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Ruf aus der Stille

Die Mitarbeiter*innen der Telefonseelsorge in Südtirol kümmern sich ehrenamtlich um jene Menschen, die sich sonst niemandem anvertrauen können.

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Bild: Georg Hofer

Das Klingelschild gibt nicht preis, wer sich in der Wohnung aufhält. Auch die Nachbarn ahnen nicht, wer die vielen Menschen sind, die täglich ein- und ausgehen. Nachts brennt das Licht, der Rechner surrt ununterbrochen. Mindestens zwanzig Mal täglich klingelt das Telefon. Am anderen Ende der Leitung sitzen Menschen, die sich von der Gesellschaft allein gelassen fühlen.

Entgegen nehmen ihre Anrufe die mehr als 75 ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen der Telefonseelsorge. Irgendwo in Bozen haben sie sich ihren Arbeitsplatz eingerichtet. Ein Zimmer, Küche, Bad, eine kleine Bibliothek. Sie alle eint der unbedingte Wille, anderen Menschen zu helfen. In Schichtarbeit und unentgeltlich. Eine von ihnen ist Christine Pörnbacher. Nur sie darf sich der Anonymität entziehen, um den Dienst nach außen hin zu repräsentieren. Die Namen der anderen kennen nur wenige; die Anschrift der Wohnung wird nicht verraten; Anrufe können nicht zurückverfolgt werden.

Christine Pörnbacher

Bild: Angelika Aichner

Eine persönliche Kontaktaufnahme ist so von vornherein ausgeschlossen: „Wir hören den Menschen zu, wir unterhalten uns, versuchen gemeinsam nach Lösungen zu suchen – professionelle Hilfe und Heilung können wir aber nicht leisten“, so Christine. Es war nicht einfach, die Stelle bei der Notfallseelsorge zu bekommen: ein Vorstellungsgespräch, sich über Wochen hinziehende Seminare in Gesprächsführung, über psychiatrische Erkrankungen, über den Umgang mit Tod und Trauer. Und es ist nicht einfach, die Arbeit auszuführen: „Man wird mit ängstlichen, mit trauernden, mit sich verloren fühlenden Menschen konfrontiert und mit solchen, die Suizidgedanken haben“, sagt Christine. Sie macht die Arbeit seit bald vier Jahren – und sie macht sie gerne: „Nicht, um damit zu prahlen, sondern aus Liebe zum Menschen.“ 

Bald schlägt es zwölf Uhr mittags, das Lokal ist gut besucht. Während sich die Servierdamen damit beeilen, die Tische zu decken, spielt das Radio leise „Rebel, Rebel“ von David Bowie. Vis-à-vis von Christine sitzt die Koordinatorin der Telefonseelsorge, Silvia Moser. Eigentlich wollte sie Reisejournalistin werden. Vor gut sechzehn Jahren hatte sie einen längeren Aufenthalt in Vietnam geplant, um darüber zu schreiben. Die Reportage wurde aber nie fertig, weil man sie darum bat, den Dienst der Telefonseelsorge mit aufzubauen.

Bereut hat sie ihre Entscheidung bisher nicht. „Die Gründe“, sagt sie, „aus denen die Leute anrufen, sind vielfältig, aber viele sind einfach nur einsam.“ 44 Prozent der Anrufer*innen leben alleine, weitere 43 Prozent sind nie aus ihrem Elternhaus ausgezogen. Vehement wehrt sich Moser aber dagegen, Alleinsein mit Einsamkeit gleichzusetzen, gleichwohl sie darin aber eine Ursache sieht: „Ungewolltes Alleinsein kann einsam machen.“ Viele der Anrufer*innen melden sich regelmäßig, manche rufen gar wöchentlich an. „Wir aber können keine sozialen Kontakte ersetzen“, mahnt Christine. 

Kontakte zu knüpfen, fällt vielen Menschen nicht leicht. „Suche netten Freizeitpartner“, heißt es in einer Annonce. „Suche Freundeskreis“, titelt eine andere. Täglich werden neue Anzeigen in einem lokalen Onlineportal veröffentlicht. Spontane Gespräche in der realen Welt werden rarer. Dazu beigetragen haben auch die sozialen Netzwerke. Laut einer Studie der University of Pittsburgh sind die Menschen, die mehr als zwei Stunden täglich damit verbringen, einsamer als andere. „Es ist ein wichtiges Problem, das wir hier erforschen, denn psychische Probleme und soziale Isolation verbreiten sich wie eine Epidemie auch unter jungen Erwachsenen“, schreibt Brian A . Primack, der Leiter der Studie.

Ob vor allem einsame Menschen in die sozialen Netzwerke flüchten oder ob tatsächlich deren Nutzung einsam machen kann, ist schwer zu beurteilen. Klar ist, dass das Thema Einsamkeit den Nerv vieler trifft – einsam sind nicht nur die anderen, nicht nur fiktive Figuren wie E.T. oder Edward mit den Scherenhänden. Einsamkeit spielt nicht nur in Romanen wie „Die Einsamkeit der Primzahlen“ oder in Songs von Nirvana eine tragende Rolle – verloren fühlt sich bisweilen jeder in seinem Leben. „Nur zeigen darf man es nicht“, sagt Christine, „weil es immerzu darum geht, die Fassade aufrechtzuerhalten, die Masken bloß nicht fallen zu lassen.“

Wer offen ausspreche, dass es ihm schlecht geht, werde gesellschaftlich als Verlierer angesehen. „Und das muss sich ändern!“, fordert Silvia Moser, die Koordinatorin des Dienstes. Man könne etwa einen Nachbarn ansprechen, der alleine lebt und damit möglicherweise hadert. 

