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Pestizide auf Spielplätzen

Spielen im Giftnebel

Südtirols Spielplätze sind mit Pestiziden kontaminiert. Das zeigt eine wissenschaftliche Studie. International finden ihre Ergebnisse Beachtung, in Südtirol aber nimmt die Politik kaum Notiz davon.

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Lizenz: CC by-nc-nd
Bild: Traktor 2, GLOBAL 2000

Italien setzt gemeinsam mit Frankreich und Spanien europaweit die meisten Pestizide ein. Deshalb verbringt der Malser Koen Hertoge viele Stunden mit freiwilliger Arbeit hinter Telefon und Computer. Er ist im Vorstand von PAN Europe (Pesticide Action Network). Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Brüssel gibt es auf der ganzen Welt. Sie informiert die Bevölkerung über Risiken und Gefahren von Pestiziden und hat sich zum Ziel gesetzt, das Thema auf die politische Agenda zu bringen.

Im Rahmen einer Studie konnte PAN Europe vor zwei Jahren ein Dutzend Pestizide auf Südtirols Spielplätzen nachweisen. Obwohl die Ergebnisse nun sogar in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Environmental Sciences Europe veröffentlicht wurden, hatten die PAN-Europe-Mitarbeiter in Südtirol mit ihrer Arbeit noch kaum Erfolg, wie Koen Hertoge im Interview erklärt.

Koen Hertoge, PAN

Titel & Urheber des Bildes: 
Koen Hertoge

Sie haben mit PAN Europe vor zwei Jahren eine Studie initiiert, die Spielplätze in Südtirol auf Pestizid-Kontaminationen untersuchte. Wie sah diese Studie aus?
Wir haben Südtirol in vier geografische Gebiete aufgeteilt und im Mai 2017 auf verschiedenen Spielplätzen 71 Grasproben gezogen. Wir wollten wissen, inwieweit in Südtirol die Nicht-Ziel-Flächen während der Vegetationsperiode von Pestizid-Rückständen belastet sind. Wir haben ganz bewusst Spielplätze ausgesucht, weil diese in der EU-Gesetzgebung als sensible Zonen gelten, genauso wie Schulhöfe oder Parkanlagen. Dort halten sich Menschen auf, die sensibel auf diese Chemikalien reagieren können.

Und was hat die Studie ergeben?
Wir haben 315 verschiedene Wirkstoffe gesucht. Auf manchen Spielplätzen fanden wir gar keine Rückstände, auf 46 Prozent der Spielplätze hingegen Pestizide aus der Landwirtschaft und anderen Quellen – um genau zu sein zwölf verschiedene Pestizide.

Nun haben Sie die Studie noch einmal ausgeweitet. Als weltweit einzige ihrer Art wurde sie sogar in der Fachzeitschrift Environmental Sciences Europe veröffentlicht. Wie kam es dazu?
Im ersten Teil unserer Arbeit vor zwei Jahren haben wir Nicht-Wissenschaftler sehr beschreibend gearbeitet. Nun wollten wir unsere Ergebnisse auch veröffentlichen. Dafür haben wir ein Team aus Wissenschaftlern mit ins Boot geholt. Zu den bereits vorhandenen Ergebnissen nahmen wir meteorologische Daten mit dazu und entwickelten daraus ein Modell das zeigt, welche die Einflussfaktoren der Abdrift sind, die die Wirkstoffe auf die Spielplätze bringen. Anfang März haben wir unser Paper eingereicht. Nach Auswertung durch drei unabhängige Wissenschaftler hat die Fachzeitschrift unsere Ergebnisse veröffentlicht.

Was ist dabei herausgekommen?
Je näher die Obstanbauflächen an die Spielplätze heranreichten, desto höher war auch die nachgewiesene Pestizidkonzentration. Außerdem konnten wir niederschlagsreiches Wetter und mittlere Windgeschwindigkeiten mit erhöhten Pestizidkonzentrationen in Verbindung bringen.

Entspricht das Ergebnis den Erwartungen?
Die Umweltschutzgruppe Vinschgau hat seit 2013 bereits regelmäßig Proben gezogen. Im Vinschgau wusste man also, was herauskommen könnte. Nicht so in den anderen Landesteilen. Gehofft hatten wir jedoch auf bessere Zahlen.

Wo kommen die gefundenen Pestizide konkret her?
Quellen können die Landwirtschaft sein, aber genauso Privatpersonen oder öffentliche Institutionen wie die Straßenmeisterei. Auch dort werden Glyphosat oder andere Wirkstoffe verwendet, etwa gegen die Tigermücke.

