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Zu Besuch beim Circ' AllOra

Was für ein Zirkus!

Am Wochenende hatte Auer seine eigene kleine Attraktion: Das Straßenkunst-Festival Circ’ AllOra verwandelte das Dorf in eine Zirkusmanege.

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gefährliche Reifen
Bild: Lisa Maria Kager

Die Stille trügt an diesem Samstagnachmittag in Auer. Die meisten Geschäfte haben bereits das Wochenende eingeleitet, die Straßen sind menschenleer. Doch wenn man ganz genau hinhört, hallt leise experimentelle Musik durch die schmalen Gassen. Sie führt zum Joy-Platz direkt vor dem Jugendtreff in Auer. Versteckt zwischen großen Häusern tut sich hier eine kleine Zirkuswelt auf: Der Circ’ AllOra.

Die Manege säumen schwarze Tücher und bunte Buchstaben. Der Wohnwagen, der den Artisten als Umkleidekabine dient, parkt direkt davor. Kinder amüsieren sich auf einem roten Karussell und essen Zuckerwatte, während einige Erwachsene zur Musik von Dadi Etro ausgelassen tanzen. Als grüne Aliens mit pinken Haaren stehen die Mailänder Musiker in der Mitte des Platzes und kommunizieren mit singenden Sägen, Synthesizern und Cavaquinhos miteinander.

Dadi Etro in Aktion

Bild: Lisa Maria Kager

„Circ’ AllOra ist eine Vision, die ich vor etwas mehr als zwei Jahren hatte, als ich hier in Auer durch die Gassen spaziert bin“, erzählt Heidrun Kofler. Die gebürtige Sarntalerin bezeichnet sich selbst als Gipsy. Seit sieben Jahren lebt sie zwischen Barcelona, der Schweiz und Südtirol und verdient sich ihren Lebensunterhalt mit der Organisation von Events – am liebsten im Zirkusbereich. „Obwohl ich selbst viel Zirkus mache, ist die Bühne nichts für mich. Ich arbeite lieber im Hintergrund. Koordination hab ich einfach drauf“, meint Heddy, wie sie ihre Freunde nennen.

„Wenn es um Geld geht, hat es eine andere Energie.“

Beim Verein für Kunst und Kultur „Form Art Culture“ in Auer hat sie auch in der Heimat eine kleine, kreative Welt gefunden, in der ihre Ideen Platz finden. Mit 30 anderen Vereinsmitgliedern und Freunden hat Heddy 2016 die erste Ausgabe des Circ’ AllOra auf die Beine gestellt. Stunden um Stunden haben die freiwilligen Helfer in Organisation und Vorbereitung gesteckt und waren am Ende doch noch nicht vollständig zufrieden mit dem Ergebnis. Deshalb wollte es Heddy in diesem Jahr noch einmal wissen und motivierte ihr Team an Freiwilligen, eine weiteren Ausgabe zu planen. „Wenn es um Geld geht, hat es eine andere Energie. Dann funktioniert es nicht mehr so gut. Deshalb sind wir alle freiwillig hier“, sagt Heddy und blickt aus dem Backstagebereich im Jugendtreff Joy durch das Fenster auf den Platz. An diesem ersten von zwei Festivaltagen hat sie noch gar keine Zeit gefunden, das diesjährige Publikum bewusst wahrzunehmen und ist jetzt überrascht: „Wow, so viele sind schon da?“

Salto Mortale?

Bild: Lisa Maria Kager

Inmitten der Zuschauer sitzen Fiammetta und Caterina auf den steinernen Treppen des Platzes und warten gespannt auf die nächsten Artisten. Die beiden Schwestern sind zum ersten Mal in Auer. Den Weg aus dem Nonstal haben sie auf sich genommen, weil sie Theater und Zirkus lieben. „L'arte di strada connette la gente“, sagt Fiammetta. „Èh, guarda quanta gente diversa c'è oggi“, ergänzt Caterina und deutet auf das Publikum, in dem von kleinen Kindern bis zu ihren Omas alle Altersgruppen vertreten sind. Die bisherigen Aufführungen von Akrobaten und Jongleuren im Dorfzentrum, der ersten Location des Festivals, haben die Schwestern überzeugt. Nun wollen sie mehr sehen. 

