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Der Coworking-Trend erobert Südtirol

„Wie eine WG“

Immer öfter teilen sich Freiberufler und Jungunternehmer ihre Arbeitsräume und profitieren vom gemeinsamen Austausch. Zwei Beispiele aus Südtirol.

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Die Firma Rebello und Tochterfirma Cora haben auch ihren Platz im Vitamin, dem Haus der Vaia-Group.

Bild: Petra Schwienbacher

Der sogenannte Open Space ist ein offener Raum im ersten Stock des Hauses der Vaia Group in Steinmannwald bei Leifers. Hie und da ein paar bemalte Pfeiler und an jeder Ecke leere Tische aus Metall und Holz. In einer Ecke breitere Tische, voneinander abgetrennt mit Billigregalen, verkleidet mit Holzbödenbelägen. Hier arbeiten einzelne Leute. In einer anderen Ecke vier Couchen und eine kleine Kaffeenische mit einer Büchse fürs Kleingeld. Alles was man hier sieht, wurde entweder selbst gemacht oder recycelt. Und mitten im offenen Raum steht eine Box aus Holz mit einer Lampe, einem kleinen Tisch und gerade einmal Platz für eine einzelne Person: Die Telefon- und Skype-Kabine des Coworking Spaces „Vitamin“.

Der Meeting Room und die Skype-Telefon-Kabine sorgen für ungestörte Gespräche. Im Open space kann es doch schon mal laut werden.

Bild: Petra Schwienbacher

Das Aussehen des Raumes offenbart den Charakter der Coworking Spaces: Zusammengewürfelt, kreativ-chaotisch, Altes mit Neuem vermischt. Der Raum spiegelt die Offenheit der Leute wider, die hier arbeiten. Man muss der richtige Typ dafür sein, um in einem solchen Raum arbeiten zu können. Wer sich bei seiner Arbeit voll konzentrieren muss oder lieber alleine arbeitet, ist an einem Ort wie dem Coworking Space falsch. „Die Interaktion zwischen den Personen ist einer der großen Vorteile. Meistens arbeiten an so einem Ort sehr aufgeschlossene Personen, die sich gegenseitig bereichern“, weiß Petra Gratl von IDM (Innovation Developement Marketing), das selbst junge Firmen unterstützt. Der zweite Vorteil sei die günstige Miete. Das erleichtert vor allem Neugründern den Einstieg in die Arbeitswelt.

Ein Coworking Space ist eine neue Arbeitsform für Freiberufler, Kreative oder Startups. „Man muss kein ganzes Büro mieten, sondern mietet nur einen Schreibtisch. Entweder dauerhaft oder temporär“, erklärt Gratl. Auf gemeinsamem Raum können so alle unabhängig arbeiten, aber auch voneinander profitieren. 2013 gab es weltweit über 2.500 solcher Coworking Spaces. Rund 800 davon befanden sich allein in den USA. Aber auch in Europa entstanden immer mehr. In Deutschland gab es 2013 mehr als 200, hierzulande gibt es aktuell nur einige wenige Coworking Spaces. Zu ihnen gehören unter anderem das Кiwanis von Pauline Schwarz in Bozen, die Filmwerkstatt in Meran und eben Vitamin in Bozen.

Ein Kommen und Gehen

Gegründet wurde der Coworking Space Vitamin, der sich über knapp 800 Quadratmeter erstreckt, im Mai 2015. Die Idee kam Daniel Kaneider gemeinsam mit seinem Geschäftspartner von „WAMS?!“ Robert Larcher und Hannes Vaia, Geschäftsführer der Vaia Group. Ursprünglich arbeiteten Kaneider und Larcher in einem Keller in Rentsch an ihrer bunten Sockenkollektion. „Nachdem uns Hannes hier einen Platz angeboten hat, war uns allen bald klar: Wir wollen etwas daraus machen“, sagt Kaneider. So entstand die Idee, einen Coworking Space zu gründen.

Heute arbeiten hier zehn Startups. Rebello und Tochterfirma Cora Happywear, Larixpress, Bright&Safe, Gourmemories, Miclee, Lifeshot, WAMS?!, Pro Alps und 426 Agency. Leute aus Bozen, dem Pustertal, Vinschgau, aus Brixen und Deutschland. Sie sitzen an einem der „Fly in“ Tische, die man für 80 Euro im Monat mieten kann. Hier herrscht ein Kommen und ein Gehen. Oder sie mieten einen „Resident Table“ für 150 Euro im Monat, auf dem man seine Sachen auch liegen lassen kann. Ideal für alle, die ihren Firmensitz in Südtirol haben, aber nicht immer im Lande sind. Als dritte Alternative gibt es die „Offices“ für einen monatlichen Mietpreis zwischen 250 und 500 Euro.

Daniel Kaneider bei der Arbeit. Mitbegründer der Sockenfirma WAMS?! und des Coworking Space Vitamin.

