Anzeige
Gastbeitrag von Alexander Agethle

Plädoyer für Bio

Alexander Agethle, Öko-Bauer aus Schleis im Vinschgau, betrachtet eine immer wiederkehrende Aussage von Landesrat Arnold Schuler als gefährlich.

_dsc8644.jpg

Alexander Agethle zog hinaus in die Welt und kam mit einer Vision zurück.
Bild: IDM Südtirol, Alex Filz

In einem Interview auf BARFUSS ließ sich Arnold Schuler, Südtirols Agrarlandesrat, neulich wieder mit folgender Aussage zitieren: Die Weltbevölkerung sei am Wachsen, gleichzeitig würden wir (Europa/Italien/Südtirol) schon jetzt immer mehr importieren und ärmeren Ländern die Nahrungsmittel streitig machen und mit langen Transportwegen das Klima belasten. Um das zu vermeiden, so folgert der Landesrat, müssen wir „mehr und gleichzeitig nachhaltiger produzieren“.

Diese Aussage schätze ich deshalb als gefährlich ein, weil das Thema der notwendigen Mehrproduktion indirekt agroindustrielle Produktionsformen legitimiert bzw. alle anderen Lösungsansätze als zweitrangig diskreditiert. Das ist eine Täuschung. Der Ökolandbau ist nicht perfekt, aber der konventionellen Landwirtschaft in Vielem überlegen, auch in Sachen Ernährungssicherheit, wie diese Graphik anschaulich zeigt: [1]

Bild: Schader et al.

Das immer wieder vorgebrachte Argument, der Ökolandbau liefere nicht genügend Erträge, ist ziemlich verquer und ignoriert das heutige Wissen um die Ökosystemdienstleistungen landwirtschaftlicher Systeme:

  1. Statt der sogenannten Flächeneffizienz, die nur den Ertrag der Verkaufsfrucht berechnet, hat der Ökolandbau Tiefeneffizienz. Er hat die deutlich bessere Bilanz, egal, ob Energieverbrauch, Klimaschutz und -anpassung, Humusaufbau, Wasserspeicherung, Grundwasserneubildung, Hochwasserschutz oder Artenvielfalt. Beispielsweise können ökologisch bewirtschaftete Böden im Vergleich zu konventionellen Böden 2 Mal so viel Wasser halten und das Doppelte an CO2 speichern.
  2. Das Argument mit dem angeblich unzureichenden Ertrag und den dann umso schädlicheren Importen wird zwar immer wieder vorgebracht, ist aber veraltet und berücksichtigt den aktuellen Wissensstand nicht.
  3. Die bisherige Referenzgröße für den Ertrag ist der Output von anfälligen Hochleistungspflanzen in einem nicht nachhaltigen System, wie dem konventionellen Landbau. Das heißt, wir wissen, dass das System nicht langfristig funktioniert, aber wir nehmen es dennoch als Messlatte. Dieser Maßstab liegt vielen Vergleichen von „öko“ und „konventionell“ zugrunde, ist aber schlicht unangemessen.
  4.  Hoch angepasste Mischkultursysteme, wie zB. Agroforst- und Permakultursysteme erzeugen deutlich mehr Ertrag auf der Fläche als konventionelle Monokulturen. Daher erreicht der Ökolandbau jetzt schon in den Tropen Erträge, die um bis zu 174% höher sind als auf konventionellen Vergleichsflächen (Durchschnitt von 133 ausgewerteten Studien [2]). Auch die US-Universität Berkeley berechnete einen durchschnittlich geringeren Ertrag von lediglich 19,2 % für US-Anbausysteme. Dieser Unterschied halbierte sich noch einmal, wenn nicht nur die Erträge einzelner Kulturen verglichen wurden (z.B. Mais mit Mais und Weizen mit Weizen), sondern ganze Anbausysteme [3]. Ein konkretes Beispiel aus dem Reisanbau, einem der bedeutendsten agrarökologischen Anbausysteme: es setzt auf Extensivierung und bringt dennoch mehr Ertrag hervor. Es verzichtet auf synthetischen Stickstoff und Pestizide, verbessert den Boden, verbraucht nur die Hälfte des sonst üblichen Wassers und trägt zur Entlastung des Klimas bei, indem es die Nassphase des Reisanbaus, in der Methan entsteht, weitgehend ausfallen lässt. Sein Erfolg beruht auf der Erweiterung der Pflanzabstände der Reispflanzen, die so mehr Wurzelraum erhalten und mehr Triebe bilden können. Auf diese Weise erhöht sich der Ertrag pro Hektar im Schnitt von zwei auf acht Tonnen (Uphoff, 2014).
  5. Die Flächenfrage: Sämtliche Zukunftsszenarien für die Landwirtschaft fordern eine geringere Fleischproduktion und einen Rückgang der Tierzahlen, wenn die notwendigen Klimaziele eingehalten werden sollen. Mit einer flächendeckenden Umstellung auf Bioanbau wäre diese Reduktion ohnehin aufgrund der im Bioanbau vorgeschriebenen Flächenbindung der Tierhaltung gegeben, so dass deutlich mehr Fläche für den direkten Anbau von pflanzlichen Lebensmitteln und sogar pflanzlichen Rohstoffen zur Verfügung stünde.
  6. Der industrielle Produktivismus hat zu einem riesigen Ressourcenverbrauch geführt. Dazu zählen die Ölreserven, das Wasser, die Böden, die Pflanzen und Tierarten. Nur 47% der Weltgetreideproduktion [4] dienen der menschlichen Ernährung, der Rest wird verfüttert, verheizt, zu Treibstoff und anderen Industrieprodukten verarbeitet.
  7. Die Lebensmittelqualität ist in den letzten Jahrzehnten gesunken. Die indirekten Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen werden in keiner Volkswirtschaft berechnet.
  8. Die landwirtschaftliche Tretmühle: der Gedanke, durch Technologieschübe (Mechanisierung, Zucht, Chemieeinsatz, Digitalisierung usw.) die Stückkosten der Produktion zu senken und die Produktivität pro Arbeitskraft zu steigern, führt langfristig zu Preissenkungen. „Das Einkommen der Bauern sinkt, egal wie hart sie arbeiten“ [4]. Die Folgen sind weiterer Druck für Tiere, Pflanzen, den landwirtschaftlichen Betrieb und die darauf wirtschaftenden Menschen.

