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Erinnerung

Pfiati, Opa!

Der Tod eines Familienmitglieds ist in Zeiten der Pandemie eine besondere Herausforderung. Unsere Autorin über den Abschied von ihrem Großvater.

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Bild: Johnny Cohen/unsplash

Als ich meinen Großvater das letzte Mal sah, saß er auf seinem Stock gestützt in einem Besucherraum seines Altenheims. Er trug seine beste Jacke und eine Mütze, um die kahlen Stellen auf seinem Kopf zu verbergen. Seine blauen Augen strahlten hinter seiner Brille und er freute sich, dass ich ihn trotz der schwierigen Umstände besuchte.

Es war nicht das übliche Zusammensein, bei dem man seinen Opa umarmen oder zur Begrüßung auf die Wange küssen konnte. Wir mussten uns wie zwei Fremde mit einem Mindestabstand von einem Meter gegenübersitzen und beide einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Meine Körpertemperatur wurde kontrolliert und ich musste einen Zettel mit Angaben zu meiner Person ausfüllen. Diese Sicherheitsmaßnahmen aufgrund von COVID-19 waren sicher sinnvoll und auch notwendig, um das Leben aller Anwesenden zu schützen. Dennoch schmerzte es mich, meinem Großvater nicht auch physisch nahe sein zu dürfen.

“Mit ihm hat man sich schon immer gut unterhalten können”: Barfuss-Autorin Julia Rauch mit ihrem Großvater als kleines Kind.

Bild: Julia Rauch
Hinzu kam, dass mein Großvater nicht mehr so gut hören konnte und die Kommunikation durch das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes noch zusätzlich erschwert wurde. Es gab bei unserem Gespräch an diesem Tag einige Momente, bei denen ich meine Sätze fast laut herausbrüllen musste, damit mich mein Großvater überhaupt verstehen konnte. Dies hatte einige irritierte Blicke der anderen Bewohner und des Pflegepersonals zur Folge, aber sie verstanden die Situation bald und ignorierten darauf unsere laute Konversation.

Wir versuchten also, uns, so gut es ging, miteinander zu unterhalten. Themen hatten wir genug, denn unterhalten hat man sich mit meinem Großvater schon immer gut können. Als Kind hatte es mir immer am Besten gefallen, wenn er mich auf seinen Schoß nahm und über seine eigene Kindheit oder seine Reisen sprach. Wir saßen oft stundenlang zusammen und er erzählte mir von seiner Vergangenheit. Es waren eindrückliche Schilderungen seiner Erfahrungen, die mich in ihren Bann versetzten.

Er fühlte sich wie eine Schachfigur, die man strategisch platziert hatte und die jederzeit ersetzt werden konnte.

Als ich älter wurde, sprachen wir auch über den Krieg. Er erzählte mir, dass er als junger Mann von 19 Jahren einrücken musste, um für sein Heimatland zu kämpfen. „Kriag isch nia a schiane Soch“ hatte er dann gesagt. Ganz allein und ohne seine Familie musste er den Befehlen seines Kommandanten Folge leisten, durfte nicht widersprechen und keine eigenen Entscheidungen mehr treffen. Er fühlte sich wie eine Schachfigur, die man strategisch platziert hatte und die jederzeit durch eine andere Figur ersetzt werden konnte. Als er dann während der Kämpfe auch noch von einem Granatsplitter schwer verwundet wurde, hatte er seinen Glauben an das Gute im Leben fast verloren. Zeitlebens konnte er nach dieser Verletzung seinen rechten Arm nicht mehr richtig heben und hatte oft Schmerzen an der Schulter.

Kraft und Zuversicht in dieser schwierigen Zeit gaben ihm seine Kameraden. Oft hatte er von ihrem starken Zusammenhalt erzählt: „Wenn man so epes gemeinsom erleb hot, sell schweißt zom.“ Dennoch waren die Ungewissheit und die Angst, nicht zu überleben, für alle ein ständiger Begleiter gewesen.

Emotionen, die mein Großvater mit der derzeitigen Situation in der SARS-CoV-2-Pandemie verglich. Denn auch heute herrschen Angst und Unsicherheit, begleitet von einem Gefühl der Machtlosigkeit. Auslöser ist jetzt ein Virus, mit dem man sich jederzeit unbemerkt anstecken könnte oder, falls man symptomlos bleibt, Personen aus dem eigenen Umfeld gefährdet. Diesen Entwicklungen konnte mein Großvater nur mit einem Kopfschütteln begegnen. „Es isch net zu glabn“ war hier der Satz seiner Wahl, wenn wieder etwas Unvorstellbares geschehen war.

Als ich meinen Großvater das letzte Mal sah, musste ich wieder daran denken. Ein Blick in seinen blauen Augen reichte dafür aus, auch ohne Worte. Ich werde nie vergessen, wie er mich lange ansah und dann seinen Blick langsam nach draußen in den Garten des Altersheims schweifen ließ. Es schmerzt mich im Nachhinein, dass wir nicht mehr Zeit hatten und unser gemeinsames Gespräch an diesem Tag vergleichsweise so kurz war. Ich hätte gerne noch so viel mit ihm besprochen. Auch der Augenblick unseres Abschieds gestaltete sich sehr kurz. Das Pflegepersonal ermahnte mich, dass die Besuchszeit jetzt um sei und das nächste Treffen erst wieder in drei Wochen möglich wäre.

Der Großvater unserer Autorin als junger Mann.

Bild: Julia Rauch

Vor der COVID-19-Krise hatte es solche Einschränkungen nicht gegeben, man konnte seine Angehörigen täglich besuchen. Jetzt war auf unbestimmte Zeit alles anders. Ich verabschiedete mich von meinem Großvater und winkte ihm zu. Auch er hob zum Abschied leicht seine Hand, dann legte er sie wieder auf seinen Stock und stand langsam auf. Eine Pflegerin begleitete mich nach draußen.

Als meine Familie und ich dann kurze Zeit später den Anruf erhielten, dass mein Großvater gestorben sei, konnten wir es anfangs gar nicht glauben. Es war für mich das Ende einer Ära. Und schlagartig dachte ich an all die Gespräche, Erinnerungen, Erlebnisse und Gefühle, die ich mit meinem Großvater verband. Er soll friedlich in seinem Bett eingeschlafen sein und ist nicht an COVID-19 verstorben, dennoch mussten die entsprechenden Vorgaben für Bestattungen in Zeiten der Pandemie erfüllt werden. Die Beerdigung fand aufgrund einer größeren Anzahl an Trauernden im Freien statt, ein Mund-Nasen-Schutzmaske musste getragen werden, es galten Abstandsregeln.

Die sonst so tröstlichen Umarmungen von Familie, Freunden und Bekannten waren nicht erlaubt und auch das traditionelle Zusammensitzen zu Ehren des Verstorbenen nach der Beerdigung, der sogenannte „Leichenschmaus“, musste ausfallen. Dennoch war es eine schöne Feier gewesen und der Zusammenhalt aller Anwesenden war trotz der Hindernisse durch COVID-19 deutlich spürbar. Mein Großvater hatte sich zu Lebzeiten gewünscht, dass sich die Situation bald wieder beruhigt und der Virus keinen noch größeren Schaden anrichtet. Die Erfüllung dieses Wunsches hat er leider nicht mehr miterleben können.

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