Anzeige
Straßenzeitung zebra.

Pflicht, Berufung oder Unsinn?

Der Anthropologe David Graeber behauptete, dass es immer mehr sinnlose, ja sogar schädliche Jobs gäbe, auf die wir gut und gerne verzichten könnten. Ist da was dran?

Aufmacher.jpg

Illustration von Myriam Teissl

Bild: Myriam Teissl

Einer der wenigen positiven Aspekte der Corona-Krise ist, dass vieles, was bisher als normal galt, plötzlich kritisch betrachtet wird. Viele fragen sich, ob unsere Art zu leben in Zukunft eine andere, womöglich eine für alle bessere sein könnte. Im Fokus der Diskussionen steht auch das Thema Arbeit: Wie beeinflusst sie unser tägliches Leben, als Einzelne oder als Familie? Welche Tätigkeiten sind für das Wohlergehen aller essentiell und worauf könnte auch verzichtet werden? Stimmt die Relation zwischen der Unverzichtbarkeit bestimmter Jobs und der Wertschätzung, die diese bekommen? Fragen wie diese tauchten auch vor der Pandemie in Diskussionsrunden und Leitartikeln auf. Jetzt aber werden jene althergebrachten Normen und Konzepte, die mitunter zur aktuellen Situation beigetragen haben, breiter diskutiert. Man greift dabei wieder auf Modelle und Visionen zurück, die bisher oft als utopisch abgetan wurden.

Eine dieser Visionen skizziert der amerikanische Anthropologe David Graeber 2013 in einem provokanten Artikel, in dem er seine Leserschaft mit folgender Frage konfrontiert: „Leistet Ihre Arbeit einen sinnvollen Beitrag zur Welt?“ Er stellt die These auf, dass es unzählige Jobs gäbe, die eigentlich unnötig seien. Als Reaktion darauf erhält Graeber tausende Nachrichten von Menschen – darunter Berufstätige aus der IT-Branche, der Wissenschaft, dem Finanzwesen oder dem Medienbereich – die sich und ihren Job in seinen Schilderungen wiederfinden.

Aus den zahlreichen Reaktionen, die sein Artikel anstößt, entsteht das Buch „Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit“, in dem der Autor der Frage nachgeht, warum so viele Menschen ihre Arbeit offensichtlich für sinnlos halten, ihr aber dennoch nachgehen und dafür sogar bezahlt werden. Graeber bezeichnet besagte Tätigkeiten als „Bullshit-Jobs“, was mit Unsinns-Jobs übersetzt werden könnte. Er definiert sie als eine „Form der Lohnarbeit, die so sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst jene, die sie ausüben, ihre Existenz nicht rechtfertigen können, obwohl sie sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen dazu verpflichtet fühlen, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“

Anstatt Arbeitszeiten zu kürzen, wurden neue Branchen geschaffen und künstlich aufgebläht. 

Zur Einordnung seiner Thesen wirft Graeber zunächst einen Blick zurück in die Geschichte. Mit Beginn der Industrialisierung wurde die Befürchtung laut, dass irgendwann Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen würden. 1930 prophezeite der Ökonom John Maynard Keynes, dass Dank der voranschreitenden Technologien die Menschen der Jahrtausendwende maximal 15 Stunden in der Woche arbeiten würden. Graeber behauptet, dass diese Utopie durchaus seine Berechtigung hatte. Als jedoch in den 1970er Jahren die durch Automatisierung gesteigerte Produktivität zu einem sprunghaften Anstieg der Profite führte, wurden diese nicht an die Arbeitenden weitergegeben, sondern flossen in Privatvermögen. Anstatt etwa Arbeitszeiten zu kürzen, wurden neue Branchen geschaffen und künstlich aufgebläht. Auch die starke Zunahme des Konsumdenkens trug dazu bei, dass Menschen immer mehr arbeiten mussten, um ihren Konsum zu finanzieren.

