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Hula Hoop im Selbstversuch

Reif dafür?

Ein drei Meter buntes Plastikrohr und Evelyn Fink ist glücklich. Die Brixnerin will mit ihrer Leidenschaft für Hula Hoop ganz Südtirol anstecken.

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Bild: Lisa Maria Kager

„Ich brauche eigentlich nie einen Tanzpartner“, sagt Evelyn Fink und grinst. Dann gibt sie ihrem goldenen Plastikring einen Schubs und lässt ihn um ihren Bauch kreisen. Von dort scheint er alleine nach oben bis zu ihren Schultern und schließlich in ihre Hände zu wandern. Die Bewegungen ihres Körpers kann man nur erahnen, so fein sind sie.

Ungefähr drei Jahre ist es her, da hat Evelyn das erste Mal in ihrem Leben eine Hula-Hoop-Tänzerin auf einem Festival-Video gesehen. „Die war unheimlich cool und ich wollte unbedingt herausfinden, wie das Tanzen mit dem Reifen funktioniert“, erinnert sie sich. Nach kurzer Recherche im Internet hat sich die 23-Jährige ihren ersten professionellen Tanz-Hoop aus Amerika bestellt. Dick und schwer war er, so kreise er am Anfang leichter um den Bauch. Weil es in Südtirol keine wirklichen Hoop-Kurse gibt, hat sich Evelyn anfangs mit Youtube-Tutorials ausgeholfen und ein Jahr lang die Basis des Hoopens selbst aus dem Internet gelernt.

 

Evelyn in Aktion

Bild: Lisa Maria Kager

„Es ist ein völlig anderes Gefühl, in der Gruppe zu tanzen. Alleine braucht man einfach die doppelte Motivation“

„Dort, wo der Widerstand des Reifens gegen meinen Körper herrscht, schubse ich“, erklärt Evelyn und lässt den Hula Hoop nach unten zu ihren Knien weiter wandern. Ein typischer On Body Move wie die Hooperin erklärt. Der Reifen kreist nämlich um Evelyns Körper. Macht er das nicht mehr, nennt man die Figur einen Off Body Move. Um die einzelnen Bewegungen zu verknüpfen, braucht man hingegen transitions. An die englischen Bezeichnungen der Figuren musste sich Evelyn anfangs erst gewöhnen. Nur so kann man aber in der internationalen Hooper-Szene miteinander kommunizieren. Das hat Evelyn spätestens auf ihrer ersten Hoop-Convention in Wien verstanden. Auf dem internationalen Treffen hat sie auch das erste Mal Hula-Hoop-Tänzer im realen Leben und nicht nur auf dem Bildschirm gesehen. „Das war der Wahnsinn! Ich konnte meinen Augen nicht trauen. Plötzlich sind da so viele Menschen, die alle das gleiche machen wie du“, erinnert sie sich und strahlt heute noch. Obwohl die Brixnerin damals bereits ein ganzes Jahr mit ihrem Reifen trainiert hatte, gehörte sie immer noch zu den Anfängern. Dementsprechend schwierig waren für sie die Workshops auf der Convention. „Trotzdem ist es ein völlig anderes Gefühl, in der Gruppe zu tanzen. Alleine braucht man einfach die doppelte Motivation“, erklärt sie.

Mehr als ein Fitnessgerät

Mittlerweile war Evelyn auf den verschiedensten Treffen in ganz Europa unterwegs und hat auch einige Hoop-Retreats besucht. Dabei verbringen Hula Hooper aus aller Welt ein paar Tage gemeinsam in einer Unterkunft und lernen von weltberühmten Lehrern in Workshops neue Tricks. Abends wird dann zusammen zu Musik improvisiert. „Da fühlt man sich wie in einer kleinen Familie“, meint Evelyn. Weil die Community nicht so groß ist, lerne man relativ schnell viele Leute kennen.

Nicht umsonst war das Spiel mit dem Reifen bereits in der Antike beliebt. „Früher war der Reifen aus schwerem Holz und man hat damit gemeinsam Geschicklichkeitsspiele geübt“, erklärt Evelyn. Erst kurz nach der Erfindung des Plastiks in den späten 1950er-Jahren wurde der Hula Hoop Reifen von einem amerikanischen Spielzeughersteller auf den Markt gebracht. 25 Millionen Mal verkaufte sich das einfache Spielgerät in nur vier Monaten. Heute wird er hingegen gerne als günstige Alternative zum Fitnessgerät verwendet.

