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Eltern-Protest gegen ungesunde Jause

Plastik und Zucker zur Jause

An den Grundschulen wird die sogenannte „Gesunde Jause“ an die Kinder verteilt. Mütter sehen dahinter eine reine Marketingaktion, die kiloweise Plastikmüll mit sich bringt.

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Bild: Magdalena Gschnitzer

Karin Mühlsteiger aus Sterzing muss ihre Restmülltonne nur einmal im Jahr leeren. Bereits beim Einkaufen achtet sie darauf, die Produkte möglichst verpackungsfrei und umweltfreundlich zu wählen. Auf Plastik verzichtet sie bereits seit Jahren, so gut es geht. Trotzdem wird ihre Mülltonne in letzter Zeit wieder voller, denn ihre sieben und zehn Jahre alten Kinder bringen immer häufiger Plastikverpackungen mit nach Hause. Der Grund: die „Gesunde Jause“, die sie in der Schule bekommen – in Plastik verpacktes Obst, Gemüse und Milchprodukte. „Das ärgert mich“, sagt Mühlsteiger. Und zwar nicht nur als Mutter, sondern auch als Lehrerin an der Grundschule in Sterzing, denn auch dort versucht sie immer wieder die Themen Müllvermeidung und Umweltschutz anzusprechen.

Frutta nelle scuole

Seit zehn Jahren bekommen knapp über eine Million Schüler in Italien Obst und Gemüse zur Jause. Bereits 2013 wurde die große Menge an Verpackungsmüll aufgrund des Projektes „Frutta nelle scuole“ angeprangert, aber auch sechs Jahre später hat sich die Situation nicht viel verbessert. Im Gegenteil: 2018 wurde das Projekt um die Aktion „Latte nelle scuole“ ergänzt. Die Südtiroler Firma Mila hat die Ausschreibung des Projektes gewonnen und beliefert seitdem 35.000 Kinder mit Bio-Heumilch, Löffeljoghurt und Trinkjoghurt. Das Resultat: Noch höhere Berge an Verpackungsmüll aus Plastik und teilweise stark zuckerhaltige Produkte.

Magdalena Gschnitzer

Bild: Georg Hofer

„Das geht auch anders“, findet Magdalena Gschnitzer. Die Umweltaktivistin ist bereits seit Jahren an Südtirols Schulen unterwegs und setzt sich für eine plastikfreie Zukunft ein. Sie erzählt Kindern davon, wie wichtig es ist, auf Plastik zu verzichten und wie schlimm die Folgen des Plastiks auf die Umwelt sind. Die Resonanz ist sehr positiv und sowohl die Kinder als auch Lehrpersonen und Eltern setzen sich mittlerweile in vielen Schulen in ganz Südtirol und darüber hinaus dafür ein, Plastikmüll zu reduzieren und mehr Sensibilität für dieses wichtige Thema zu schaffen. „Und dann kommt da eine 'Gesunde Jause' daher, die all diese wieder zunichte zu machen scheint“, sagt Gschnitzer empört. Und weil sie sich nicht nur tatenlos über etwas aufregt, sondern aktiv wird, startete sie die Petition für eine „echte Gesunde Jause“ in Südtirols Schulen. Innerhalb weniger Tage unterzeichneten über 3.300 Eltern, Lehrer und Schüler die Petition. 

„Auch unser Müll landet im Meer”

Eine der Mütter, sie möchte anonym bleiben, hat bereits vor drei Jahren das Projekt kritisiert und ihre Kritikpunkte auf Facebook verbreitet, in der Hoffnung, dass sich diesbezüglich etwas ändert. „Dass aber jetzt auch noch gesüßtes Trinkjoghurt in Plastikflaschen als gesunde Jause an Kinder verteilt wird, zeigt einmal mehr, dass es bei all den ,gut gemeinten' Aktionen keinesfalls um die Gesundheit unserer Kinder geht, sondern diese nur für Werbezwecke gebraucht werden“, schimpft die Mutter.

„Es geht keinesfalls um die Gesundheit unserer Kinder geht, sondern nur um Werbezwecke.“

Auch die 25-jährige Silvia Gasser hat die Petition unterschrieben und über Facebook weiter verbreitet. Sie ist Mutter eines vierjährigen Sohnes und einer elf Monate alten Tochter. Als Ernährungscoach weiß sie über gesunde Ernährung bestens Bescheid und findet die Umsetzung der Aktion „total bescheuert”: „Warum werden Äpfel kleingeschnitten in Plastik verpackt? Vor allem bei uns in Südtirol wäre es so easy auf das Plastik zu verzichten. Wir müssen endlich aufwachen, selbst was verändern und vor allem den Kids lernen, wie es besser geht. Wir ersticken langsam in Müll, auch wenn viele darüber hinwegsehen, weil es in Südtirol nicht so offensichtlich ist wie in anderen Ländern. Ja, auch unser Müll landet im Meer“, beklagt Gasser.

Sivlia Gasser bloggt nicht nür über gesunde Ernährung, sondern auch über Nachhaltigkeit, Verzicht auf Plastik und zero waste.

