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Mein erstes Mal Detox

Weg mit dem Gift!

An die Haferflocken, fertig, los. Was hinter dem Detox-Trend steckt und wie entschlackt man am Ende wirklich ist, unsere Autorin im Selbsttest.

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Bild: Lisa Maria Kager

Veronika, der Lenz ist da! Und mit dem Lenz der Staub der Wintermonate und die Fettpölsterchen, die uns über die kalte Jahreszeit geholfen haben. Die staubige Wohnung wird dem obligatorischen Frühjahrsputz unterzogen, aber was ist mit unserem Körper? Die Stars und Sternchen aus Hollywood schwören auf die entschlackende Wirkung der Fastenkuren. Der Trend, der gerade einen riesigen Hype in der gesamten weiblichen Medienwelt auslöst, nennt sich Detox: Durch kurzzeitige Nahrungsumstellung Körper und Seele reinigen und dabei auch noch Gewicht verlieren. Klingt doch super. Doch was steckt eigentlich hinter diesem ganzen #cleaneating-, #detox-, #fühldichgut-Storm? Gute Tarnung für eine handelsübliche Diät oder doch wohltuende Entschlackungskur für Körper, Geist und Seele? Um das herauszufinden, stelle ich meinen Körper zur Verfügung und stürze mich in den fünf-Tage-Detox-Wahnsinn.

Was ist dieses Detox?

Die Idee, die hinter Detox steckt, geht davon aus, dass nicht allein zu viel Essen, Alkohol oder Nikotin uns Menschen dick und krank machen, sondern auch Spuren von Chemikalien, die sich in unserer Umgebung und unserem Essen befinden. All diese unerwünschten Stoffe lagern sich als sogenannte Schlacken in unserem Körper ab, übersäuern ihn, sind giftig und binden Fett. Durch das Verzichten auf bestimmte Produkte, treibt man diese Schlacken aus seinem Körper, so die Vorstellung. Nachdem ich mich reichlich in das Thema eingelesen habe, verstehe ich, dass es verschiedene Herangehensweisen an das Ganze gibt. Da ich mich nicht ausschließlich von Flüssignahrung ernähren will, weil das Projekt dann bereits von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, entscheide ich mich für einen Plan aus dem Internet. Das heißt, ich werde versuchen, für fünf Tage ganz viele basische Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse, frische Kräuter oder Sojaprodukte zu mir zu nehmen und dadurch meinen Säure-Basen-Haushalt wieder in Einklang bringen. Verboten ist hingegen fast alles, was mir für gewöhnlich zu gut schmeckt. Keine tierischen Produkte, keine Nahrungsmittel auf Weizen- oder Stärkebasis, keine Kartoffeln, kein Reis, kein Couscous, kein Salz und kein Zucker. Wenn Essig, dann nur ganz wenig. Außerdem keinen Alkohol und keinen Kaffee. Und auf Bananen, Weintrauben, Avocados und Kakis sollte am besten auch verzichtet werden. Haferflocken und Hülsenfrüchte hingegen sind erlaubt.

Tag 1: Amaranth, Quinoa und Co.

Auf den eigentlich obligatorischen Einlauf verzichte ich und trinke auch kein Salzwasser, um meinen Darm zu reinigen. Ich stürze mich also mit dem „Obatzd'n” vom Vortag, der noch in meinem Darm schwimmt, ins Detox-Vergnügen. Um nicht als vollkommener Laie zu gelten, fange ich morgens früh mit einem Detox-Klassiker an. Ich habe mich ja schließlich eingelesen und weiß, was zu tun ist, um zum Detox-Profi zu werden. Eine ayurvedische Mundspülung soll Keime und Giftstoffe beseitigen und ich muss dafür nicht mehr tun, als einen Esslöffel Olivenöl vier Minuten lang durch meinen Mund zu pressen. Mit Wasser ausspülen und schon bin ich bereit für mein erstes Haferflocken-Detox-Frühstück. Lieber hätte ich zwar die lebensrettende Tasse Kaffee für meinen idealen Tagesstart, aber am ersten Tag ist dieser Verzicht noch leicht erträglich. Heiße Zitrone lindert die Sehnsucht nach der schwarzen Brühe.
Um die Entsäuerung zu unterstützen, werden einem übrigens auch Wärme- und Kältereize, Atemübungen, Massagen, Akupressur und Bewegung wärmstens empfohlen. Dadurch wird die Durchblutung aktiviert, der Stoffwechsel im Körper angeregt und die Stoffe, die ich loswerden will, schneller durch den Körper nach außen transportiert. Am Nachmittag steht also eine Runde Jogging an, bevor es zum Einkaufen geht. Landen normalerweise Käse, Brot, Eier und Bananen in meinem Einkaufskorb, füllt sich der heute ganz anders. Zum ersten Mal in meinem Leben kaufe ich Tofu, zu dem sich Amaranth, rote Linsen und eine Tüte voll Zitronen gesellen. Auch wenn ich bereits eine bewusste Einkäuferin bin, fühlt sich das, was ich hier mache, nochmal ganz anders an. Ich bin gespannt die ganzen unbekannten Produkte zu verarbeiten und kriege schon richtig Kohldampf. 

Tag 2: Wo ist mein Leckstein?