Laut dem Landesinstitut für Statistik (ASTAT) sind die Single- Haushalte seit den 1990er Jahren auch in Südtirol zur vorherrschenden Haushaltsform avanciert. 2017 wohnten mehr als 80.000 Südtiroler*innen alleine. Das entspricht 36,2 Prozent der Gesamtbevölkerung. Diesem Trend folgend werden auch mehr Wohnungen mit wenigen Zimmern und geringer Wohnfläche gebaut. 

„Die Einsamkeit“, schrieb einst der deutsche Schriftsteller Friedrich Spielhagen, „ist wie der Duft einer Giftpflanze, süß, aber betäubend und mit der Zeit geradezu verderblich, selbst für die stärksten Konstitutionen.“ Es sei keine Schande, über die eigene Einsamkeit zu sprechen, meint Silvia Moser. Auch nicht in Zeiten gesellschaftlicher Kälte. Besonders dann nicht.

 

Allein ist nicht gleich einsam

Sieben Fragen an die Psychologin Irmgard Mahlknecht Künig

Wie würden Sie das Gefühl der Einsamkeit definieren?
Das Wort Einsamkeit beschreibt die Empfindung, von anderen Menschen getrennt zu sein, ungeliebt, vielleicht auch überflüssig zu sein. Ein einsamer Mensch hat das meist negativ konnotierte Gefühl, allein zu sein. Dies hat nichts mit dem realen Alleinsein zu tun – dieses Gefühl kann auch inmitten von Menschen entstehen.

Irmgard Mahlknecht Künig

Bild: Irmgard Mahlknecht Künig

Welche Umstände führen zu Einsamkeit?
Unsere Lebenswelt in der Stadt aber auch zunehmend auf dem Land wird anonymer. Die Arbeitswelt ist hektisch und reicht vielfach bis in das Privatleben. Auch Freizeitaktivitäten werden oft wie Verpflichtungen abgewickelt. Dabei bleibt wenig Zeit für spontane Gespräche. Wenn man soziale Kontakte nicht bewusst im Alltag integriert, läuft man Gefahr diese zu vernachlässigen. Abgesehen von den gesellschaftlichen Entwicklungen sind es natürlich insbesondere die persönlichen Lebensgeschichten, die zu Einsamkeitsgefühlen führen.

Sind ältere Menschen einsamer als jüngere?
Einsamkeit entsteht vor allem bei Menschen, die zum Alleinsein gezwungen werden, das Alleinsein nicht selbst wählen. Unser heutiger Lebensstil kann dazu führen, dass wir weniger vertraute soziale Kontakte pflegen und somit in eine soziale Isolation geraten. Eine Frage des Alters ist es aber nicht. 

Sind die Menschen heute einsamer als früher?
Einsamkeitsgefühle gehören zum menschlichen Dasein. Diese Gefühle sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden. Wir tendieren heute dazu, unseren Lebensstil für alles verantwortlich zu machen und die früheren Lebensumstände zu idealisieren. Menschen haben sich auch früher einsam gefühlt.

Bedingen sich das Gefühl der Einsamkeit und die Nutzung von sozialen Medien?
Hier gibt es zwei Seiten: Einerseits können eher schüchterne Menschen von den sozialen Netzwerken profitieren. Andererseits kann der Umgang mit den neuen Medien aber auch dazu führen, dass sich gewisse soziale Kompetenzen zurückbilden oder sich gar nicht erst entwickeln.

Kann Einsamkeit krank machen?
Psychische Erkrankungen können sowohl Ursache als auch Folge von Einsamkeit sein. Soziale Ängste, Phobien oder Depressionen sind psychische Störungen, die Kontaktmöglichkeiten mit Menschen einschränken und in Einsamkeit münden können. Menschen sind aber soziale Wesen – Einsamkeit kann deshalb zu Depressionen und Suizidgedanken führen. Studien belegen, dass Menschen, die sich einsam fühlen, auch ein erhöhtes Risiko für körperliche Erkrankungen haben.

Wie kann man aus der Einsamkeit finden?
Es gilt herauszufinden, was einem fehlt. Ein erster Schritt kann sein, zu lernen sich auch allein wertvoll zu fühlen. Ob wir uns einsam fühlen, hängt auch von unserer Einstellung zu uns und unserem Leben ab. Wichtig ist sicherlich, auf andere Menschen zuzugehen, ohne dabei allzu große Erwartungen an das Gegenüber zu haben. Wenn Einsamkeitsgefühle über einen langen Zeitraum unverändert bleiben und die Intensität sehr belastend ist, sollte professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden.


Von Angelika Aichner

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