Bild: Silvia Gasser

Ihr Lösungsvorschlag: Eine Obststeige mit frischen Äpfeln und Karotten aufs Pult. Zwar werden die Äpfel in Südtirol mittlerweile vorwiegend in Kisten geliefert – ein kleiner Erfolg. Das Problem mit dem Plastik ist aber noch nicht gelöst, denn jede Menge andere Produkte werden sogar doppelt verpackt.

„Für eine gesunde Jause benötigt auch kein Kind ein vollgezuckertes Trinkjoghurt mit hübschem Design.“ Damit meint Gasser das Trinkjoghurt der Mila. 200 Gramm enthalten dabei insgesamt 24 Gramm Zucker. Wobei davon laut Mila 6,6 Gramm Laktase, also Milchzucker, sind.

Die Firma Mila hat die Ausschreibung des Projektes für die Regionen Trentino-Südtirol und Lombardei gewonnen. „Wenn wir nicht mitgemacht hätten, hätte das Projekt trotzdem stattgefunden, aber die Schulen wären nicht mit einem regionalen Produkt beliefert worden“, sagt die Marketingzuständige der Mila, Liselotte Pichler. Laut Pichler wurden in der Ausschreibung genau die Produkte vorgegeben. „Wir haben uns einfach daran gehalten. Wenn, dann müsste sich bei diesem Projekt direkt etwas ändern.“

In den Ausschreibungsunterlagen sind viele verschiedene Produkte aufgelistet, für welche unterschiedliche Punkte vorgesehen sind. Für Trinkjoghurts hatte das Ministerium einen der höchsten Punktewerte vorgesehen. Mit dem Trinkjoghurt konnte Mila also punkten und die Ausschreibung für sich gewinnen.

Mila beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit dem Thema nachhaltige Verpackung und hat als eines der ersten Südtiroler Unternehmen eine sogenannte K3-Verpackung eingesetzt. Das Löffeljoghurt 125 g wird in einem Dreikomponentenbecher angeboten, mit einer Kartonummantelung, einem Plastikanteil und einer Aluminium-Platine. Der Becher spare so bis zu 30 Prozent an Plastik ein.

„Wir sind uns bewusst, dass wir Verpackungen haben, die weniger umweltfreundlich sind.” (Mila)

„Wir sind uns aber auch bewusst, dass wir Verpackungen haben, die weniger umweltfreundlich sind und weniger unserem Anspruch entsprechen“, sagt Pichler. „Wir arbeiten sehr stark daran, aber wir sind Lebensmittelhersteller und somit ist die Lebensmittelqualität und Lebensmittelsicherheit für uns natürlich an erster Stelle.“

Trotzdem, so Pichler, würden sie sich keiner Schuld entbehren und auch aktiv nach Alternativen suchen. Joghurtverpackungen aus Glas, wie sich auch einige Südtiroler Konsumenten wünschen, sind für das Unternehmen keine Lösung. „Die Ökobilanz von Glas ist nur positiv, wenn Mehrwegglas eingesetzt wird, also wenn es gereinigt in einem kleinem Umkreis mehrmals wiederverwendet wird. Das ist für uns logistisch nicht möglich“, so Pichler. Aktuell haben die Verpackungslieferanten also noch keine zufriedenstellende Lösung für alle Produktkategorien gefunden. Aber, dass das Unternehmen bereits erste Schritte in eine umweltfreundlichere Zukunft gemacht hat, hält die Lehrerin Karin Mühlsteiger dem Unternehmen zugute. Und trotzdem: das reicht ihr persönlich noch nicht. „Das Problem bei den Joghurtbechern ist, dass die meisten nicht daran denken, den Karton vor dem Wegwerfen zu entfernen“, sagt Mühlsteiger. „Es müsste doch möglich sein, eine Alternative zu finden.“

Eine Lösung muss her

Ein weiteres großes Problem der Aktion sieht Mühlsteiger im Verteilen von Plastikbesteck. Die Jause wird in den Schulen nämlich in Plastiktellern und mit Plastiklöffeln serviert. Dazu kommt, dass teilweise zu viele Lebensmittel ohne Vorankündigung und fixe Termine an die Schulen verteilt werden, was zur Folge hat, dass einiges wiederum im Mülleimer landet.

„Auch beim Besteck gibt es sicher Alternativen. Ansonsten ist sicher auch nicht zu viel verlangt, dass jedes Kind einen Löffel mit in die Schule nimmt“, findet Mühlsteiger. Ganze Äpfel zu verteilen, wie Silvia Gasser vorgeschlagen hat, sieht sie eher kritisch. „Erfahrungsgemäß werfen die Kinder dann den halben Apfel weg. Besser wäre, Äpfel direkt in der Schule frisch aufzuschneiden. Klar sind das Mehrkosten, aber die Schulen bekommen ja einen kleinen Beitrag für die Verteilung dieser Jause. Da würde sich schon eine Lösung finden.“ Eine Lösung. Die muss her, da sind sich die Mütter einig. Sie wollen eine drastische Verbesserung des Projektes. Ohne Plastik und ohne zugesetztem freien Zucker.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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