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Echtzeit-Spiel Ingress

Reale Fantasie

Ingress ist ein Smartphonespiel, das in der realen Welt stattfindet – mit echten Menschen in einer globalen Mission. BARFUSS testet, ob wir noch zu retten sind.

„Hab keine Angst. Du glaubst, du hast ein Spiel heruntergeladen – doch es ist kein Spiel.“ Das Display meines Smartphones leuchtet blau auf. Ich muss mich entscheiden, sagt mein Smartphone, und zeigt mir meine Optionen: Will ich Erleuchtete sein oder doch lieber dem Widerstand beitreten?

Die Entscheidung wird mir von meinen Mitspielern abgenommen, welche sich mit mir an einem warmen Augustabend in der Bozner Altstadt getroffen haben. „Das ist keine Frage“, erklärt mir Petra, „diese Materie ist hier, um uns zu kontrollieren – du musst den Widerstand wählen.“ Petra und ihre rund 20 Freunde des Bozner Widerstands erzählen mir, worum es im Echtzeit-Spiel Ingress geht: Ein paar Forscher haben eine neue Materie namens XM (exotic matter) entdeckt. Diese geheimnisvolle Materie befindet sich überall dort, wo Menschen Sehenswertes geschaffen haben, wo sie sich treffen und gerne aufhalten ­– an Monumenten, an Kirchen und auf Plätzen. Ob diese Energie gut oder schlecht ist, ist sich die Menschheit nicht sicher. Während die Erleuchteten diese Materie für die Menschheit nutzen und erforschen wollen, glauben die Widerständler, dass die neue Energiequelle von unbekannten Mächten genutzt wird, um uns Menschen zu kontrollieren und schlussendlich zu vernichten.

Der Weltkrieg

Während mich mein Smartphone also zur Resistance schlägt, erklärt mir Petra, wie das Spiel (oder der Kampf?) funktioniert. Die 38-jährige Boznerin spielt Ingress seit Anfang 2013. Damals befand sich das Spiel noch in der Beta-Phase, nur Eingeladene durften mitspielen. „Als ich den Trailer noch vor Erscheinen des Spiels (Anm. d. R.: November 2012) gesehen habe, wusste ich sofort, dass das etwas für mich ist. Ich habe angefragt, und ein paar Monate später wurde ich eingeladen.“ Petra war also von Anfang an mit dabei, war auch die erste, die in Bozen gespielt hat. Seit neun Monaten ist das Spiel nun für alle Besitzer eines Android-Handys frei spielbar, seit zwei Monaten für Apple-Benutzer. Und die Welt spielt: 180.000 Widerständler und Erleuchtete wollen die Herrschaft an sich reißen. Dass auch Südtirol im weltweiten Energie-Krieg mitkämpft, ist klar. Immerhin etwa 30 Erleuchtete und etwa 30 Widerständler sind aktiv. Und das heißt: jeden Tag dabei sein.

Traue deinen Feinden nicht

Regel Nummer 1 bei Ingress ist und bleibt: Die Anderen (also die Erleuchteten) sind die Feinde, man darf ihnen nicht trauen. So hart dieses Wort „Feind“ auch scheint, die Realität sieht ganz anders aus. Die Ingress-Spieler kennen sich untereinander alle, egal, auf welcher Seite sie stehen. Denn jeder neue Mitspieler wird im Gruppenchat angezeigt – und freudig begrüßt. Das Spiel basiert auf der Kooperation aller; Spieler auf dem höchsten Level sind immer noch auf Einsteiger angewiesen und helfen ihnen deshalb gerne. Petra erzählt: „Wir schreiben jedem neuen Spieler und laden ihn in unsere Facebook-Gruppe ein. Und da wir uns regelmäßig treffen, um gemeinsam durch die Stadt zu ziehen und zu kämpfen, lernen wir dann auch bald alle neuen Spieler kennen.“
Sie erzählt mir, dass einer ihrer größten „Feinde“ am Bozner Dom wohnt und von dort aus die Umgebung kontrolliert. „Manchmal, wenn wir im Winter alle unter seiner Haustür standen, um sein Portal zu schwächen, ist er in seinen Hauspatschen runtergekommen, und wir haben ein wenig geratscht.“ Ein toller Nebeneffekt des Spiels: Alle kämpfen gemeinsam, egal ob Italiener, Deutsche oder Ausländer. Mal Dialekt, mal Hochdeutsch, mal Italienisch, jeder spricht und chattet, wie es ihm passt.

Der Kampf

Doch wie funktioniert dieser Weltkrieg nun? Das Spiel lebt von Energie. Jeder Spieler braucht sie, um kämpfen zu können. Energiezentren sind Sehenswürdigkeiten und Plätze, an denen sich Menschen treffen, beispielsweise der Bozner Dom, die Uhr am Rathausplatz oder der Brunnen am Walterplatz. Bei diesen sogenannten Portalen konzentriert sich die Energie. Um sie für sich nutzen zu können, muss sich der Spieler mit seinem Smartphone in der unmittelbaren Umgebung – maximal 30 Meter entfernt – befinden. Dann „hackt“ er das Portal, erhält dabei Waffen und ebendiese Materie. Jedes Portal kann durch Angriffe auf die eigene Seite gezogen werden, gehört also entweder den Widerständlern oder den Erleuchteten. Jeweils drei Portale kann man zu einem Schild verbinden. Je größer das Schild, umso größere Flächen der Welt beherrscht eine der zwei Seiten. Unter dem Schild dürfen sich keine anderen Schilder befinden, Verbindungslinien dürfen sich nicht überschneiden. Immer wieder vereinbaren Spieler aus ganz Europa Termine, an denen gigantische Schilder gespannt werden – erst im letzten Monat haben die Südtiroler ein Schild von der Weißkugel zum Großglockner bis in die Valsugana gezogen (siehe Bild).

Doch Petra lobt nicht nur das Spiel an sich, sondern erzählt auch von einem anderen interessanten Nebeneffekt der App:  „So komisch das auch klingt, durch dieses Spiel habe ich viele neue Orte entdeckt. Wenn ich in eine neue Stadt komme, schalte ich Ingress ein – jede noch so kleinste Sehenswürdigkeit ist ja ein Portal. Da habe ich schon Sachen entdeckt, die in keinem Reiseführer stehen.“

Tatsächlich wurde Ingress von John Hanke mit dem Ziel erfunden, dass sein Sohn nicht mehr vor dem Computer versauert, wenn er Videospiele spielt. Die Bozner Widerständler berichten, dass sie abends meist einen kleinen Spaziergang machen, um Energie einzusammeln. Und wer macht das schon jeden Tag eine Stunde lang? Dass Jugendliche nicht mehr vor dem Computer sitzen, wenn sie spielen, ist in Südtirol aber noch nicht der Fall: Alle Ingress-Spieler im Land sind erstaunlicherweise zwischen 30 und 45 alt.
Doch dass es bald immer mehr Ingress-Spieler geben wird, ist vorherzusehen – spätestens wenn die Google Glass-Brille auch für den Normalverbraucher leistbar sein wird. Denn dann wird die Ingress-Energie real sichtbar werden – und die Unterscheidung zwischen Realität und Fantasie noch schwieriger. 

Mara Mantinger

durchforstet als Soziologin mit Freude Statistiken und liebt es, die Geschichten hinter den Zahlen zu erzählen. Gerne in der Ferne, schaut aber noch lieber von einem Südtiroler Berggipfel in die Welt.
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