Hauptsächlich in Europa und Nordamerika gibt es daher heute unzählige nutzlose Jobs, die in erster Linie einem Kapitalismus dienen, in dem das Individuum vollkommen von Arbeit abhängig ist. Um am gesellschaftlichen Leben teilhaben und ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, verkaufen Menschen ihre Arbeitszeit. An der Spitze des Modells steht die Profitmaximierung einer kleinen Gruppe Mächtiger. Den Preis dafür zahlen Heerscharen unglücklicher Arbeitender und durch die unnötige Produktion von Schadstoffen und die Verschwendung von Ressourcen nicht zuletzt die Umwelt. Die Menschen arbeiten heute mehr denn je und noch immer werden sie durch ihre Jobs krank: nicht mehr nur durch schwere körperliche Tätigkeiten, sondern vermehrt durch die psychische Belastung, die entsteht, wenn der Druck hoch, das Arbeitsklima unfreundlich und der Sinn der eigenen Tätigkeit schwer greifbar ist.

Basierend auf den unzähligen Zuschriften, die Graeber als Reaktion auf seinen ersten Artikel erreichen, nennt er bestimmte Sektoren, in denen die Verbreitung von Bullshit-Jobs besonders hoch zu sein scheint. Der Bankencrash 2008 hat gezeigt, wie viele Tätigkeiten etwa im Finanzsektor ausschließlich dazu dienen, ein hochkompliziertes Geflecht an verschiedenen Schulden aufrechtzuerhalten, um den Profit einiger weniger zu vermehren. Vielen Beschäftigten in diesem Sektor ist dabei natürlich nicht klar, dass sie Teil von derlei Machenschaften sind. Sie sind genaugenommen selbst Opfer des Systems. Bestimmte Managerriegen hingegen hätten sich laut Graeber mittlerweile zu einer Art Feudalsystem entwickelt, das sich längt nicht mehr dem eigenen Unternehmen verpflichtet fühlt, sondern vielmehr den Selbsterhalt der eigenen Kaste anstrebt. Diese neige dazu, endlose Hierarchien von Herren, Vasallen und Gefolgsleuten um sich zu scharen. Das wiederlege schließlich sogar den Glaubensgrundsatz, wonach in der Privatwirtschaft unnötige Arbeitsplätze nicht existieren könnten. Die wirtschaftliche Logik scheint durch eine politische Logik ersetzt worden zu sein.

 Zu viele Personen und Strukturen profitieren davon, wenn Menschen dauerbeschäftigt und konsumfreudig sind.

Warum hält so eine Logik stand? Graeber verortet den Grund dafür in einem strukturellen Kontext. Die meisten Menschen definieren ihren Selbstwert über ihre Arbeit, die sie gleichzeitig verabscheuen oder als notwendiges Übel sehen. Diese eigentlich paradoxe Tatsache halten die meisten für normal. Auch die Tatsache, dass viele bezahlte Tätigkeiten genaugenommen wenig sinnvoll sind, ist ein gesamtgesellschaftliches Tabu, über das niemand spricht. Zu viele Personen und Strukturen profitieren davon, wenn Menschen dauerbeschäftigt und konsumfreudig sind.

Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma ist für Graeber das bedingungslose Grundeinkommen. In den europäischen Staaten fließt teils ein Drittel der Sozialausgaben in Verwaltungs-, Verteilungs-, Bewertungs- und Kontrolltätigkeiten. Auch diese Jobs sind laut Graeber größtenteils überflüssig. Menschen könnten dank Grundeinkommen ihre Lebenszeit für wirklich sinnvolle Tätigkeiten nutzen, die ihnen und der Gesellschaft zugutekommen. Aber wer würde dann die Jobs machen, die Gräber im Gegensatz zu Bullshit-Jobs als „Scheiß-Jobs“ bezeichnet? Damit meint er sehr wichtige, also systemrelevante Jobs, die jedoch schlecht bezahlt, prestigearm und anstrengend sind. Würde noch jemand Krankenhaustoiletten schrubben, Gemüse ernten, Alte pflegen und die Straßen kehren? Seine Antwort: Ja! Diese Jobs würden dann nämlich dadurch attraktiv, dass sie endlich in jenem Maße vergütet würden, das ihrem Wert für die Gesellschaft entspricht.

