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Promillehaltiger Versuch

Wie leicht kommt man unter 18 Jahren an Alkohol und wird überhaupt das Alter kontrolliert? BARFUSS hat sich mit einem 15-Jährigen auf den Weg gemacht.

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Bild: Petra Schwienbacher

Ich sitze mit meinem 15 Jahre alten Versuchskaninchen und Freunden in einem Szenelokal mitten in Meran. Der Kellner kommt, und nacheinander bestellt unsere kleine Gruppe ihre Getränke: Weißwein, Hugo, Cynar auf Eis. Dann ist der junge Tester an der Reihe. Noch habe ich einige Bedenken, ob er ohne Kontrolle davonkommt. Schließlich ist er noch minderjährig und dürfte laut Gesetz erst in drei Jahren Alkohol ausgeschenkt bekommen. Er bestellt einen Fliager, schwarzen Vodka mit Red Bull. Der Kellner blickt ihn an, schreibt die Bestellung auf und verabschiedet sich mit einem höflichen „Danke“, bevor er mit den promillehaltigen Getränken wieder an den Tisch kommt. Das ging ja leichter als gedacht. Auf zum nächsten Versuch.

Nächste Bar, nächstes Glück

Die zweite Bar, in der wir einen weiteren Versuch starten wollen, ist nur wenige Meter entfernt. Wieder das gleiche Spiel: Der Tester und wir bestellen alkoholische Getränke und bekommen sie alle ohne Probleme. Auf die Nachfrage beim Kellner, ob sie denn Alkohol an unter 18-Jährige ausschenken, sagt er mit Bedauern: „Nein, leider. Das dürfen wir nicht.“ Die Antwort kommt, nachdem unser minderjähriger Begleiter ohne Frage nach seinem Alter, den zweiten Fliager bekommen hat.

Das Gesetz, keinen Alkohol unter 18 Jahren zu verkaufen, gibt es bereits seit September 2012. Seit Juni dieses Jahres dann das totale Alkoholverbot für Jugendliche unter 18. Eine Schnapsidee? Gemerkt habe ich von dem Gesetz zumindest noch nicht viel. Fast alle jungen Leute, die ich am selben Abend kurz zuvor in Ulten auf Kontrollen angesprochen habe, wurden noch nie oder äußerst selten nach dem Alter gefragt. So manch einer mag jetzt denken: „Ja, die haben ja auch keine Carabinieri da drin.“ Aber falsch gedacht. Ein Barista aus dem Ultental erzählte mir ganz offen, dass in seinem Lokal Polizei aufgetaucht sei und folgende fragwürdige Aussage gemacht habe, die bestätigt, dass selbst manche Gesetzeshüter nicht wirklich an die Einhaltung der Regelung glauben: „Ihr könnt an 16-Jährige auch Alkohol ausschenken, aber nur bis sie schon ein paar Gläser getrunken haben.“ Was heißt das? Das Gesetz gilt nicht immer, sondern nur wenn die Jugendlichen schon voll sind?

Sinnfreies Gesetz?

In Meran ist es bestimmt anders, dachte ich noch als wir in Ulten losgefahren sind. Einige Stunden später geht es weiter in die nächste Bar. Wir tingeln von Lokal zu Lokal in Meran und Umgebung. Ich bin mir mittlerweile sicher, mein freiwilliger Tester wird überall bekommen, was er möchte. In dieser Bar wollen wir es deshalb auf die Spitze treiben und er bestellt einen doppelten Schnaps. Die Kellnerin schreibt auf und bringt ohne nachzufragen. Es mag vielleicht daran liegen, dass der 15-Jährige nicht gerade aussieht wie 15 oder, dass er mit vier Mädels im Alter zwischen 18 und 26 um die Häuser zieht. Aber was bringt das Gesetz dann? Und damit stellt sich die nächste Frage: Ist das Gesetz sinnvoll? Die meisten werden sie wohl mit nein beantworten, so auch viele Gastwirte.

Für mich ist es eine erfolglose Aktion, Jugendliche auf diese Weise vom Trinken abzuhalten. Glauben die Gesetzesmacher, dass alle jungen Leute unter 18 Jahren plötzlich auf Alkohol verzichten? Schließlich hatte unsereins schon hart auf die sweet sixteen gewartet, um endlich legal Alkohol trinken zu dürfen. Vor allem die heute 16-Jährigen, die vor einem Jahr noch jubelten, endlich einen Schritt näher am Erwachsenwerden zu sein, wurden dank neuem Trinkgesetz wieder einen Schritt in die Vergangenheit zurückversetzt. Ein 16-Jähriges Mädchen erzählt mir in der vierten Bar, dass sie im März Geburtstag hatte, drei Monate legal Alkohol trinken durfte und jetzt wieder nicht mehr. Laut Gesetz. Denn sie bekommt trotzdem fast überall Alkohol. Hier, so erzählt sie, bekomme sie von der Kellnerin auch alle Schnäpse, bis auf Tequila.

Alkohol als Volkskrankheit

Alkohol gehört zu unserer Gesellschaft dazu. Fast jeder trinkt, die einen ab und zu das ein oder andere Glas, die anderen regelmäßig jedes Wochenende. Das Gesetz ist sicher ein Versuch, die Jugend vom Alkohol ein wenig zu entfernen, doch durch ein Gesetz wird das kaum funktionieren. Es muss sich wohl jeder eingestehen, dass bei Jugendlichen verbotene Dinge noch einen Hauch interessanter wirken. Es ist ein schwieriges Thema und eine Bekannte, die mit Jugendlichen arbeitet weiß das nur zu gut: „Wir versuchen oft, Alternativen zu bieten, machen am Wochenende Veranstaltungen oder Mottopartys, aber die Angebote werden nicht genutzt.“ Stattdessen treffen sich die Mädels und Jungs viel lieber in der Bar. Man will ja schließlich dazugehören, cool sein. Und dagegen kommt kein Gesetz an.

In der letzten Bar für diesen Abend in Lana, erzählt mir ein Kellner, dass es unmöglich sei alle Jugendlichen zu kontrollieren. So beschränke man sich eben auf diejenigen, die ganz jung aussehen. Mein Tester hatte vielleicht deswegen Glück. Dieser Selbstversuch ist sicherlich keine repräsentative Studie, aber die Tatsache, dass ein 15-Jähriger in jedem der getesteten Lokale ohne Probleme Alkohol bekommen hat, sollte doch zum Nachdenken anregen.

P.S. Unser 15-jähriges Versuchskaninchen hat nur bestellt und nicht getrunken.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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