorbei.
Lg Elisa Reiterer

Also wenn ich mir das Niveau der Dissertationen von 90% der Mediziner/innen anschaue, die in anderen Naturwissenschaften gerade für den Bachelor reuchen würde, und dann das Forschungsbedürfniss mancher Ärzte betrachte... na ja.
Vielleicht gehört die Autorin jedoch zu den 10% mit hervorragender Dissertation, dann wünsche ich Ihr alles erdenklich gute auf Ihrer Jobsuche!
Warum Sie allerdings zuerst von der Notwendigkeit von solider Grundversorgung spricht "nicht alle wollen in die Forschung" um sich dann darüber zu monieren das es keine adäquate Forschung gibt erschließt sich mir nicht.
Die Sache mit der Karenzzeit ist doch die, wenn es einmal passiert gibt es die Möglichkeit für Karenz, wenn es einer angehenden Ärztin zweimal passiert "ungewollt" schwanger zu werden darf doch auch an ihrer Kompetenz gezweifelt werden...
Frei nach meiner Oma:"Zuerst Nestbau, dann Eier legen..."

Gut gelungene und tiefsinnige Stellungnahme, die die Verantwortlichen zum Nachdenken anregen soll, was im Südtiroler Gesundheitssystem zu ändern ist. Die zur Zeit viel diskutierte Gesundheitsreform, die sich in der öffentlichen Debatte leider nur auf die Schließung der Geburtenabteilungen in den Kleinspitälern fokussiert hat, muss eine grundlegende Reform werden, die vor allem die medizinische Qualifikation und somit die optimale Ausbildung unserer Ärztinnen/Ärzte mit angemessenen Berufschancen zum Inhalt haben muss. Zudem sollte sich die Politik nach europäischem Vorbild (nicht nach italienischem) nur mehr um die Rahmenbedingungen kümmern und den medizinischen Bereich von anerkannten Fachleuten mit akademischer Qualifikation ausarbeiten lassen. Also weniger Politik und mehr fundiertes medizinisches Fachwissen.
Leider wurde bisher, wie Frau Elisa Reiterer schreibt, unseren jungen Ärztinnen und Ärzten das Heimkehren beileibe nicht schmackhaft gemacht, was ich aus eigener familiärer Erfahrung auch bestätigen kann. Es wurde zwar immer beklagt, dass zu viele Ärzte/innen, die Gott sei Dank ihre Ausbildung vielfach ohne öffentliche Unterstützung im deutschsprachigen Ausland absolvieren, nicht mehr nach Südtirol zurückkommen, jedoch hat man sich nie ernsthaft darum bemüht, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und versucht ihnen die Heimkehr schmackhaft zu machen und goldene Brücken zu bauen. Lieber gibt man, um dem Ärztemangel einigermaßen entgegenzuwirken, für Zeitverträge mit großteils italienischen Ärzten (gettonisti), die zudem kaum der zweiten Sprache mächtig sind, satte 16 Millionen € aus. Ich glaube es ist höchst an der Zeit, dass diesbezüglich das Gesundheitsressort gemeinsam mit der Südtiroler Ärztekammer aktiv wird.
Zur Reform selbst möchte ich nur betonen, dass die medizinische Grundversorgung garantiert bleiben muss und dass wir weniger Verwaltung und Bürokratie, dafür aber umso mehr kompetente Ärztinnen und Ärzte benötigen. Dazu verweise ich auch auf den unbedingt lesenswerten Leitartikel von Toni Ebner in den Dolomiten vom 18. 10. 14.
Der Landesrätin Martha Stöcker zolle ich meinen vollen Respekt für ihre couragierte Vorgehensweise, diese schwierige Botschaft der Bevölkerung zu vermitteln. Wir brauchen ein gut funktionierendes Gesundheitswesen, das auch in Zukunft noch finanzierbar ist.
Im übrigen glaube ich, dass wir für die Lösung des zukünftigen Ärztemangels mit dem Planet Medizin der Südsterne einen optimalen Partner haben und es ist sehr erfreulich, dass es diesbezüglich bereits erste Kontakte mit dem Gesundheitsressort gibt.
Mit viel gutem Willen seitens der zuständigen Stellen kann es nur besser werden, denn bekanntlich stirbt die Hoffnung ja als letzte.

Guter, kritischer Text.
Aber:

wie wäre es mit einem Beitrag, der grob geschätzt nicht nur 6% der Südtiroler Studenten betrifft, sondern 60%? Ich spreche von all jenen Natur- und Geisteswissenschaftlern, Kreativen etc., die eben NICHT auf Lehramt studieren und auch keine Ärzte werden, sondern ihr Fach auf Bachelor machen und somit in Südtirol dezent gesagt nicht so viele Jobaussichten haben. Warum sind die meisten gezwungen die engen (wenn auch geliebten) Täler zu verlassen und Wunder in der weiten Welt zu vollbringen? Beispiele gibt es deren viele, die IN-Südtirol zum Beispiel bringt immer wieder solche Menschen.

Mitleid und Herzschmerz für Südtirols zukünftige Ärzte halten sich bei mir daher ehrlich gesagt in Grenzen, wenn ich den Text einer angehenden Ärztin lese, der augenscheinlich die Welt offensteht und deren einziges First-World-Problem darin besteht, die schwierige Entscheidung zu treffen, wo sie denn topausgebildet arbeiten will, weil sie SICHER eine Arbeit hat. In Skandinavien, London oder Südafrika? Oder, um mit einem manchmal leider nicht so übertriebenen Klischee zu kommen: wieviele taxifahrende Ärzte kennt ihr?

@cherry, hast recht!

"Mitleid und Herzschmerz für Südtirols zukünftige Ärzte halten sich bei mir daher ehrlich gesagt in Grenzen, wenn ich den Text einer angehenden Ärztin lese, der augenscheinlich die Welt offensteht und deren einziges First-World-Problem darin besteht, die schwierige Entscheidung zu treffen, wo sie denn topausgebildet arbeiten will, weil sie SICHER eine Arbeit hat. In Skandinavien, London oder Südafrika? Oder, um mit einem manchmal leider nicht so übertriebenen Klischee zu kommen: wieviele taxifahrende Ärzte kennt ihr?"

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