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Rassismus in Südtirol

Neues Virus, alte Krankheit

Unsere Gastautorin Yuri Im wurde in Cambridge als „Chinesin mit Coronavirus“ beschimpft. Der Vorfall erinnerte sie an ihre Kindheit in Südtirol.

Es war naiv von mir zu glauben, dass ich dieser Sache entkommen könnte, solange ich in multikulturellen und aufgeklärten Weltgegenden lebe. Könnte es einen Ort geben, der diese Kriterien besser erfüllt als Cambridge? Da bin ich für mein Studium hingezogen. Ich war lange Zeit davon überzeugt, dass ich den Rassismus, den ich während meiner gesamten Kindheit in Südtirol – mal offenkundiger, mal verdeckter – erleben musste, endlich ein für alle Mal hinter mir gelassen hatte.

6. Februar 2020, 17:30 Uhr abends. Cambridge, Großbritannien – die Stadt, von der viele Akademiker nur träumen; und mein zweites Zuhause, wo ich in ein paar Monaten mein Humanmedizinstudium abschließen werde. Es ist schon dunkel. Nach einem langen Tag im Universitätsspital radle ich auf einer schmalen Seitenstraße nach Hause und will mir vorher noch im Supermarkt etwas zum Essen kaufen. Zwei Silhouetten, die ich als zwei Teenagermädchen identifiziere, kichern und rufen mir auf Englisch zu: „Chinesin, Chinesin!“ Ich halte ein paar Meter weiter vor dem Supermarkt „The cooperative“. Ich überlege kurz. Das letzte Mal, als mir so etwas passierte – es war vor ein paar Jahren in Bozen – hielt ich mich nicht zurück und wies die respektlosen Leute zurecht, es wirkte damals sogar. Also warte ich auch jetzt auf die beiden Mädchen und frage kalt: „Was wollt ihr von mir? Warum habt ihr ‚Chinesin!‘ gerufen?“

Im grellen Licht am Eingang des Supermarkts sehe ich sie besser. Ich schätze ihr Alter auf etwa sechzehn Jahre. Anstatt sich zu entschuldigen, plustern sich die beiden Teenagerinnen auf und lügen mich mit erregter Stimme an. Eine von ihnen behauptet, dass ich die falschen Leute erwischt hätte. Was unmöglich ist, ich erkenne sie am Aussehen und auch an ihren Stimmen. Die andere gibt zu, dass sie es gewesen seien, sie aber nur fragen wollten, ob sie mein Fahrrad haben könnten.

Plötzlich höre ich Rufe und weiteres Kichern: „Coronavirus! Coronavirus! Sie hat das Coronavirus!“

Eines will ich, bevor ich mich von ihnen abwende, noch loswerden: „Und nur um euch zu berichtigen, ich bin nicht aus China und Asien ist sehr groß. Ihr solltet Leute auf der Straße nicht wegen ihrer Hautfarbe anschreien und auslachen, da könnt ihr leicht in Schwierigkeiten geraten.“

Daraufhin attackieren mich beide mit vulgären Schimpfwörtern. „Fick dich, du Scheißchinesin. Du kannst mir nichts sagen, bist nicht mal meine Mutter. Lass uns in Ruhe und fick dich und deine Probleme!“ – „Ich wollte euch das nur sagen, damit ihr damit aufhört”. Aber anstatt sich zu beruhigen, kreischen sie noch lauter „Sie verfolgt uns!“ und verstecken sich im Supermarkt hinter den Regalen. Ich versuche, mich auf meinen Einkauf zu konzentrieren, als ich plötzlich Rufe und weiteres Kichern höre. „Coronavirus! Coronavirus! Sie hat das Coronavirus!“

Hätte ich diese Kinder einfach vergessen und so tun können, als wäre nichts geschehen?

Dieser Vorfall war zwar bisher der erste und einzige während meiner vier Jahre in Cambridge, aber gefühlt der fünfhundertste in meinem Leben. Kränkungen, die ich über zwei Jahrzehnte hinweg versucht habe herunterzuspielen oder zu verbergen, lagen plötzlich wie unverheilte Wunden wieder offen da. Ich verkroch mich in eine Ecke des „Cooperative“-Geschäfts und weinte, mein Gesicht gegen die Wand gewandt, damit mich niemand sah. Ich fühlte mich unbeschreiblich klein, schwach und allein.

Ebola, das stand für das rückständige, dreckige und chaotische Afrika, wo tödliche Krankheitserreger gar nicht anders können als ungehemmt zu grassieren.

Allein bin ich aber gar nicht. Rassistische Angriffe sind mit dem Brexit und nun mit dem Coronavirus in ganz Großbritannien gestiegen. Auch europäisch aussehende Italiener sind inzwischen davon betroffen. In vielerlei Hinsicht erinnert mich der Aufruhr um dieses Virus an den Ausbruch von Ebola in Westafrika, worüber ich 2014 eine Facharbeit geschrieben habe. Boulevardzeitungen verbreiteten haarsträubende Gerüchte über westafrikanische Einheimische, beispielsweise, dass sie ungekochte Fledermäuse und Affenartige verzehren oder aus unerfindlichen Gründen die verstorbenen Verwandten in schauerlichen Ritualen präparieren. Solche sensationellen Details waren vielen Medien wichtiger, als die Welt sachlich über die Krankheit und über Gegenmittel zu informieren. Ebola, das stand für das rückständige, dreckige und chaotische Afrika, wo tödliche Krankheitserreger gar nicht anders können als ungehemmt zu grassieren. Das Virus und der Rassismus, zwei Krankheiten, von denen man nicht genau weiß, welche gefährlicher ist.

