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Nachhaltiger Tourismus

Urlaub mit Idealen

Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet? Muss nicht sein. Wie nachhaltiger Tourismus gelingen kann.

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Bild: Photo by Oscar Nord auf Unsplash

Geschlafen wird auf einem überschaubaren Campingplatz, der auf seiner Website mit Solarpanels und recyceltem Poolwasser als Abwasser wirbt, einen Fahrradverleih gibt’s auch. Die zahlreichen Bäume spenden Schatten und sorgen nebenbei für frische Luft. Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo-Freire-Zentrums für transdisziplinäre Entwicklungsforschung in Wien, fährt mit seiner Frau Kathi und den zwei Kindern mit dem Zug nach Venedig in den Spätsommerurlaub. Seit mehr als 10 Jahren verreist er nachhaltig. 

Was ist das – nachhaltiger Tourismus?
Das Wort Nachhaltigkeit kommt Gerald als Sozialwissenschaftler nicht leicht über die Lippen. „Heutzutage nennt sich ein Hotel ja schon nachhaltig, wenn es einen Fairtrade-Kaffe am Frühstücksbuffet gibt“, kritisiert Gerald den vielinterpretierten Begriff. Vor fast zwanzig Jahren schlug das Deutsche Forum Umwelt und Entwicklung eine bis heute verwendete Definition vor. Nachhaltiger Tourismus hat demnach die Zielsetzung, alle Bereiche der nachhaltigen Entwicklung (Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kulturelles) auf den Tourismus umzulegen. Was bedeutet das in der Praxis?
Gerald muss nicht lange überlegen, was ihm wichtig ist. Die Unterkunft muss öffentlich erreichbar und ein kleiner Betrieb sein. Umso besser findet er die Unterkunft, wenn sie überwiegend regionale Produkte anbietet. Der Kontakt zu den GastgeberInnen ist ihm auch wichtig, weshalb er schon seit Jahren immer wieder in derselben Pension im Waldviertel nächtigt. Venedig ist eine Ausnahme unter seinen Urlauben. Meistens bevorzugt Gerald Urlaub in Österreich und angrenzenden Ländern.

„Nachhaltigkeit ist nicht mehr eine Nische, man kann es sich als Anbieter kaum mehr leisten, das Thema zu ignorieren.“

Der Alpenraum als Vorbild für nachhaltigen Tourismus
Der Alpenraum ist ein gutes Beispiel für Nachhaltigkeit im Tourismus. „Hier hat sich bei dem Thema schon einiges getan“, meint Harald Pechlaner, Professor für Tourismus an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und Leiter des Eurac Centers for Advanced Studies. So gebe es verschiedene internationale politische Instrumente, die nachhaltigen Tourismus evaluieren und Empfehlungen an die Politik aussprechen. Zum Beispiel hat sich der Bericht der Alpenkonvention, ein internationales Abkommen zwischen den Alpenländern (Deutschland, Frankreich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Österreich, Schweiz und Slowenien) und der EU für eine nachhaltige Entwicklung und den Schutz der Alpen, umfassend mit nachhaltigem Alpentourismus beschäftigt. Eine der größten Baustellen beim nachhaltigen Tourismus im Alpenraum sei der Bereich Mobilität. Hier müsse man überall, auch in Südtirol, noch mehr tun, so Pechlaner.

Mit gutem Gewissen wieder nach Hause fahren
Gerald und seine Frau Kathi sind nicht die einzigen, die Wert auf Nachhaltigkeit im Urlaub legen. Eine Eurac-Studie zeigt: TouristInnen, die im Alpenraum Urlaub machen, wünschen sich neben kulturellen Erlebnissen auch eine intakte Umwelt. Ein Großteil der Betriebe hat sich hierzulande bereits darauf eingestellt. Was den Betrieben laut der Eurac-Studie am wichtigsten ist: den TouristInnen das Gefühl zu geben, mit gutem Gewissen wieder nach Hause fahren zu können. „Nachhaltigkeit ist nicht mehr eine Nische, man kann es sich als Anbieter kaum mehr leisten, das Thema zu ignorieren“, bestätigt auch Pechlaner. Langfristig brauche es aber mehr als gutes Marketing, um den guten Weg beizubehalten, den die Alpenregionen bereits eingeschlagen haben, so der Tourismusforscher. Ganzheitliche politische Strategien seien gefragt, um Tourismus dauerhaft nachhaltiger zu gestalten. Menschen, die schon jetzt so nachhaltig wie möglich urlauben möchten, gibt Pechlaner den Tipp: „Anreise und Unterkunft sind ausschlaggebend, wenn man nachhaltig reisen will.“

„[...] Da musste ich beim Sicherheitscheck zum ersten Mal meinen Gürtel ausziehen. Ich fand das damals ziemlich demütigend.”

