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Wahre Schauermärchen

So gut beschützt sind Kinder in Uganda leider nicht immer. In Ritualmorden werden sie auch heute noch geopfert – ein unfassbar schrecklicher Fall.

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Bild: Elisa Reiterer
Hexerei und Magie: Den meisten Europäern fallen dazu erst mal Harry Potter, lateinische Sprüche, Abrakadabra und Simsalabim ein. Dann vielleicht noch die Hexenverfolgungen in Mittelalter und Neuzeit. Aber das waren dunkle Zeiten, wir leben im 21. Jahrhundert,  Hexerei gibt’s nicht mehr. Denkste!
 
Mit Magie zum beruflichen Erfolg
 
Hexerei findet man in Afrika in allen Facetten, manchmal mehr und manchmal weniger offensichtlich. So gibt es in Kampala mehrere Läden, in denen meist junge Kräuterfrauen alle möglichen Mittelchen anbieten: Sei es, um den Ehemann im Haus zu behalten, der eigenen Karriere einen kleinen Schubs zu geben oder der Schwiegermutter ein bisschen Bauchweh zu bereiten. Der Glauben an die Hexerei ist in Uganda weit verbreitet, auch unter der gebildeten Bevölkerung. In einer aktuellen Umfrage meinten zwei Drittel der Befragten, dass Rituale ein alltägliches Bild am Arbeitsplatz seien. Im Geschlechtervergleich greifen Männer eher auf magische Stimulation der Berufslaufbahn zurück, während Frauen Rat und Mittel für sentimentale und zwischenmenschliche Probleme suchen.
 
Das wäre ja alles schön und gut, wäre es hier mit dem Aberglauben zu Ende. Doch die Hexerei hat eine dunkle Seite, eine, die hin und wieder in die Schlagzeilen gerät und die so schockierend ist, dass man sie nicht glauben kann und will: die rituellen Kinderopfer. Ritueller Mord ist tief in den Kulturen der subsaharischen Völker Afrikas verankert, auch in Uganda gab es gelegentlich Menschenopfer. Seit 2005 vermehrten sich die Funde von grausam zugerichteten Kinderkörpern an Straßenrändern, die einem Hexenmeister zum Opfer gefallen waren. Vor allem ländliche Districts nahe Kampala wurden von Kidnappern heimgesucht, Kinder verschwanden zuhauf. 
 
Der Aberglaube ist im Denken der Landbevölkerung noch viel tiefer verankert, als bei den Städtern, die vor allem wegen kleiner Alltagsprobleme zur Magie greifen. Auf dem Land wird die Schuld an Armut, Elend, Arbeitslosigkeit, Fehlgeburten und allen anderen möglichen und unmöglichen Problemen den Hexen zugeschrieben. Um diese Probleme zu beseitigen, müsse, so der Glaube, der absolute Gegenpol zu den bösen, alten Hexen geopfert werden: Das sind die Kinder. Wenn möglich unter fünf Jahre alt, denn dann gelten sie als besonders rein und unschuldig. Zwischen 2006 und 2011 wurden 50 rituelle Morde an Kindern in die Kriminalakten eingetragen.
 
Ein Kinderopfer für Reichtum – unfassbare Grausamkeit
 
Edmond aus Kiryandongo wäre beinahe einer von ihnen geworden. Es war drei Uhr morgens, als eine Ambulanz mit Sirene und Blaulicht in Lacor eintraf. In ihr ein zweijähriger Junge mit schwersten Verletzungen. Seine Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter dem Klinikpersonal. Niemand sprach laut darüber, zu sensibel war die Angelegenheit, zu tabu das Thema. Edmond hätte geopfert werden sollen, in einem Ritual für Reichtum. Als er mehr tot als lebendig im Krankenhaus eintraf, fehlte ihm der gesamte rechte Skalp, die Eichel des Penis war abgehackt worden. Fünf tiefe Löcher klafften in seinem Bauch bis in die Gedärme hinein, und die Halsschlagadern, die wohl hätten durchstochen werden sollen, waren nur um Millimeter verfehlt worden – ein kleiner Fehler, der ihm wahrscheinlich das Leben gerettet hat. 
 
Eine der Schwestern auf der Intensivstation erzählt mir flüsternd, was passiert ist: Edmonds Mutter hatte selbst einiges mit Hexerei zu schaffen, weshalb niemand ihren Beteuerungen glaubte, dass das Kind auf einmal verschwunden gewesen sei. Ein Schwarzmagier war es, der Edmond in einem Ritual opfern sollte, um jemand anderem Reichtum zu bescheren. Doch er wurde dabei vom Onkel des Jungen unterbrochen, der zufällig des Weges kam und die durch einen Knebel gedämpften Schreie seines Neffen hörte. Edmond überlebte, der Hexer, der ihn hätte köpfen sollen, verschwand ungestraft.
 
Hexerei ist in Uganda seit dem Inkrafttreten des Witchcraft Act im März 1957 strafbar, für Mord oder versuchten Mord durch Hexerei ist eine lebenslange Gefängnisstrafe vorgesehen. Doch an der Durchführung haperte es, die Schuldigen schlüpften der Reihe nach durch die Maschen des Gesetzes. Seit einigen Jahren laufen im ganzen Land Sensibilisierungsprogramme in den Schulen, um die Vorsicht der Kinder zu schärfen. Nun gehen die Statistiken aufgrund strengerer Kontrollen, einiger Präzedenzfälle sowie verstärkter Aufklärung der Kinder selbst langsam zurück.
 
Edmond wird langsam wieder gesund, die körperlichen Wunden vernarben. Die seelischen aber werden wohl nie ganz verheilen.

Elisa Reiterer

Vagabundin durch alle Ecken und Enden des Planeten, liebt das Meer, Sonnenuntergänge und Vorweihnachtszeit mit Neuschnee. Wird hibbelig, wenn sie zu lange an einem Ort bleibt.
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Abenteuer Afrika

Da bin ich nun, Medizinstudentin am Ende des zweiten Jahres, bei meinem ersten richtigen Praktikum. Ins kalte Wasser springen tut gut, also packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fuhr für einen Monat nach Gulu im Norden Ugandas. Vier Wochen Pädiatrie, vier Wochen Afrika.

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