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Rote Erde, grünes Land

Die Medizinstudentin Elisa Reiterer wagt ein Abenteuer fernab der Heimat. Vier Wochen Praktikum, vier Wochen Afrika und viele neue Gesichter.

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Bild: Elisa Reiterer
Die erste Lektion, die mich Afrika lehrt: Man gewöhnt sich an alles. Auch jeden Morgen um acht Uhr von einer abgenutzten Sirene aus dem Schlaf gerissen zu werden. Am zweiten Morgen verfange ich mich auch nicht mehr schlaftrunken im Mückennetz. Schlaftrunken deshalb,  weil es in Afrika keine stillen Nächte gibt. Irgendwo ist immer Musik, es gibt immer etwas zu feiern – auch das Ende des Ramadan, und das in einem zu 85 Prozent christlichen Land.
 
Ein Kulturschock
 
Gulu, St. Mary's Hospital Lacor, das wohl beste Krankenhaus Ugandas, näher an der Grenze zum Sudan als an der Hauptstadt Kampala. 1959 von den Missionaren des Comboni-Ordens gegründet, wurde es unter der Hand des italienischen Pädiaters Piero Corti und seiner kanadischen Frau Lucille Teasdale, einer Chirurgin, zu einem der größten, bestausgestattesten und wichtigsten Krankenhäuser Ugandas.
Für eine an gewisse Standards gewöhnte Europäerin war es aber erst mal ein ziemlicher Kulturschock: Die Hälfte der bei uns üblichen Bluttests gibt es nicht, einen Computertomograph erst recht nicht, und Stromausfälle stehen an der Tagesordnung. Die Kinderintensivstation ist ein Raum mit vier Betten, einer Liege, drei Sauerstoffgeneratoren und durchschnittlich acht bis zehn Kindern. Auf der gesamten Station liegen zwischen 90 und 120, dazu kommen drei Ärzte, ein Häufchen Praktikanten, ein noch kleineres Häufchen Studenten, und zwei Krankenschwestern pro Schicht.  Elf bis zwölf Stunden auf der Station zu arbeiten ist völlig normal, eine halbe Stunde Mittagspause inklusive, zwischen den Mahlzeiten kein Bissen Essen und kein Tropfen Wasser. Afrikanische Normalität, der Albtraum eines jeden Kaffeepausenfreundes aus nördlichen Breitengraden.
 
Der blutige Bürgerkrieg
 
Uganda, die Perle Afrikas. Bekannt für den Nil, den Viktoriasee, die Berggorillas, Ebola und den Bürgerkrieg. Zwanzig Jahre tobte der Kampf zwischen dem Staat und der Lord's Resistance Army (LRA), die vom Sudan aus die Bevölkerung terrorisierte. Das St. Mary's Hospital of Lacor lag mitten im Konfliktgebiet. Jeden Abend wurden die Tore geöffnet und zehntausende Menschen strömten auf das Gelände, um dort sicher schlafen zu können. Währenddessen plünderten Joseph Konys Männer der LRA die Dörfer in der Umgebung und verschleppten achttausend Kinder, um sie in erbarmungslose Killermaschinen zu verwandeln. Dreihunderttausend Menschen starben, eine halbe Million wurde obdachlos.
 
„Die schwersten Entscheidungen sind meist die besten.“
 
Eine davon ist Florence, mittlerweile Sister Florence. Keine Fotos bitte. Einunddreißig Jahre alt, wurde sie zu Beginn des Bürgerkrieges als zweitjüngste von sieben Kindern in Kitgum geboren, hundert Kilometer nordöstlich von Gulu. Kurz nach ihrem achten Geburtstag starb ihr Vater bei einem Überfall der LRA. Daraufhin mussten ihre drei Brüder die Schule abbrechen, um die Familie zu ernähren. Florence hielt aber an ihrem Traum Krankenschwester zu werden fest und schaffte es, die Schule zu beenden. Danach arbeitete sie zehn Jahre lang, um die Schulbildung ihrer jüngeren Schwester zu bezahlen. Jeden Cent, der noch über blieb, legte sie beiseite, bis sie schließlich vor zwei Jahren genügend Geld beisammen hatte, um in Lacor um einen Studienplatz anzufragen. Sie hat ihn bekommen. Doch das Geld zum Leben fehlte immer noch. „Die schwersten Entscheidungen sind meist die besten“, sagt sie lächelnd, während sie mir erzählt, wie sie kurzerhand beschloss, in den combonianischen Schwesternorden einzutreten. Jetzt lebt sie im Ordenshaus auf dem Krankenhausgelände, als einzige Ordensschwester unter den Studentinnen. Von ihren Geschwistern ist sie die einzige, die es geschafft hat zu studieren. Ihre jüngere Schwester arbeitet in einem Gefängnis, wo Kost und Logis gestellt werden, ihre Brüder sorgen für die mittlerweile achtzigjährige Mutter und für ihre eigenen Familien. Ein wehmütiges Glitzern tritt in Florence' Blick, als sie von ihren Nichten und Neffen spricht, eigentlich wollte sie auch Kinder haben. Wenig später flößt sie mit leuchtenden Augen einem fiebernden Buben eine Dosis Paracetamol ein. Der Bürgerkrieg ist nur mehr ein Gespenst.

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Gedämpfte Hoffnung

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Elisa Reiterer

Vagabundin durch alle Ecken und Enden des Planeten, liebt das Meer, Sonnenuntergänge und Vorweihnachtszeit mit Neuschnee. Wird hibbelig, wenn sie zu lange an einem Ort bleibt.
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Abenteuer Afrika

Da bin ich nun, Medizinstudentin am Ende des zweiten Jahres, bei meinem ersten richtigen Praktikum. Ins kalte Wasser springen tut gut, also packte ich die Gelegenheit beim Schopf und fuhr für einen Monat nach Gulu im Norden Ugandas. Vier Wochen Pädiatrie, vier Wochen Afrika.

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