Als ich das Geschäft unter Tränen verließ, dachte ich daran, wie ich im nächsten Jahr im öffentlichen Gesundheitsbetrieb in Großbritannien, im „National Health Service“, meine Laufbahn als Ärztin und Krebsforscherin beginnen werde. Jemand wird auch die Großeltern der zwei britischen Mädchen, die mich in der Nähe des Universitätsspitals verbal angegriffen haben, medizinisch behandeln, falls diese es nötig haben, und sie vor Coronaviren und anderen Bedrohungen für die Gesundheit beschützen. Vielleicht wird es einer meiner Kollegen oder Kolleginnen sein. Vielleicht werde ich es sein. Trotzig sagte ich zu mir: Ich, von allen Leuten auf dieser Welt, verdiene das nicht. Niemand auf dieser Welt verdient das.

„Sie meinen es ja nicht so!“

Es mag lächerlich wirken, wenn zwei ungezogene Teenager einen so treffen können. Aber wer das in seiner Kindheit nicht selbst erfahren hat, kann nicht wissen, wie es sich anfühlt. Seit ich fünf oder sechs Jahre alt war, hörte ich auf dem Weg zur Grundschule immer wieder dasselbe Lied „Ching, Chang, Chung, Chinesen sind so dumm!“. Kommentare wie „Ihr Chinesen seid hässlich“ oder „dreckig“ habe ich jeden Monat kassiert. Im Schulunterricht, sogar noch im erstaunlichen Alter von achtzehn Jahren murmelten manche Mitschüler meinen Namen und kicherten, wenn die Worte „China“ oder „Japan“ fielen.

Ich bin weder dumm, noch hässlich oder dreckig; noch ist es irgendein anderer Mensch aufgrund seiner Herkunft. Trotz dieser häufigen, stechenden Momente wuchs ich mit Freunden auf, war beliebt und war auch in der Schule sehr erfolgreich. Abgesehen davon bin ich gar nicht Chinesin – worauf ich nicht stolz sein muss; China ist eines der interessantesten und größten Länder der Welt, mit einer unglaublich reichen jahrtausendalten Geschichte, auch wenn man als Schüler in Südtirol davon nichts erfährt. Als Südkoreanerin bin ich allerdings genetisch, linguistisch und kulturell weiter von China, Japan oder anderen Nachbarländern entfernt, als ein Großteil der mitteleuropäischen Kulturen voneinander – und wir haben ebenfalls eine sehr einzigartige Kultur, eine Sprache, die mit keiner anderen verwandt ist, und einen unterschätzten Einfluss auf den Alltag beinahe jeder Südtiroler Familie, etwa durch technologische Alltagsprodukte von Samsung und LG oder durch unsere Unterhaltungsindustrie.

Diese Nachrichten rührten mich sehr. Ich war nicht mehr komisch, übersensibel oder allein.

„Hör nicht auf sie“, sagte man mir. Leute, die offen rassistisch sind, seien einfach dumm und ungebildet. Andere, die unbewusst Vorurteile äußerten, „meinen es ja nicht so, verzeih ihnen“. Also tat ich so, als wäre es okay. Weil Freunde, Eltern, Lehrer und Bekannte mir alle den Rat gaben, darüber hinwegzusehen. Weil die meisten meiner Freunde es lächerlich fanden, wenn es mich kränkte. Aber es war nicht okay. Keiner der vielen Witze, kein einziges Mal. Ich habe mich nur so verhalten, als ob. Und wenn ich mich einmal traute zuzugeben, dass ich mich nicht wohlfühle, wurde ich ausgelacht oder ignoriert oder als „übersensibel“ abgetan. Diese Erfahrung war einer der Gründe, warum ich für mein Studium nach England gezogen bin; ein Grund, den ich bisher nie vor jemandem zugegeben habe.

Oder zumindest nicht bis vor zwei Wochen. Nach kurzem Zögern habe ich über diesen Vorfall auf meinen sozialen Medien auf Englisch gepostet. Seitdem haben mich Hunderte von Freunden und Bekannten mit Privatnachrichten überrascht. Manche bedankten sich, dass ich darüber öffentlich spreche, weil sie genau dasselbe erlebt hatten. Manche entschuldigten sich oder waren schockiert, dass ich einen Teil meiner Kindheit so negativ empfunden hatte; diese Nachrichten rührten mich sehr. Ich war nicht mehr komisch, übersensibel oder allein.

Ich bin mir bewusst, dass so gut wie jeder Leser und jede Leserin dieses Artikels der Meinung ist, dass offener Rassismus verhindert werden sollte. Das ist gut so. Aber es sind auch die subtilen, nicht eindeutigen Situationen, in denen sich unzählige Leute täglich wiederfinden und stillschweigend leiden; Situationen, die denjenigen, die Rassismus persönlich noch nie erfahren haben, harmlos oder sogar lächerlich vorkommen. Nächstes Mal, wenn du vermutest, dass dein Mitmensch sich so fühlt: Bitte steh auf und tritt für ihn oder sie ein.

Gastbeitrag von Yuri Im

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