Das Thema ist komplex und Graebers Theorien bewusst provokant formuliert. Man muss sie nicht alle teilen. In der aktuellen Situation darf man aber jene Mechanismen kritisch betrachten, die bisher nicht infrage gestellt wurden. Nicht zuletzt die Debatte um die Systemrelevanz bestimmter Jobs – die Ärzt*innen mal ausgenommen – hat gezeigt, dass es oft gerade die am geringsten bezahlten Tätigkeiten sind, die wirklich unverzichtbar sind. Weil wir als Gesellschaft durch Corona vor vollendete Tatsachen gestellt und zur Flexibilität gezwungen wurden, könnten wir jetzt auch darüber nachdenken, was uns Arbeit wirklich bedeutet und darüber entscheiden, wie die Normalität von Morgen aussehen soll.

Text von Lisa Frei

Im morgigen Beitrag berichten Menschen von ihrem Werdegang und ihrem Job, der ihrer Meinung nach einen sinnvollen Beitrag zur Welt leistet.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe Nr. 64 von zebra.

Die zebra.-Verkäuferinnen und -Verkäufer kommen schwer durch die Krise und brauchen weiterhin Hilfe. Jede Unterstützung ist wertvoll und sichert durch eine Zuwendung auf das OEW-Spendenkonto bei der Raiffeisenkasse Eisacktal (Iban: IT 68 S 08307 58221 000300004707, Überweisungsgrund: „zebra.Support“) den Fortbestand der Straßenzeitung. Weitere Informationen:  www.oew.org, zebra@oew.org, Tel. 0472 208204.

Anzeige

Straßenzeitung zebra.

Beim Zebrastreifen am Bahnhof, vor der Bäckerei, neben dem Dom – die VerkäuferInnen der Organisation für eine solidarische Welt bringen zebra. druckfrisch unter die Leute. Sie sind an ihren Ausweisen gut erkennbar und verkaufen die Straßenzeitung für drei Euro. Die Hälfte davon geht in die Produktion, die anderen 1,50 Euro bleibt dem/der VerkäuferIn. Pro Ausgabe wird ein zebra-Artikel hier auf BARFUSS veröffentlicht – zum Reinschnuppern ins neue Heft.

Mehr Artikel
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Ausschließlich eine sinnvolle Arbeit zu leisten geht nach meiner Meinung lediglich dann wenn man trotzdem ein zumindest halbwegs gutes Einkommen hat:
Prinzipiell wäre es nach meiner Ansicht gut wenn die Arbeit auf sinnvolle Projekte und Tätigkeiten beschränkt würde, dafür in optimaler Weise Maschinen eingesetzt würden und der Nutzen allen Menschen im größtmöglichen Ausmaß und Umfang zugute kommen würde.

Mehr Artikel

„Dieser Mann ist Musikgeschichte“

Die Proben für das Musical „I Feel Love“ mit den Hits von Giorgio Moroder laufen auf Hochtouren, Premiere ist im Herbst. BARFUSS hat schon jetzt einen Einblick in das Musical erhalten.
 | 
Poetry Slam-Meister Moritz Anrater

Der Newcomer

Der siebzehnjährige Moritz Anrater ist Südtirols Poetry Slam-Landesmeister 2021. Mit seinem poetischen Rap-Text „Was hinter uns liegt“ wurde er zum Sieger gekürt.
0    
PR-Artikel Raiffeisenverband Südtirol

Viel mehr als eine Bank

Durch die Corona-Krise haben Südtiroler Familien und Betriebe große finanzielle Einbußen erlebt. Viele sind verunsichert und wissen nicht, wie es weitergeht. Genossenschaftsbanken kommt in dieser Situation eine besondere Rolle zu: sie sind besonders nahe am Kunden und ein Anker in unruhigen Zeiten.
0    
Interview mit Verena-Elisabeth Turin

"Ich bin normal, weil ich mich so fühle"

Schiefe Blicke, Hemmungen und Vorurteile: Verena Turin über das Leben mit dem Down-Syndrom und über die Bedeutung von „Normalität“.
0    

Schöne neue Welt

Popmelodien und deutsche Texte: Musiker Martin Perkmann ist mit einem neuen Song zurück. „Schöne neue Welt“ ist voller Hoffnung.
Anzeige