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Zu Besuch beim Frauen-Eishockey

Vollgas geben

Gebrochene Zehen, ausgekugelte Schultern und blaue Flecken gehören für die Eishockeyspielerinnen der AHC Lakers dazu. „Wir trainieren gleich hart wie die Männer“, sagen sie.

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Noch sind sie trocken, das wird sich aber bald ändern: Die Eishockeyspielerinnen Sophie Eisenstecken, Caroline Thainer und Doris Prossliner.

Bild: Petra Schwienbacher

19:45 Uhr. Es regnet in Auer. Die zwanzig Mädels müssen trotzdem aufs Eis. Im Gänsemarsch gehen sie von der Kabine über die grauen Gummimatten und rund ums Spielfeld. Wie Ritter in Rüstung.

„An so einem Tag graut es uns schon, aufs Eis zu gehen“, geben die AHC Lakers aus Neumarkt zu. Dennoch trainieren sie immer, egal ob es regnet oder schneit. „Es müsste schon eine Woche lang schütten und das Eis unbespielbar sein, damit wir nicht trainieren oder spielen“, sagt Sophie Eisenstecken, 25 Jahre alt und eine der Stürmerinnen. Also verteilen sie sich auch heute auf dem Eis und trotzen dem Regen, der auf sie niederprasselt.

Die Gegner laufen ein, es sind die Old Frogs aus Auer – eine Männermannschaft. Die Mädchen wissen: Das wird ein anspruchsvolles Freundschaftsspiel. Zig Pucks liegen verteilt auf dem Spielfeld. Nacheinander knallen die Old Frogs und die Lakers zum Aufwärmen die platten, schwarzen Scheiben gegen die Hartplastikbande. Dann wird es ernst. Die Lakers versammeln sich rund ums Tor und stecken die Köpfe zusammen. Sophie Eisenstecken und die 24-jährige Stürmerin Doris Prossliner stimmen den Schlachtruf an: „One for all.“ Und die Mannschaft schreit im Chor: „All for one.“

Anpfiff. Nur noch fünf gegen fünf plus die zwei „Goalies“, die Torwächter, rotieren auf dem Eis. Die Bedingungen sind wegen des vielen Wassers auf dem Eis noch härter als normal. „Das Eis ist rauer und der Puck rutscht bei einem Pass nur halb so weit“, erklärt Caroline Theiner, 21-jährige Stürmerin aus Prad. Einmal pro Woche fährt sie über eine Stunde zum Training, das normalerweise in Leifers stattfindet, und zu den Spielen. Zweimal wöchentlich trainiert sie in Prad mit den Männern. Das fordere sie. Heute ist sie eine der sechs Mädels, die von Beginn an gegen die Männermannschaft spielen dürfen.

Die schwarze Scheibe soll so oft wie möglich in das gegnerische Tor. Gar nicht so einfach im Spiel gegen die erfahrenen „Frösche“. Die Männer dominieren das Spiel. Sie sind schnell, nicht immer kommen die jungen Frauen dagegen an. Eishockey ist ein schneller Sport. „Technisch manchmal brutal. Man muss wissen, was die nächsten Schritte der Mitspieler sind, und was man selbst als nächstes macht“, sagt Prossliner. Die Teammitglieder geben ihr recht. Man muss nicht nur körperlich stark sein, sondern auch mit dem Kopf spielen.

Die Männer sind schneller. Punkte zählen die AHC Lakers nach den ersten Toren der Old Frogs nicht mehr.

Bild: Petra Schwienbacher

Allgemein geht es heute, wie immer wenn Frauen spielen, gesitteter zu als beim Männer-Eishockey. Nicht etwa weil sie schroffen Körperkontakt lieber vermeiden, sondern schon allein aufgrund der Spielregeln: Beim Frauenhockey pfeift der Schiedsrichter jeden absichtlichen Körpereinsatz. Frauen dürfen ihre Gegnerinnen nicht gegen die Bande drücken, auch Body-Checks sind verboten. „Es ist aber unausweichlich, dass man auch mal zusammenstößt“, sagt Prossliner.

Zähne zusammenbeißen

Verletzungen gibt es auch bei den Frauen konstant. Gebrochene Zehen, ausgekugelte Schultern, Gehirnerschütterungen, Gelenkverletzungen. Und natürlich ständig blaue Flecken, wenn der Puck mit voller Wucht auf den Körper prallt. „Man darf nicht empfindlich sein“, sagt Eisenstecken. „Einfach Zähne zusammenbeißen und weiter geht’s.“ So einfach sei das. „Rein, Vollgas geben und raus“, sagt Prossliner grinsend.

