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Interview zum Thema Suizid

Wenn der Ausweg fehlt

Täglich finden in Südtirol durchschnittlich drei Suizidversuche statt. Guido Osthoff im Gespräch über die Ursachen und darüber, wie Angehörige damit umgehen können.

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Bild: pixabay.com/sputnikzion

Wenn sich ein geliebter Mensch das Leben nimmt, ist das für die Angehörigen kaum ertragbar. Zum großen Schmerz des Verlustes kommt die Schuldfrage, mit der viele Angehörige lange kämpfen. Hätten sie mehr tun können, mehr tun müssen? Guido Osthoff, Fachbereichsleiter für Zuhören und Beraten bei der Caritas weiß, wie schwer die Situation vor allem für die Angehörigen ist und warum es der falsche Weg ist, nicht darüber zu sprechen.

Bild: Guido Osthoff

Wieso sehen Menschen manchmal keinen Ausweg mehr?
Die Ursachen oder Hintergründe für Suizid können sehr unterschiedlich sein. Psychische Erkrankungen spielen häufig eine Rolle, wie Depression, bipolare Störung oder Angststörungen. Wenn man den wissenschaftlichen Studien glaubt, kann das bei mehr als die Hälfte der Fälle eine Rolle spielen.

Dann gibt es wiederum andere Motive. Zum Beispiel, wenn jemand einen Schicksalsschlag erlebt hat oder sich sogar dafür mitschuldig fühlt. Ein aktuelles Beispiel: Der junge Mann, der in Luttach für diesen Unfall verantwortlich ist, hat im ersten Gespräch in der Psychiatrie in Bruneck gesagt: „Es wäre besser gewesen, ich wäre gestorben anstelle der Menschen.” Er hat sich natürlich nicht nur mitverantwortlich gefühlt, sondern ist verantwortlich für diesen Unfall. Mit so einer großen Sache fertigzuwerden, ist sehr, sehr schwierig.

Belastende Situationen sind auch, wenn jemand durch einen Unfall oder einen anderen Schicksalsschlag seine ganze Familie verliert oder all das, was man sich mit viel Mühen aufgebaut hat. Wenn beispielsweise das eigene Unternehmen bankrottgeht, wenn das eigene Lebenswerk zerfällt. Das alles sind kritische Momente, die zu einer Lebenskrise und Suizidalität führen können.

Nehmen sich auch Menschen, die schwer oder unheilbar krank sind, manchmal das Leben?
Auch. Wenn jemand eine sehr starke körperliche Beeinträchtigung hat, ist es wichtig, dass er es trotzdem schafft, eine gewisse Lebensqualität zu entwickeln, um weiterhin einen Sinn im Leben zu sehen. Wenn dieser fehlt, kann das auch zu einer suizidalen Krise führen.

Bleiben die wahren Gründe möglicherweise im Dunkeln?
Es gab vor mehreren Jahren – auch hier in Südtirol – eine Forschung, die nach den Hintergründen von Selbsttötungen suchte. Die Fachleute sprechen dabei von einer sogenannten psychologischen Autopsie. Wie eine klassische Autopsie, die durchgeführt wird, um die Todesursache herauszufinden, ist die psychologische Autopsie dazu da, zu verstehen, warum es dazu kam, dass jemand seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Letztendlich wird man aber immer nur Hinweise finden und nie zu präzisen Ergebnissen kommen.

Nach einer 2009 bis 2017 durchgeführten Studie konnten die wichtigsten Merkmale von Suizidopfern ermittelt werden.

Bild: Suizidprävention

Bild: Suizidprävention

Laut der Studie nehmen sich Männer dreimal so häufig das Leben wie Frauen, alte Menschen häufiger als junge Menschen. Besonders bei Menschen, die an ausgeprägten psychischen Störungen leiden, steigt das Risiko sprunghaft. Bei schweren Depressionen ist das Risiko ,an Suizid zu sterben 30 Mal so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung, bei Schizophrenie sogar 40 Mal und bei Alkoholismus 20 Mal. Eine weitere Risikogruppe sind körperlich schwer Erkrankte, ebenso wie Menschen, die auf Grund von Trennungen vereinsamt sind.

Was macht Suizid mit den Hinterbliebenen?
Für die Hinterbliebenen ist es eine große Krise und auch ein Risikofaktor, selbst in eine schwere, und zum Teil auch suizidale Lebenskrise zu geraten. Wenn man in der Familie jemanden hat, der suizidal war, kann das dazu führen, dass man in einer großen Lebenskrise Suizid auch als vermeintliche Lösung für die eigenen Probleme in Erwägung zieht.