Caterina und Fiammetta

Bild: Lisa Maria Kager

Die Gruppe Impulso hat in der Zwischenzeit ihr Teeterboard zwischen großen, blauen Turnmatten in der Mitte der Platz-Manege positioniert. Das Holzbrett erinnert an die hölzerne Wippe auf dem Spielplatz, doch was die beiden Akrobaten damit anstellen, ist atemberaubend: Abwechselnd springen sie auf die Enden des Holzes, katapultieren sich gegenseitig meterhoch in die Luft und machen dabei verrückte Saltos. Tosender Applaus rauscht über den Platz.

Abgesehen von Fahrt und Unterkunft kriegen die rund 20 Artisten keinen Lohn. Den müssen sie sich als Straßenkünstler durch ihre Auftritte selbst verdienen. So auch Annina und ihr Freund Sebastian, die sich auf der hinteren Seite des Platzes mit ihrem Micro-Theater aufgestellt haben. Die junge Frau mit Sidecut kommt aus Bern und studiert Puppentheater in Stuttgart.

In den Semesterferien tritt sie mit ihrer Miniaturshow „La Gran Chichornia“ auf kleinen und großen Festivals in ganz Europa auf. „Dieses hier ist vermutlich das kleinste, auf dem wir je waren. Super familiär und gemütlich“, meint Annina und setzt mir Kopfhörer auf. Durch einen kleinen Schlitz gucke ich in den Karton vor ihr. Zur Zirkusmusik, die nun erklingt, spielt mir die Straßenkünstlerin ein Privattheater mit selbstgebauten Puppen und ich tauche völlig verzaubert in eine andere Welt ein.

Annina spielt mit Puppen

Bild: Lisa Maria Kager

Von außen scheint das Leben der bunt gekleideten Artisten relativ sorglos zu sein, doch hinter ihren Auftritten stecken hartes Training und lange Vorbereitungen. „Um sich da reinfühlen zu können, haben wir auch Workshops organisiert“, erzählt Heddy, „so spürt man am eigenen Körper, was die Artisten hier eigentlich leisten.“

Ob am Trapez, auf dem Einrad zwischen den Vertikaltüchern oder mit dem Hula Hoop: Beim Circ’ AllOra kann man zwischen den Shows immer wieder in die Rolle eines Artisten schlüpfen und sich von den Profis die ersten Zirkustricks beibringen lassen.

Acroyoga Workshop hinter den Kulissen

Bild: Lisa Maria Kager

Die kleine Maja wollte das Zirkusleben lieber gleich selbst ausprobieren und hat sich mit ihrem Papa Jakob als Clown verkleidet. Für die kleinsten Besucher basteln sie bunte Kreationen aus langen, dünnen Luftballons.

Babyfrösche, Blumen und Herzen zaubert Maja in ein paar Handgriffen. „Wir sind ganz spontan hier und haben uns erst heute morgen einige Tricks über Youtube beigebracht“, gesteht Jakob und beobachtet Maja beim Aufblasen des nächsten Luftballons. „Das macht voll Spaß, vielleicht wird das sogar mal mein Beruf“, sagt sie und grinst. 

Jakob und Tochter Maja

Bild: Lisa Maria Kager

Jacek Szmytkowski hat die Kunst bereits zu seinem Beruf gemacht. Seit fünf Jahren musiziert er in europäischen Städten und verdient damit seinen Lebensunterhalt. Als es auf dem Joy-Platz zu dämmern beginnt, baut er bunte Eimer, Töpfe und Pfannen auf und gibt auf ihnen Rhythmen aus aller Welt zum Besten. Immer mehr Menschen versammeln sich in einem großen Kreis um Jacek und wippen im Takt mit. „Straßenkunst verbindet eben“, meint Heddy und bewegt sich zu Jaceks Getrommel, das die Menge für die große Gala aufwärmt. 

In einer eineinhalbstündigen Show gibt am Ende des Tages jeder Artist noch einmal einen kleinen Ausschnitt seiner stärksten Nummern zum Besten und schließt damit den ersten Tag des Straßenkunstfestivals ab. Ob es 2020 die nächste Edition geben wird? „Wir werden sehen“, meint Heddy, „die Energie hier in Auer ist jedenfalls gut.“

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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Alternatives Südtirol schlüpft aus dem Ei ! <3

ein wunderbarer Artikel fuer wunderbar gelebte Momente. Danke

merci

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