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Zu Besuch im Vinzimarkt

Sechzig Punkte bis Monatsende

Im Vinzimarkt in Bozen wird ein dreifacher Kampf ausgefochten: gegen Hunger, gegen Verschwendung, für mehr Menschlichkeit.

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Bild: Angelika Aichner

Ein heißer Sommertag in Bozen, die asphaltierte Straße dampft, die Schatten sind kurz. Wenige Meter vom Buchladen „Mardi Gras entfernt, tummeln sich einige Menschen vor dem noch verschlossenen Vinzimarkt. Eine halbe Stunde lang harren sie in der Hitze aus, um hier kostenlos Grundnahrungsmittel einkaufen zu können. Tarek*, Ende fünfzig, ursprünglich aus Tunesien, seit Jahren in Südtirol, hofft auf biologische Lebensmittel. Mit einer Hand hält er sein Einkaufswägelchen fest, in der anderen ein Buch: „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder. Tarek hat Kulturwissenschaften studiert, die Zweisprachigkeitsprüfung abgelegt. Und trotzdem: Eine Anstellung findet er nicht. „Könnte ich nicht hier einkaufen“, sagt er und deutet zur Glasfassade des Ladens hin, „wäre mein Kühlschrank am Ende des Monats längst leer.“ Gesunde Ernährung sei ihm wichtig, nur leisten könne er sie sich nicht. Und so kauft er größtenteils noch in Discountern ein, bei Aldi, Eurospin, Lidl, wie viele andere der Kunden auch, die auf dem Vorplatz warten.

Lebensmittel für Bedürftige
Nur wenige Meter von Tarek entfernt, lehnt Enis* an einem geparkten Wagen. Sonnenbrille, Pomade im Haar, spitzbübisch grinsend, seinen Sohn neben sich. Anfang der Neunziger zog er aus Albanien nach Bozen. Hier lebt, hier arbeitet er. Aber: „Die horrende Miete frisst das Gros meines Lohnes“, so Enis. Um seine vierköpfige Familie ernähren zu können, kommt er hierher, manchmal zwei Mal pro Woche, dienstags und donnerstags. An diesen Tagen ist der Vinzimarkt von 14.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Die Währung, die hier gilt, sind Punkte, die anhand des Einkommens und der Familienzusammensetzung kalkuliert werden. Das Monatsende naht. Tarek und Enis sind nur noch wenige Punkte geblieben. Als um halb drei Uhr die Ladentür geöffnet wird, eilen beide hinein. Im Vorübergehen entschuldigt sich Tarek noch: „Man muss schnell sein“, erklärt er schulterzuckend.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter, in grüne Schürzen gekleidet, begrüßen die Kunden einzeln, viele namentlich. Die Einkaufskörbe werden hektisch gefüllt. Ein Kilogramm Nudeln, ein Kilogramm Salz, ein Kilogramm Zucker kosten jeweils einen Punkt. Ein Döschen Thunfisch kostet anderthalb Punkte, ein Liter Olivenöl drei Punkte – beide Produkte sind trotz großer Nachfrage nur begrenzt vorhanden, sodass pro Monat nur eine Flasche Olivenöl, pro Tag nur eine Dose Thunfisch gekauft werden darf. Die Einhaltung der Regeln wird an der Registrierkasse kontrolliert – dort werden die Waren gescannt und die Punkte vom Guthaben abgezogen. Nur Brot wird nicht in Rechnung gestellt: „Jeder hat ein Anrecht auf sein täglich Brot“, sagt Sabine Eccel, 54 Jahre alt. Halbtags arbeitet sie bei ihrem Bruder im Familienbetrieb in Bozen mit. Ehrenamtlich leitet sie darüber hinaus den Vinzimarkt.

„Aber wie kann ich einen Ort als meine Heimat bezeichnen, an dem ich nicht willkommen bin?“

Per Handschlag begrüßt sie Mohammed. „Hallo Mama!“, ruft er. Lacht. Errötend sagt Eccel, dass er sie manchmal so nenne. Zu Recht, findet Mohammed: „Sie ist ein Engel, hört allen zu und respektiert alle.“ Eccel winkt ab, verschwindet hinter den Regalen. Es ist ihr unangenehm, wenn um sie viel Aufhebens gemacht wird.

Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen: Sabine Eccel (links) und Lina Gummerer

Bild: Angelika Aichner

Kein Bittsteller
Mohammed, der Einzige, der seinen wahren Namen nennen möchte, kommt regelmäßig in den Vinzimarkt. Sechzig Punkte pro Monat werden ihm und seiner vierköpfigen Familie zugestanden. Seine Söhne sind sieben und neun Jahre alt. Vor drei Jahren floh er aus dem nordirakischen Kurdistan nach Bozen. In seiner Heimat hat er als Sportjournalist beim Fernsehen gearbeitet, hier tut er sich schwer damit, Arbeit zu finden: „Sobald ich mich auf eine Annonce hin melde und meinen Namen nenne, wird abgewehrt: ‚Keine Ausländer!‘ Südtirol ist jetzt auch meine Heimat. Aber wie kann ich einen Ort als meine Heimat bezeichnen, an dem ich nicht willkommen bin?“, fragt er und findet doch keine Antwort darauf.

Mohammed und seine Familie haben monatlich 60 Punkte zur Verfügung.