Für Südtirol bedeuten diese Überlegungen, dass wir beherzter die Umstellung auf ökologische Landwirtschaft angehen müssen. Politischer Ausdruck hierfür könnte eine deutliche Erhöhung des Etats für ökologische Agrarforschung sein. Die aktuellen Hauptprodukte unseres Agrarlandes (Milch, Obst, Wein) werden zu großen Teilen auf internationalen Märkten abgesetzt. Eine vielfältigere landwirtschaftliche Produktion – in einem der klimatisch am günstigsten gelegenen Länder der Alpen – würde den viel zitierten Selbstversorgungsgrad Südtirols erhöhen und die Abhängigkeiten von Weltmärkten und das damit verbundene Risiko senken.

Quellen:
[1] Schader, C. et al. (2012): Environmental performance of organic farming
[2] Stolze et al. (2000). Quelle: The Environmental Impacts of Organic Farming in Europe. = Organic Farming in Europe: Economics and Policy, Vol. 6. Stuttgart
[3] https://www.topagrar.com/management-und-politik/news/ertraege-im-biolandbau-hoeher-als-gedacht-9550323.html
[4] https://www.weltagrarbericht.de

Text von Alexander Agethle

Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Für zukünftige Resilienz wäre mehr ökologische, klimabedingte Agrarforschung, speziell im höheren alpinen Bereich, wichtig, genauso wie 'closed environment agriculture' (piloting) zwecks limitierter Anbaufläche - zb Gemüse im NOI.
Bei "aktuellem Wissenstand" hätte ich mir neuere Quellen erwartet, wie zB die Vergleichsstudie vom Thünen Institut bez bio/konv von 2019.
Aber guter Artikel von einem geschätzten Biopionier.

Mehr Artikel

„Die Leute hier kämpfen ums Überleben“

Armin ist Krankenpfleger auf der Covid-Intensivstation in Bozen. Ihn schockiert, dass seine Patienten immer jünger werden.
 | 
Interview mit Lukas Kofler Pellegrini

Dichten als Heilungsprozess?

Vom BWL-Studenten zum Dichter: Wo anderen die Worte fehlen, schreibt Lukas Kofler Pellegrini Gedichte.
1    
 | 
Interview zur Zwangsprostitution

Grundursachen bekämpfen

Tausende nigerianische Frauen werden in Italien zwangsprostituiert. Beatrix Bauer erforschte die Hintergründe und erhielt dafür den Förderpreis für Chancengleichheit.
0    

In The Dawn

Der Brixner Musiker und Filmemacher June Niesein präsentiert mit dem Musikclip zu „In The Dawn“ einen handgezeichnetes Animationsvideo.
 | 
Die Corona-Jugend

Jung sind wir später

Sie sind stark von der Corona-Pandemie betroffen, kommen in der aktuellen Krise aber gefühlt am wenigsten zu Wort: Wie erfahren Jugendliche das Leben im Notbetrieb?
0    
Anzeige