„Immerhin kann ich mir heutzutage sogar über Amazon Pestizide bestellen und daheim unwissend einsetzen.“

Ist es von Seiten der Öffentlichkeit also gerecht, den Bauern die Schuld zu geben?
Die Wirkstoffe, die wir gefunden haben, haben alle eine EU-weite Zulassung und die meisten eine Zulassung für professionellen Gebrauch. Im Umkehrschluss ist die Wahrscheinlichkeit also relativ groß, dass die Quellenkontaminierung bei der Landwirtschaft liegt – aber nicht ausschließlich. Immerhin kann ich mir heutzutage sogar über Amazon Pestizide bestellen und daheim unwissend einsetzen. Wir betonen immer wieder, dass wir uns der Wertschöpfung bewusst sind, die Südtirol durch die Landwirtschaft gezogen hat und immer noch zieht. Trotzdem besteht nach wie vor Handlungsbedarf seitens der Landwirtschaft. 

Von den zwölf gefundenen Wirkstoffen gelten 92 Prozent als hormonell wirksam. Was bedeutet das konkret?
Hormonell wirksam bedeutet, dass es im Körper dazu führt, dass Männer zum Beispiel Busen kriegen oder kleine Mädchen schon die Regel. Es ist wissenschaftlich anerkannt, dass hormonwirksame Chemikalien bereits bei sehr geringer Dosis eine große Wirkung haben können und umgekehrt.

Die Menge macht also doch nicht das Gift?
In Südtirol ist diese 500 Jahre alte Aussage immer ein Argument in der Pestizid-Debatte. Dabei trifft dieses Sprichwort bei dieser Art von Chemikalien gar nicht zu. Damals hat es vielleicht gestimmt, doch heute weiß die Wissenschaft mehr.

Haben die erneuten Auswertungen auch Reaktionen aus der Politik mit sich gebracht?
Während wir sogar Leser aus Indien, Kanada, Südafrika, Kenia oder Argentinien hatten, die sich vor allem auf Twitter über die Studie ausgetauscht haben, hat man hierzulande fast gar nicht reagiert. Landesrat Schuler war fast beleidigt, dass wir die Studie ausgeweitet und erneut veröffentlicht haben – schließlich wisse er das alles schon. Wir führen keinen Krieg gegen den Landesrat, aber wir möchten mit unserer Studie ein Instrument zur Verfügung stellen, auf dessen Basis die Politik ihre Entscheidungen treffen kann. Verschiedene Politiker haben immer wieder verlangt, dass wir uns auf Fakten berufen sollen, um mit ihnen diskutieren zu können. Dafür haben wir nun diese wissenschaftliche Studie.

„Super wäre es, wenn es in hundert oder noch besser 300 Meter Entfernung von Spielplätzen keine Obstanlagen mehr gäbe.“

Was müsste die Politik in Südtirol denn verändern, um zu einer Verbesserung beizutragen?
Man müsste erst einmal zur Kenntnis nehmen, dass alle Abdrift mindernden Maßnahmen, die in den letzten fünf Jahren diskutiert und scheinbar umgesetzt worden sind, nicht zu dem Ergebnis geführt haben, das man sich erhofft hat. Eigentlich müsste man auf Nicht-Ziel-Flächen wie den Spielplätzen weniger und weniger Rückstände finden. Aber das ist augenscheinlich nicht der Fall. Super wäre es, wenn es in hundert oder noch besser 300 Metern Entfernung von Spielplätzen keine Obstanlagen mehr gäbe. Und noch besser, wenn eine solche Regelung auch umgelegt würde auf andere sensible Zonen oder biologisch bewirtschaftete Bio-Anlagen. Und dann bräuchte es ein Monitoring zur besseren Überwachung.

Was bedeutet das?
Man müsste über verschiedene Zeitpunkte hinweg immer wieder vergleichbare Messungen durchführen. Die Ergebnisse unserer Studie beziehen sich nur auf den Zeitraum, in dem die Proben gezogen wurden. Wir können also keine Aussagen darüber machen, wie die Situation einen Monat vorher oder später aussieht.

Gibt es in Südtirol schon so ein Monitoring?
Das gibt es aktuell nicht. Die Grünen haben 2013 einen Beschlussantrag eingereicht, mit dem Ziel, die Landesregierung zu einem richtigen Monitoring zu verpflichten. Der wurde jedoch abgelehnt.

Also gibt es noch keine Lösungsvorschläge vom Landesrat?
Landesrat Schuler hat schon öfter über die Ökologisierung der Landwirtschaft und die Problematik der Abdrift gesprochen. Aber wirklich verändert hat sich noch nichts.

Was schlagen Sie und PAN Europe vor, um die Situation zu verbessern?
Ich bin Fan von ökologischer Landwirtschaft und einem geringeren Einsatz von Pestiziden, aber wir bräuchten eigentlich nicht nur in Südtirol eine Ökowende. Ich will damit nicht sagen, dass es im biologischen Anbau keinen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gibt. Den gibt es schon, aber keinen chemisch-synthetischen und die schädlichen Wirkungen sind nicht so groß wie im integrierten Anbau. Außerdem werden Qualität, Natur und Gesundheit positiv beeinflusst. Dabei ist uns natürlich bewusst, dass so eine Veränderung nicht von heute auf morgen passieren kann.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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