Anreise: bloß nicht abheben
Weltweit steigt die Anzahl der Flugpassagiere konstant. Im Jahr 2017 waren es 4 Milliarden Flugpassagiere. Dabei ist Fliegen die mit Abstand klimaschädlichste Art sich fortzubewegen. Gerald feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Nichtflieger-Jubiläum. Der Grund, warum er sich gegen das Fliegen entschieden hat, war allerdings nicht die Angst um die Umwelt. Geralds Augenbrauen ziehen Falten in seine Stirn, als er davon erzählt: „Damals bin ich zu einer Tagung nach Istanbul geflogenb und da musste ich beim Sicherheitscheck zum ersten Mal meinen Gürtel ausziehen. Ich fand das damals ziemlich demütigend. Und wenn man das weiterdenkt, ist dieses ganze Sicherheitsdispositiv schon irgendwie absurd, da wird man ja behandelt wie ein Verbrecher. Im Zug musste ich jedenfalls noch nie meinen Gürtel ausziehen. Da habe ich angefangen, mich zu fragen: Warum lassen das täglich Millionen von Menschen über sich ergehen?“
Das Nicht-Fliegen habe sich seitdem mit der Zeit ergeben, in seiner Frau hat er dabei eine Gleichgesinnte gefunden. Vor dem Hintergrund des Waldsterbens in den 80ern hat sich Gerald außerdem aktiv gegen den Führerschein entschieden. Da auch Kathi keinen Führerschein hat, mussten sie bei gemeinsamen Urlauben immer ganz genau recherchieren, wie sie mit Bus und Bahn dorthin kommen.

Raumkampf
Wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist, fielen 80% der Unterkünfte weg, weil entweder kein Bus oder kein Abholdienst zur Verfügung stünden, so Gerald. Deshalb bevorzugen er und seine Frau Unterkünfte in Bahnhofsnähe und kleinere Pensionen, die sie vom Bahnhof abholen. Problematisch ist ihrer Erfahrung nach auch, dass Lagebeschreibungen häufig aus Autofahrersicht formuliert würden: „Einmal stand auf der Website, dass die Therme fünf Minuten von der Unterkunft entfernt ist. Als wir bei der Rezeption nachgefragt haben, stellte sich heraus, dass fünf Autominuten gemeint waren. Da haben wir erstmal blöd geschaut“, erinnert sich Gerald.
Kathi und Gerald meiden riesige, neue Hotelkomplexe und nächtigen nur in kleineren Betrieben. Damit helfen sie auch, den sogenannten „Raumdruck“ vor Ort zu mindern. Hinter dem Begriff steckt ein brodelnder Konflikt um die Nutzung von Raum und die physische Tragfähigkeit von Urlaubsorten. Aus der touristischen Überlastung entwickeln sich darum auch immer mehr Alternativen zu Massentourismus und riesigen Hotelkomplexen: Konzepte wie der „albergo diffuso “ sollen dem Bauboom in der Tourismusbranche Einhalt gebieten. Die Idee: Vorhandener Wohnraum in Dörfern soll genutzt und von einer zentralen Stelle vermietet werden – wie ein Hotel, dessen Zimmer im ganzen Dorf verteilt sind. Aktuell wird dieses Modell in Neumarkt im Unterland geplant und soll ab 2019 in die Tat umgesetzt werden.

„Man sollte nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen und Kompromisse eingehen.”

Kompromisse statt Ansprüche
Gerald gesteht, dass man ein hohes Maß an Eigeninitiative und Geduld braucht, wenn man so verreisen will, wie er und seine Familie. „Man sollte nicht zu hohe Ansprüche an sich selbst stellen und Kompromisse eingehen. Urlaub sollte ja schließlich entspannend sein“, fügt er augenzwinkernd hinzu.

Deshalb fährt die Familie nächste Woche entspannt mit dem Zug nach Venedig. Das Familiengepäck für den zweiwöchigen Campingurlaub bringt der Schwiegervater nach. Mit dem Auto. So sollte wohl jeder umweltbewusste Urlauber nicht nur physisch, sondern auch mit seinen Ansprüchen auf dem Boden bleiben.

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