Bild: Angelika Aichner
Mohammed ist es nicht unangenehm, in den Vinzimarkt zu kommen. Er fühle sich nicht wie ein Bittsteller, sagt er. Die Courage, sich öffentlich zu zeigen, haben nicht viele. Aus Scham, aus Angst davor, bemitleidet oder verurteilt zu werden. Nur langsam schiebt sich an der Registrierkasse die Schlange weiter, an deren Ende Alice* steht, Mittzwanzigerin aus Bozen, mit Universitätsabschluss, arbeitslos. Sie hat sich akkurat zurechtgemacht, geschminkt, die Armut soll man ihr nicht anmerken. Nicht einmal ihre engsten Freunde wissen, wie es um sie steht: „Mein Kontostand beläuft sich auf zwanzig Euro – ich würde hier nicht einkaufen, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre“, sagt sie. Alice gibt nicht viel von sich preis, gibt nur zu verstehen, dass sie sich alleingelassen fühle: „In unserer Gesellschaft muss man funktionieren. Wer nicht funktioniert, wird ausgegrenzt und unsichtbar gemacht.“ Sie ist hin und her gerissen zwischen der Dankbarkeit, im Vinzimarkt einkaufen zu können, und dem unbedingten Willen, es nicht mehr zu müssen. Ein Dilemma, das viele der Kunden eint.

Sozialer Treffpunkt
Zwei Wochen später. Monatsanfang. Die Punkte wurden wieder gutgeschrieben und so scharren ungleich mehr Menschen auf dem Vorplatz ungeduldig mit den Füßen. Dann endlich, die Ladentür wird geöffnet und ein Wettlauf beginnt. Jeder will die Türschwelle als Erster passieren und die Regale stürmen. Die wenigen Olivenölflaschen sind in Sekundenschnelle in den Einkaufskörben verschwunden. Mitten im Gedränge steht Lina Gummerer, 67, aus Eggen und sortiert gemächlich die Konservendosen. Bohnen, Erbsen, Tomatensauce. Sie ist eine von rund fünfzig freiwilligen Helfern und Helferinnen. In Eggen leitete sie jahrelang die beiden Dorfläden und arbeitet nun ehrenamtlich im Vinzimarkt, der im März dieses Jahres eröffnet wurde. Darüber hinaus steht sie seit etwa zehn Jahren auch zwei Mal pro Monat beim VinziBus am Verdiplatz in Bozen und verteilt in den Räumlichkeiten der ehemaligen Tankstelle warmes Essen an bedürftige Menschen. „Im Grunde geht es nur in zweiter Linie um das Essen“, sagt Gummerer, „vor allem suchen die Leute das Gespräch und jemanden, der ihnen zuhört.“

„Es kann doch nicht sein, [...] dass Menschen Hunger leiden und gleichzeitig so viele Tonnen an Lebensmitteln vernichtet werden.“

Ein Mann im Rollstuhl, Mittfünfziger, grüßt durch die geöffnete Ladentür und wedelt mit seiner Einkaufsliste. Die Stufe, die genommen werden muss, um das Geschäft betreten zu können, kann er nicht überwinden, eine Rampe ist nicht vorhanden. Und so beeilt sich Sabine Eccel, um die Liste entgegenzunehmen und diese Punkt für Punkt abzuarbeiten. Nachdem sie die vollbepackten Einkaufstüten übergeben hat, wird sie in den hinteren Teil des Ladens gerufen. In raumhohen Regalen türmen sich dort die Lebensmittel: Obst, Gemüse, kiloweise Reis und Nudeln, Wasserflaschen, Konservendosen. „Zu einem Großteil wird uns all das vom Banco Alimentare geliefert“, erklärt Eccel und schreitet durch das Magazin. Zusätzlich kämen Spenden von Privatpersonen, Bauernmärkten und von lokalen Unternehmen wie Foppa, Mila, Näckler, Naturalia und Rieper. Paul Tschigg, der Initiator des Vinzimarktes, lädt Dutzende Joghurtbecher aus, die der in Bozen ansässige Betrieb Stuffer gespendet hat. „Viele der Waren, die wir anbieten“, sagt er, „werden in Supermärkten nicht mehr verkauft, weil sie bereits vor Erreichen des Mindesthaltbarkeitsdatums aussortiert werden müssen.“ Tschigg hat seine Berufung darin gefunden, bedürftigen Menschen zu helfen. Und gerade deshalb ärgert er sich so sehr über die Lebensmittelindustrie: „Es kann doch nicht sein“, schimpft er, ein wenig lauter werdend, „dass Menschen Hunger leiden und gleichzeitig so viele Tonnen an Lebensmitteln vernichtet werden.“

Bild: Angelika Aichner

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) stirbt alle zehn Sekunden ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger. Mehr als 820 Millionen Menschen hungern weltweit, zwei Milliarden leiden an Mangelernährung. Und das, obwohl Nahrung als Menschenrecht gilt und alleine in der Europäischen Union jedes Jahr rund 89 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden. Während die Lieferung im Kühlschrank verstaut wird, reißt der Kundenansturm im Laden nicht ab. Momentan sind an die 150 Familien, also etwa 500 Menschen, dazu berechtigt, im Vinzimarkt einzukaufen, Tendenz steigend. Eine von ihnen ist Sanjana*, 42 Jahre alt, Mutter von vier Kindern, ursprünglich aus Bangladesch. Ihr acht Jahre alter Sohn Nazir* steht neben ihr, lächelnd. Achtzig Punkte stehen der Familie pro Monat zur Verfügung. „Das ist völlig ausreichend“, sagt sie, ein wenig beschämt. Auch sie ist ungern auf die Punkte angewiesen. Brot, Kartoffeln, Reis, Milch – es sind Grundnahrungsmittel, die Sanjana in ihren Einkaufskorb gibt.

Was im Sortiment noch fehle, seien Hygieneartikel, urteilt Alice: „Klopapier und Damenbinden würden das Sortiment vervollständigen“, sagt sie. Für Alice sind es unerschwingliche Luxusartikel.

 

*Name  geändert; Anm. d. Red.

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