Heute koche ich zum ersten Mal in meinem Leben Amaranth. Das „Powerkorn unter den Pseudogetreiden”, so preist das Internet mein Mittagessen an. Gemischt mit ein paar Bohnen, Zwiebeln und Tomaten schmeckt es gar nicht so übel, doch mit etwas Salz wäre es bestimmt noch besser. Das Gewürz (das ganz streng genommen ja eigentlich gar keines ist), das ich ständig und überall und meistens in Überdosis verwende, darf plötzlich nicht mehr in meine Gerichte. Alles, was ich esse, schmeckt dadurch irgendwie nicht richtig.
Nach einigen Stunden machen sich an Tag zwei erste Nebenwirkungen bemerkbar. Mein Kopf schmerzt. Ob es von der schwülen Hitze ist, die die Stadt gerade aufheizt oder vom Detox, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Aber entgiftet und fit muss sich eindeutig anders anfühlen. Nach sechs Stunden Uni sitze ich wie ein Geist da, vergeblich versuche ich letzte Reste der Energie vom Morgenyoga zu aktivieren. Ich starre die Professorin an und kann nur noch an eine knackig-scharfe Pasta al dente denken. Ich bin wirklich eine Essensfetischistin.

Tag 3: Halbzeit!

In wie vielen Variationen man Haferflocken essen kann, war mir bis dato noch nicht bewusst. Doch heute gibts wirklich Haferflocken-Varianten zum Frühstück, zum Mittag- und dann auch noch zum Abendessen. Neben den Haferflocken habe ich mich auch schon an die heiße Zitrone auf leeren Magen gewöhnt. Ich muss sagen, der Kaffee fehlt mir durch diesen Ersatz mittlerweile nicht mehr ganz so arg und die Zitrone verleiht mir morgens einen echten Energiekick. Es läuft!
Mein Zwischenfazit lautet: Ich stehe viel frischer und leichter auf, bin dafür aber abends total schlapp. 

Tag 4: Gebt mir Käse und frisches Brot, bitte.

Heute ist Feiertag in Bayern. Die Hölle für jeden Detoxer. Denn hierzulande werden solche Tage entweder im Biergarten mit Unmengen an Bier besiegelt oder mit den köstlichsten Essenseinladungen. Letzteres ist bei mir der Fall. Um dem verführerischen Menü widerstehen zu können, bereite ich mich mit einer Stunde Yoga und Atemübungen darauf vor. Anschließend steht Couscous mit gebratenem Ziegenkäse und Pfirsichchutney auf der Speisekarte meiner Gastgeberin. Ich muss passen und könnte heulen vor lauter Lust auf dieses köstliche Gericht. Der Geschmack von Käse fehlt mir nach vier Tagen so sehr, dass ich mich gleich noch schlapper fühle, während ich an meinem Riesensalat knabbere und dieses Detox verdamme.

Tag 5: O'zapft is, aber nicht für mich

Heute gönne ich mir zum Tagesstart meinen ersten Smoothie in dieser Detox-Zeit. Normalerweise stehe ich nicht so auf diese Flüssignahrung und habe sie mir deshalb bis jetzt auch gespart. Ich bin jedoch positiv überrascht, wie lecker Reste von Birne, Rucola, Walnuss und Orange fein gemixt zum Frühstück schmecken können. Weil ich heute Zeit habe, gönne ich mir eine professionelle Yogastunde, um meine Organe ein letztes Mal in Schwung zu bringen. Zum Mittagessen gibt es gefüllte Tofu-Pilze-Zucchini, die überaus köstlich schmecken. Ich mag es mit den Zutaten zu kochen und Neues auszuprobieren. Irgendwie könnte ich mich mittlerweile sogar ein bisschen an dieses Detox gewöhnen. Auch wenn ich abends wieder frustriert an meinem Glas Wasser nippe, während der Rest am Tisch „a hoibe“ genießt. Auf der gesamten Speisekarte des Restaurants, in dem ich mit meinen Freundinnen heute sitze, gibt es nämlich kein einziges Gericht, das ich komplett bestellen könnte. 

Fazit

Die ersten Tage waren wirklich sehr schwierig. Abgesehen vom Verzicht auf Lebensmittel, die einfach auf meinem täglichen Speiseplan stehen, ist das Leben mit Detox nicht so einfach. Man muss Einkäufe genauer planen, in der Küche kreativer werden und beim einen oder anderen Abend in geselliger Runde mit einem Glas Wasser danebensitzen. Das verdirbt einem zwar manchmal etwas die Geselligkeit, aber ich muss zugeben, dass ich mich am Ende der fünf Tage insgesamt wirklich gesünder gefühlt habe und außerdem verstanden habe, dass man nicht unbedingt fünf-Tages-Kuren durchführen muss, sondern es bereits genügt, das eine oder andere Mal auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten.
Trotzdem denke ich, dass diese trendigen Kurzkuren, nicht zu unser aller Gesundheit von Amerika rübergeschwappt sind. Im Internet werden häufig Vorher-Nachher Fotos mit erstaunlichem Gewichtsverlust gepostet, was viele NachahmerInnen auf diesen Trend aufmerksam macht, die bestimmt nicht den eigentlichen Sinn des Detox verstanden haben. Das Ganze verleiht diesem Detox für mich dadurch den Anschein eines gelungenen Tarnmantels. Führt man eine Diät durch, wird man in der Gesellschaft nämlich gleich mit schiefen Blicken begutachtet, Detoxen hingegen ist hipp und gesund noch dazu. Entschlacken heißt aber dem Körper etwas Gutes tun und ihn von allen Giften befreien und nicht getarnt diäten, um lästige Kilos loszuwerden.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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