Daher ist es ganz wichtig, mit den Angehörigen zu arbeiten, damit sie in ihrer Verzweiflung und ihrer Trauer aufgefangen werden. Und auch, um die Angehörigen von ihren Schuldvorwürfen, die sie sich selbst machen, zu entlasten und ihnen die Möglichkeit zu geben, dass sie trotz alledem in ihrem Leben wieder glücklich werden und dieses traumatische Erlebnis gut bewältigen können. So vermeiden wir auch suizidale Kettenreaktionen.

Ist die Trauer der Angehörigen eines Menschen, der sich das Leben genommen hat, anders als von Hinterbliebenen, die jemanden zum Beispiel durch einen Unfall verloren haben?
Ich glaube schon. Sowohl das Eine als auch das Andere ist sehr belastend. Auch wenn jemand mit über 90 stirbt, trauern wir. Da haben wir aber den rationalen Gedanken, dass jedes Leben im hohen Alter irgendwann zu Ende geht. Wenn aber jemand krank ist oder früh verunfallt, ist das viel tragischer. Noch schlimmer, wenn jemand selbst seinem Leben ein Ende bereitet. Dann fragen sich nähere Angehörige natürlich ständig: hätte ich irgendetwas tun können, um ihm oder ihr zu helfen? Habe ich mitversagt, dass es so weit gekommen ist?

Man sollte keine Angst haben, die Person anzusprechen. Denn was ist das Schlimmste, was passieren kann?

Was kann man tun, wenn jemand Suizidgedanken äußert?
Ganz wichtig ist es, Kontakt aufzunehmen. Und das kann nicht nur die Familie, sondern das können und sollen auch Kollegen und Freunde. Auch wenn mir bei einer eher unbekannten Person etwas auffällt, sollte ich hinschauen und nicht wegschauen. Man sollte keine Angst haben, die Person anzusprechen. Denn was ist das Schlimmste, was passieren kann?

Wenn ich die Person anspreche und sage „Sie scheinen mir nicht so gut dazustehen, was ist denn los?“, dann kann die Person immer noch sagen, dass alles okay ist, aber wenn ich die Frage nicht stelle, mache ich den größten Fehler.

Gibt es Tabus?
Manche Leute denken auch, dass man auf gar keinen Fall fragen soll, ob die Person schon mal daran gedacht hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Im Gegenteil. Das kann und soll man tun. Wenn man merkt, dass es einer Person schlechter geht, sie sich verändert hat oder niedergeschlagen und traurig wirkt, soll man sie ansprechen und nichts beschwichtigen, sondern ihr zuhören und sie ernstnehmen.

Wenn wir wahrnehmen, dass die Person suizidale Gedanken hat, vor allem wenn sie konkrete Pläne hat, ist es wichtig ihr unmittelbar Hilfe anzubieten und  professionelle Helfer einzuschalten, wie den Hausarzt, psychologische und auch psychiatrische Dienste.

Kann man immer etwas tun?
Ist jemand in einer seelischen Krise, bekommt dieser Mensch häufig einen Tunnelblick. Er sieht keine andere Lösung, als seinem Leben ein Ende zu setzen. Ist eine Person bereits in einer ganz engen suizidalen Krise, hat sie also bereits entschieden, sich das Leben zu nehmen, dann dauert diese Phase meist nicht lange. Wenn ich es schaffe, dieser Person genau in dem Moment Alternativen aufzuzeigen, eröffnen sich für sie neue Chancen. Außerdem ist es in dieser Phase ganz wichtig sofort weitere Hilfe zu verständigen, am besten mit Hilfe eines Anrufes bei der Notrufnummer 112.

Wenn das ein Angehöriger jetzt liest, dann weckt man in ihm natürlich sein schlechtes Gewissen, weil er oft alles versucht hat. Deswegen kann ich es nicht oft genug sagen, dass es ganz wichtig ist, die Angehörigen zu unterstützen und sie von ihrer vermeintlichen Schuld zu entlasten. Sie können sich zum Beispiel an die Caritas Hospizbewegung wenden, die eigene Angebote für Trauernde nach Suizid haben.

