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Das andere Festival

Reggae und Siegesdenkmal

Beim Dump-Town-Festival in Schlanders ging es um mehr als nur ums Feiern. BARFUSS hat sich das Angebot näher angesehen.

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Bild: Fabian Wallnöfer

Es ist Mittag. Auf dem Areal der Drusus-Kaserne in Schlanders regnet es in Strömen. Eine Handvoll Festivalbesucher tanzt in Regenmänteln vor der Bühne. Die meisten von ihnen hat das Wetter von den Tanzflächen und dem Zeltplatz vertrieben. Ein paar Stände säumen das Gelände. Wir sollten auch dort stehen, dem Regen trotzen und unser Medienprojekt vorstellen. Unter dem Motto „Music, Art, Forward Thinking“ steht in Schlanders nicht nur die Musik im Mittelpunkt – auch ein kulturelles Rahmenprogramm wird geboten.

Keine halbe Stunde nach Ankunft sitzen wir in der Bahnhofsbar und haben fast schon aufgegeben. Der Online-Wetterdienst hat trübe Nachrichten. Ob Sven Knoll und Historiker Hannes Obermair bei dem Wetter überhaupt zur geplanten Podiumsdiskussion zum Siegesdenkmal kommen? Uns kommen Zweifel. Zu uns gesellt sich Alex „Giovi“ Giovanelli, einer der Macher des Festivals. Er sieht etwas müde aus nach dem gestrigen ersten Festivaltag und einer Woche intensiver Vorbereitungszeit. Aber er ist positiv gestimmt: „Die Vinschger Bauern sagen, dass der Regen in einer Stunde aufhört.“

„Wir glauben, dass die Kommunikation zwischen den Musikern etwas wahnsinnig Inspirierendes ist.“ (Alex „Giovi“ Giovanelli)

Ganz so optimistisch sind wir zwar nicht, direkt wieder abfahren wollen wir dann auch nicht. Giovi setzt sich derweil und erzählt uns, wer die Menschen hinter dem Verein „Tribal Junction“ sind, die ihre ganze Energie in die Organisation dieses und anderer Festivals stecken. 50 Mitglieder zwischen 20 und Anfang 30 aus beinahe der gesamten Südtiroler Reggae-Szene sind seit eineinhalb Jahren die treibende Kraft dahinter – viele davon sitzen auch im Ausland. Dahin will die Gruppe die Südtiroler Musik bringen: „Wir möchten Südtiroler Bands im Ausland bekannter machen, indem wir unsere Kontakte zu Künstlern, Produzenten, Organisatoren und Managern nutzen. Unsere Berge sind hoch, hier den Sprung zu schaffen, ist schwierig”, so „Giovi“.
30 lokale, nationale und internationale Künstler bespielen das verlassene Kasernenareal an zwei Tagen. „Eines unserer großen Ziele ist es, den Austausch zu fördern. Wir glauben, dass die Kommunikation zwischen den Musikern etwas wahnsinnig Inspirierendes ist“, erklärt „Giovi“.

Eine nachhaltigere Feierkultur

Unter dem Motto „forward thinking“, also Vorwärtsdenken, schaffen die Organisatoren neben der Musik aber auch einen Rahmen für Themen wie Nachhaltigkeit. „Wir wollen ein nachhaltigeres Südtirol und eine nachhaltigere Feierkultur. Etwas, wo du die Feier verlässt und dir etwas bleibt,“ erklärt der junge Mann das Anliegen. So werden Projekte und Ideen vorgestellt, Podiumsdiskussionen und Vorträge abgehalten.

Keine Stunde nach Ankunft stehen wir wieder auf dem Festivalgelände. Die Vinschger Bauern hatten Recht: der Regen lässt nach und wir wollen uns dieses Rahmenprogramm genauer ansehen.
Da ist die Initiative „Ecopassion“, die Hanfbier und Hanfpizza verkauft. Christoph Kirchler steht vor dem Pizzaofen, den er zusammen mit seinen Kollegen aus Hanf und Kalk gemauert hat. In Zusammenarbeit mit Südtiroler Bauern wird das Hanf angebaut und für Lebensmittel, Textilproduktion und Häuserbau eingesetzt. Die Pizza schmeckt anders aber gut, das Bier begeistert.
Kein Bier, dafür Wasser und Obst gibt es ein paar Meter weiter bei der Initiative „Streetlife“. Der Stand komme sehr gut an, erklärt uns Miguel. Er und seine beiden Begleiter stehen den ganzen Tag und die Nacht über hier und verteilen Wasser und Obst an die Festivalbesucher, die es mit dem Feiern übertrieben haben. Diese Besucher würden oft an den Rand gedrängt, Streetlife bietet ihnen eine Anlaufstelle.

Diskutieren und nachdenken

„Wir wollen, dass Kunst, Kultur und Musik aber auch die Diskussion – dass Leute nachdenken und miteinander reden – mehr Platz haben in unserer Gesellschaft“, erklärt Bertrand Rise, Vereinsmitglied und Musiker der Reggae-Band Shanti Powa, den Anspruch der Veranstaltung. Eineinhalb Stunden lang hatten Landtagsabgeordneter Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) und Historiker Hannes Obermair zuvor zum Thema Siegesdenkmal diskutiert.
Organisiert wurde die Podiumsdiskussion vom Ost West Club Meran. Man wolle mit diesen Veranstaltungen auf unkonventionellem Wege die Diskussion fördern, erklärt Club-Präsident Michael Schwalt. In Südtirol regiere eine Streitkultur, in der nur dagegen gesprochen, nicht aber diskutiert werde, bemängelt er.
Ein Vorwurf, der beim Dump-Town-Festival nicht auf fruchtbaren Boden fällt. Die Diskussion zum neu errichteten Dokumentationszentrum verläuft lebhaft, auch Stimmen aus dem Publikum kommen zu Wort. Knoll kritisiert, dass die jüngste Aktion zu kurz greife: Es bräuchte eine vollständige Historisierung, die jetzige äußerliche Umgestaltung des Siegesdenkmals sei zu wenig sichtbar. Wer nicht hineinginge ins „Kellermuseum“, für den ändere sich nichts. Obermair hingegen weist darauf hin, dass die Darstellung bewusst gewählt sei. Man wolle die Wunde offenlegen, den Schmerz dokumentieren und angreifbar machen. In seinem Schlusswort äußerte er den Wunsch, der Patriotismus beider Seiten würde bald auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ landen.

Bei unserer Ankunft wollten wir fast schon wieder abreisen und sind dann doch noch etwas geblieben. Das Dump Town Festival ist eben ein etwas anderes Festival. Die Veranstalter sehen sich in der Pflicht, den Besuchern neben dem Musikprogramm auch ein kulturelles Angebot zu bieten: damit nach der Feier etwas bleibt.

 

Hier einige Momentaufnahmen der Diskussionsrunde zum Thema Siegesdenkmal:

 

Irina Ladurner

lebt in Wien. Ausgezogen, um die Welt kennen zu lernen. In Wien die (Südtiroler) Heimat gefunden. Mag den Südtiroler Exotenbonus, das Wiener Dorf und die Rückkehr in die eine oder andere Heimat.
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Ist man ehrlich hat Sven Knoll recht (video).

Lächerlich finde ich die an Knoll gerichteten "letzen Worte" Michael Schwalt (video) - eine unnötig, kindische Aussage.

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