Die Stürmerin arbeitet im Verkaufsinnendienst, sie spielt das sechste Jahr Eishockey. Mit zwölf Jahren stand sie zum ersten Mal überhaupt auf Schlittschuhen, auf einem zugefrorenen See. Später lernte sie Eisenstecken kennen. Die spielt nun schon das 13. Jahr Hockey. Mit vier Jahren war sie das erste Mal Eislaufen, zusammen mit ihrem älteren Bruder und Vater, beide ebenfalls Eishockeyspieler. Von Eisenstecken hat Doris Prossliner überhaupt erst von der Damenhockeymannschaft erfahren. „Du kannst gleich anfangen. Die Zacken vorne schleifen wir für dich ab“, scherzte Eisenstecken damals, weil Damenschlittschuhe vorne Zacken besitzen – zum Springen und für die Spitzenschritte im Eiskunstlauf. Beim Hockey würden die nur stören, weshalb die Mädels Männerschuhe tragen.

Auch Caroline Theiner hat das Eishockeyspielen zusammen mit ihren Brüdern entdeckt, seit 13 Jahren spielt sie nun schon. Mit 15 Jahren wechselte sie zu den Frauen, zusätzlich trainiert sie mit der Männermannschaft. Und obwohl sie von „ihren“ Männern akzeptiert wird, konfrontieren sie andere oft mit Vorurteilen. Das erleben auch die übrigen Frauen der AHC Lakers. Manche Menschen seien richtig begeistert, andere einfach nur verwundert. Das liegt oft daran, dass der Sport nicht sehr bekannt ist. In ganz Italien gibt es gerade einmal fünf Frauen-Eishockeymannschaften. In Südtirol sind das neben den Lakers noch zwei Mannschaften, eine davon in Bozen und die zweite in Bruneck, wobei letztere eine reine Freizeitmannschaft ist.
 

„Wir sind anders gebaut wie die Männer und nicht so schnell wie sie. Aber wir trainieren gleich hart, auf Eis genauso wie in der Palestra.“

Damenhockey werde oftmals nicht als Sportart angesehen, bedauern die Frauen. Das merken sie auch bei der Sponsorensuche. Dennoch finden sich jedes Jahr einige, die die Mannschaft unterstützt. „Klar ist das Niveau anders als bei den Männern“, gibt Prossliner zu. „Wir sind anders gebaut wie die Männer und nicht so schnell wie sie. Aber wir trainieren gleich hart, auf Eis genauso wie in der Palestra“, sagt Eisenstecken. Und so langsam werde der Sport auch bekannter, die Akzeptanz größer.

Trainer Dapra Stefano hat es nicht immer leicht mit 20 Frauen.

Bild: Kurt Mantinger

Die AHC Lakers spielen in der Serie A auf hohem Niveau. Vergangenes Jahr spielten sie zusätzlich die DEBL II, die Damen-Bundeseishockeyliga 2 und sicherten sich den zweiten Platz. Dieses Jahr mussten sie aus finanziellen Gründen etwas kürzer treten und spielen „nur“ die italienische Liga. Aktuell sind die Mädels auf dem dritten Platz und startklar für die Playoffs.

Trainer Stefano Daprá ist sichtlich stolz. Seit zwei Jahren trainiert er die Mädchen und kämpfte anfangs mit Schwierigkeiten. Die Spielerinnen sind zwischen 14 und 28 Jahre alt. „Das ist auch heute noch eine Herausforderung“, gibt er zu. „Aber gerade das ist spannend. Und ich glaube, ich habe den richtigen Zugang zu ihnen gefunden.”

„Logisch zicken wir uns auch an“

Die Lakers verbinden Spaß und Sport. Mittlerweile kennt jede die Macken der anderen. „Logisch zicken wir uns auch an, wir verbringen eben viel Zeit zusammen“, gibt Prossliner zu. Den Verein gibt es seit 2004, damals hieß die Mannschaft noch Black Sharks und war eine reine Freizeitmannschaft in Eppan. 2007 gewannen die Mädchen  den Südtirolcup. Sie stiegen in die italienische Liga auf, nannten sich ein Jahr später Lakers und nahmen an den Italienmeisterschaften teil. Mit dem ehemaligen Trainer Markus Sparer kamen sie nach Neumarkt. Seitdem spielen sie in Deutschland, Österreich und Italien. „Oft fährt man schon mal sechs, sieben Stunden zu einem Spiel“, sagt Eisenstecken.

20 Minuten nach Spielbeginn – nach dem ersten Drittel – schlurfen die Spielerinnen vom Eisfeld. Durchnässt bis auf die Knochen, die Rüstung mit Wasser vollgesaugt. „Meine Unterwäsche könnte ich auswringen“, sagt Eisenstecken und lacht. Wie viel es im Spiel steht, wissen die Mädels nicht. „Bei den Männern zählen wir nicht mit“, lacht Prossliner. Nach 15 Minuten geht es wieder aufs Feld. Mit nasser Unterwäsche.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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