Wo bekommen Betroffene Hilfe?
Wer selbst in einer Krise ist, kann rund um die Uhr Hilfe bekommen. Dies gilt sowohl für die direkt Betroffenen wie für deren Angehörigen. Wenn der Mensch in einer großen Krise oder sogar psychisch krank ist, dann braucht er natürlich zusätzlich professionelle Hilfe und sollte sich an seinen Hausarzt bzw. an psychologisch und psychiatrische Dienste wenden.

 

Sollten Sie selbst dringend Hilfe benötigen, können Sie sich direkt an die Caritas Telefonseelsorge wenden: täglich rund um die Uhr erreichbar - auch sonn- und feiertags - unter der Nummer 0471 052 052 oder online unter www.telefonseelsorge-online.bz.it (Erstantwort innerhalb von 48 Stunden)

Vertrauliche und kostenlose Beratung für Junge Menschen:

Young+Direct Whatsapp: 345 081 70 56, Tel.: 840 036 366 (Grüne Nummer)

Montag - Freitag: 14.30 - 19.30 Uhr

E-mail: online(at)young-direct.it

Weitere Kontakte zum Downloaden

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Se avete bisogno di aiuto, potete rivolgervi a Telefono Amico (ascolto rispettoso, anonimo e gratuito) al numero verde 800 851 097 (ore 15.00 - 24.00), sito www.telefonoamico.it

Servizio di consulenza per giovani, confidenziale e gratuito:

Young+Direct Whatsapp: 345 081 7056, tel. 840 036 366

dal lunedì al venerdì 14.30-19.39

mail: online(at)young-direct.it

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Wie läuft es ab, wenn sich jemand beispielsweise an die Caritas Telefonseelsorge wendet?
Die Telefonseelsorge gibt es sowohl online über ein Portal, als auch telefonisch. Wenn jemand danach eine intensivere Begleitung braucht, gibt es zum Beispiel bei der Caritas verschiedene Beratungsdienste, wie beispielsweise die Männerberatung. Darüber hinaus gibt es auch bei anderen privaten Trägern psychologische Beratungsstellen und die psychologischen und psychiatrischen Dienste der Sanität.

Nun ist Suizid immer noch ein Tabuthema. Was spricht dafür, offen mit dem Thema Suizid in der Gesellschaft umzugehen?
Es ist so: Vor allem in der medialen Berichterstattung sollte man nicht über Suizid schreiben, indem man Fälle detailliert schildert oder möglicherweise sogar eine kleine Skandalgeschichte daraus macht. Das ist ein No-Go, denn das kann zu Nachahmern führen und das darf einfach nicht mehr passieren. Das nennt man Werther-Effekt nach einem Roman von Goethe, wonach sich viele Männer umgebracht haben, nachdem sie dieses Buch gelesen haben.

Was aber wichtig ist, sind Berichte, in denen man erfährt, wo es Hilfe gibt und in denen Leute sehen, dass es auch anders geht, dass Menschen, die versucht haben, sich das Leben zu nehmen, heute froh und dankbar sind, dass es nicht geklappt hat. Die heute durch professionelle Hilfe oder Medikamente ihr Lebensschicksal anders bewältigen. Das ist der sogenannte Papageno-Effekt nach der Oper „Die Zauberflöte“, wo jemand aufgrund von Liebeskummer seinem Leben ein Ende setzen wollte und durch Freunde einen anderen Weg erkannt hat.

Was müsste sich im Bereich Suizidprävention in Südtirol noch tun?
Das Netzwerk Suizidprävention organisiert jährlich eine öffentliche Tagung zum Thema. 2018 wurde vorab eine Umfrage durchgeführt. Dabei haben sich mehr als 380 Personen aus dem Sanitäts-, dem Bildungsbereich, der sozialen Arbeit, aus der Freiwilligenarbeit sowie Vertreter der Jugendarbeit, der Medien oder der Kirche beteiligt. Die Umfrageergebnisse  machen deutlich, dass mehr als die Hälfte der Teilnehmer die Angebote im Bereich Suizidprävention für nicht ausreichend hält. Über 40 Prozent der Befragten sprachen sich zudem für die gezielte Schulung der Medien und anderer besonderer Berufsgruppen aus (z.B. Hausärzte, Apotheker, Ordnungskräfte, Lehrer oder Pfleger).

 

Auf der Website www.suizid-praevention.it finden Sie weitere Informationen über das Netzwerk sowie:

- nochmal eine ausführliche Kontaktliste für Menschen in Not (natürlich niemals komplett)
- das Konzept zur sog. „Seelischen Ersten-Hilfe“ (Erkennen und Handeln bei psychischen Krisen)

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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