Bild: Petra Schwienbacher

Zugang zum Internet, Drucker, dem Besprechungszimmer, Parkplatz oder Briefkasten haben alle. Darum kümmert sich die Geschäftsführung von Vitamin. Wer heute eine Firma eröffnet, kann also morgen schon loslegen und muss sich im Büro um nichts kümmern. „Das wichtigste ist die Community“, sagt Kaneider. Der Coworking Space hat für ihn vor allem den Vorteil, junge Startups zu unterstützen und sich untereinander zu vernetzen. „Man kann sich austauschen und es entstehen neue Synergien“, erklärt der 28-Jährige. „Die Zusammenarbeit ist das Coole an Vitamin.“

Vaia sieht den Coworking Space als Investition und glaubt an die Idee. Schließlich profitieren alle voneinander und arbeiten auch direkt miteinander an verschiedenen Projekten. Um den Austausch noch mehr zu fördern und die Community auszubauen, gehen alle Firmen alle zwei Wochen am Mittwoch gemeinsam essen. Mitting heißt das im Vitamin: Eine Mischung aus Mittwoch, Meeting und Eating. Zudem werden Events für die Startups und für externe Besucher organisiert. Das sei für alle Beteiligten ein Vorteil, da sich gewissermaßen Kunden und Anbieter im Coworking finden.

Arbeitsplatz mit Flair

Auch die Filmwerkstatt in Untermais, im Gebäude der alten Pobitzer Mühle, ist ein Zusammenschluss von Firmen. Film- und Medienschaffende haben sich hier gemeinsam eingerichtet, unter ihnen die Dokumentarfilmer Jochen Unterhofer und Karl Prossliner. Ziel war es, einen gemeinsamen Raum zu schaffen, um sich bei einigen Projekten gemeinsam zu unterstützen. In der ehemaligen Nudelfabrik und späteren Tischlerei werden heute voll ausgestattete Schnitträume, eine Color-Grading-Station, ein Tonstudio und Produktionsbüros vermietet.

Ein offener Raum. Außen befinden sich die Büroräume.

Bild: Filmwerkstatt

Jeder der Mieter zahlt seinen Anteil direkt an den Vermieter. Eine neue Firma kann hier zwar auch jederzeit mit der Arbeit loslegen, im Unterschied zu Vitamin kümmern sich hier aber alle Firmen gemeinsam um Strom, Internetanschluss oder wie anfangs um die Umbauarbeiten. Stromrechnungen werden aufgeteilt, je nachdem wie groß die Büros sind. Für die Internetnutzung zahlt jedes Büro den gleichen Betrag.

„Bei der Gründung hat man sich unterschiedliche Objekte angesehen, aber dieses hat wegen des besonderen Flairs überzeugt“, sagt Wolfgang Fliri, Geschäftsführer von ammira Film und der SuTi GmbH, die auch das Onlinemagazin „BARFUSS“ herausgibt. Der gebürtige Naturnser hatte sein Büro früher im Keller seiner Eltern. Dann bot ihm Unterhofer, ebenfalls bei ammira Film, die Möglichkeit, in einem der Büros auf rund 600 Quadratmetern einen Raum zu mieten. „Er spart sich dadurch Miete und ich habe einen günstigen Büroplatz“, sagt Fliri, für den nicht nur die günstige Miete im Vordergrund steht. „Es sind die Räume mit ihrer eigenen Energie und die Leute, die hier arbeiten. Alles Idealisten, mit Freude an ihrer Arbeit“, sagt der 40-Jährige.

In der Filmwerkstatt geht es wie in jedem Coworking Space um Vernetzung, Austausch und produktive Kontakte in einem gemeinschaftlichen Arbeitsumfeld. Jedes Mitglied realisiert unabhängig voneinander Projekte, bei größeren Aufträgen arbeitet man aber auch einmal zusammen. Jeder bereichert jeden. Regelmäßig veranstalten sie Kinoabende für Besucher oder organisieren gemeinsame Mittagessen. Entweder wird zusammen in der kleinen Küche gekocht oder auswärts gegessen. „Dabei kann man seinen Horizont erweitern. Es ist inspirierend“, sagt Fliri.

Blick in eines der Büros in der Filmwerkstatt in Meran.

Bild: Filmwerkstatt

Und genau diese Inspiration ist es, was so viele Startups suchen. Deshalb ist sich Gratl sicher, dass auch Südtirol in Zukunft mehr solcher Coworking Spaces bekommen wird. „Ob sie dann alle genug Kunden finden, wage ich zu bezweifeln, weil bei uns in Südtirol vielleicht noch die Kultur für solche Sachen fehlt. Bei uns schafft man eher Bürogemeinschaften“, sagt sie skeptisch. Eine Bürogemeinschaft teilt sich eine Räumlichkeit und eventuell eine Empfangsdame und ein Sekreteriat.

Kaneider hingegen ist zuversichtlich. Er sieht, dass sich etwas tut. Das zeigt sich allein dadurch, wie schnell Vitamin innerhalb eines Jahres gewachsen ist. „Wir würden uns freuen wenn noch mehr Coworking Spaces entstehen würden. Je mehr, desto besser“, sagt er. Insgesamt 15 Startups haben im Vitamin Platz. In der Filmwerkstatt ist vor kurzem ein Geschäftsbüro frei geworden. Der neue Mieter müsse vor allem menschlich zum Coworking Space passen, da sind sich alle einig. Ein kreativer, inspirierender Charakter soll es sein – so offen wie der Raum selbst. „Schließlich sind wir wie eine große Wohngemeinschaft“, sagt Fliri.

 

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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