Ran an den Reifen

„Los, wir probieren's, bist du bereit?“, fragt Evelyn, schaltet die Musik an und rollt mir einen Reifen zu. Die letzten Überreste aus meiner Zeit beim Zirkus machen sich spätestens jetzt bezahlt. Der Reifen kreist nach wie vor ohne Probleme um Bauch und Hände. Dann lernt mir Evelyn die erste transition. Beim thumb to four fingers kreist der Reifen am Ende über dem Kopf um die eigene Hand. „Super“, ruft Evelyn und rollt mir einen schwereren Reifen zum Vergleich zu. Dieser kreist viel einfacher um den Bauch, sieht aber lange nicht so gut aus wie Evelyns filigraner Reifen.

Es dauert nicht lange und ich kann mit dem Hula Hoop nicht nur einige Tricks lernen, sondern auch schon ein wenig zur Musik improvisieren. Der Spaßfaktor ist immer und überall garantiert. Mit dem whirlpool, dem jump through, der spiral down transition, dem kick out und dem spin lernt mir Evelyn schon eine kleine Choreographie, die bald nach einer Verschnaufpause verlangt. Unter der Sonne der Bozner Talferwiesen merke ich schnell, warum das einstige Kinderspielzeug heute gerne als Fitnessgerät verwendet wird.

zertifizierte Hula Hoop Lehrerin

Bild: Evelyn Fink/Facebook

Ohne ihre Reifen macht sich Evelyn nie mehr auf den Weg. Sogar nach Marokko oder auf ihre mehrmonatige Reise durch Nordeuropa hat sie sie mitgenommen. Möglich macht das ein einfaches Klicksystem, mit dem sie ihre Reifen aus Polypro auf die Hälfte zusammenlegen kann.Für ihre Workshops baut sich Evelyn selbst günstige Hula-Hoop-Alternativen mit Polyethylen-Schläuchen aus dem Baumarkt und verziert diese mit glitzerndem Tape. Wie viele sie davon schon zu Hause herumliegen hat, kann sie gar nicht mehr zählen. Damit sie anderen heute professionell das Hula Hoopen beibringen kann, hat Evelyn eine viermonatige Ausbildung absolviert. Weil sie nicht viel von „Wochenend-Schnellsiede-Kursen” hält, hat sie sich für ihre Ausbildung ein Programm der Australierin Deanne Love ausgesucht. Um „Hoop Love Coach“ zu werden, muss man über Videos alle Bewegungen noch einmal von Anfang an lernen und in verschiedenen Etappen Videos vom eigenen Fortschritt an Deanne zurücksenden.

„Man hört Musik und bewegt sich mit dem Reifen dazu, schließlich ist Hula Hoopen ein Ausdruckstanz.“

mit einem Klick verstaut

Bild: Lisa Maria Kager
Anderen Leuten das Hoopen beizubringen, gehört ebenfalls zur Ausbildung. „Außerdem muss man sich einen Businessplan erstellen, einen Namen für seine Schule ausdenken und einen Plan entwerfen, in welche Richtung man als Lehrer gehen will“, meint Evelyn. Seit einigen Monaten gibt sie unter dem Namen wild circle nun ihre eigenen Workshops, bei denen die junge Hooperin vor allem Wert auf viel Spaß und Improvisation legt. In Evelyns Stunden geht es nicht darum, einen Trick nach dem anderen zu tanzen, sondern viel eher um den richtigen Flow. „Man hört Musik und bewegt sich mit dem Reifen dazu, schließlich ist Hula Hoopen ein Ausdruckstanz“, meint sie und gibt gleich noch ihren eigenen Flow zum Besten. Mit dem möchte Evelyn bald schon ganz Südtirol infizieren.

Lisa Maria Kager

ist ein Plappermaul. Hat immer eine Antwort parat und schweigt eigentlich nur beim Schreiben. Verbraucht durchschnittlich mehr Wolle und Kaffeepulver als Luft und trinkt lieber ein kühles Bierchen als schicken Prosecco.
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