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Musikszene im Wandel

Was hat sich getan in der Südtiroler Musikszene? Was Festivals, das Internet und die Gilmore-Girls damit zu tun haben, und wo es was zu hören gibt.

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Bild: Lisa Renner

Dutzende Leute stehen vor der Bühne. Aufgeregt warten sie, bis endlich die ersten Akkorde ertönen. Lautes Jubeln und ohrenbetäubende Pfiffe hallen durch das Scheinwerferlicht. Die Masse bewegt sich im dröhnenden Bass der Musik, folgt den satten Beats und wird mehr und mehr eins mit den Klängen ... Das ist heute noch genauso wie in den vergangenen Jahren. Auch wenn es einige der legendären Festivals wie „Schlossberg“ in Bruneck oder „Rock'n Toul“ im Ahrntal in dieser Form nicht mehr gibt, wurden heuer viel mehr kleinere und einige große Veranstaltungen für Südtirols Festivalsommer organisiert: „Rock im Ring“ auf dem Ritten, „Rock the Lahn“ in Obermais, „Hofer's Rock“ in Passeier, „Eternity of Rock“ in Prad, „Rock in dusty valley“ in Sarnthein, „Metalfest“ in Atzwang, „Ghosttown“ in Prad, „Naturns Rockt“, „Sommersonnenwende“ in Barbian, das „Sunside Festival“ in Villanders ...  Was hat sich noch getan in der Musikszene und wie wird man als Südtiroler Musiker erfolgreich? 

Mehr Bands, mehr Musikrichtungen, mehr Möglichkeiten

„Die Musikszene in Südtirol ändert sich ständig. Sowohl die Bands als auch die Möglichkeiten entwickeln sich immer weiter“, sagt Tobias „Tobe" Planer, der seit Jahren auf so ziemlich jedem Festival im Lande mit dabei ist, um mit dem Stand von „c.alea“ Tonträger, T-Shirts und Buttons für Südtiroler Bands zu verkaufen. Heute sei die Vielfalt größer, mehr Bands und mehr verschiedene Musikrichtungen, sagt Planer. „Früher gab es Bands aus dem Rock-, Punk-, Ska-, Raggae und Metalbereich, jetzt unterteilt sich jede Stilrichtung in viele verschiedene Unterstile." Auch die Qualität der Bands habe sich immens gesteigert. Von früher drei Akkorden seien es heute schon 15 oder 16. In der Electro- und Drum&Bass-Szene gibt es immer mehr gut besuchte Events. Deshalb wird auch auf den klassischen Festivals immer häufiger elektrische Musik gespielt. Dennoch hätten die Festivals diesen Sommer häufig weniger Besucher gehabt als die Jahre zuvor. Für Planer ein Zeichen dafür, dass mitunter zu viele Events stattfinden.

„Was sich noch verändert hat ist die Vermarktung der Bands", sagt Werner Costabiei. Er muss es wissen, schließlich ist er Geschäftsführer des Musikstudios „Newport Studios" in St. Lorenzen und hat unter anderem „Volxrock" unter Vertrag. Früher musste jede Musikgruppe in ein professionelles Tonstudio gehen, um eine CD aufzunehmen. Heute können Bands zu Hause selbst ihre Aufnahmen einspielen und sich selbst vermarkten. Die Musiker hätten ganz andere Möglichkeiten als noch vor einigen Jahren, so Costabiei. Online könnten sie ihre Musik und Bandartikel anbieten, für sich werben und sogar ein eigenes Label gründen.

Das bringe aber auch einen großen Nachteil mit sich: Durch das große Angebot im Internet würden immer weniger Tonträger produziert, die Songs landen meist nur" als kostenloser Download auf der eigenen Webseite. „Die Musik wird dadurch immer wertloser“, sagt Costabiei. Wichtig ist deshalb der direkte CD-Verkauf auf Konzerten. Dadurch steigt auch die Nachfrage in den Plattenläden. Die Vermarktung im Detailhandel sei heute allerdings sehr schwierig, weil die Läden meist nur noch auf Nachfrage bestellen, sagt Costabiei. Aber „eine CD kann eine Visitenkarte sein, man muss den Leuten schon was in die Hand drücken und nicht nur auf eine Internetseite verweisen.“ Haben die Newcomer irgendwann ein bestimmtes Level erreicht, finden sie villeicht ein Label, das sie vermarktet. Vielgefragte Musiker bräuchten außerdem ein Management, das Auftritte und Interviews organisiert, sagt Costabiei. Es gebe aber auch jene, die unabhängig bleiben wollen und sich ganz bewusst selbst vermarkten, auch wenn es zeitaufwendiger ist.

Der Schlüssel zum Erfolg

Um als Musiker erfolgreich zu werden, seien Live-Auftritte, trotz des Internets, immer noch sehr wichtig. „Bekannt zu werden ist der Schlüssel zum Erfolg", so Costabiei. Eine wichtige Rolle spielen dabei Musikwettbewerbe: Beim „Live Award“ etwa können sich junge Künstler unter professioneller Betreuung dem Publikum vorstellen. Beim „Upload“ haben sie die Möglichkeit, sich mit Bands auszutauschen, gemeinsame Konzerte zu organisieren und sich online zu präsentieren. Einen großen Beitrag leisten aber auch Jugendzentren und musikbegeisterte Südtiroler. Vor allem wenn es darum geht Proberäume zur Verfügung zu stellen und Konzerte zu organisieren und somit Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Beinahe jedes Wochenende gibt es für die oft unbekannten Musiker auf Festivals und Open-Airs die Möglichkeit, vor Publikum aufzutreten.

Eines davon war das BUSK-Festival in Bozen. 15 Liedermacher und Liedermacherinnen spielten Anfang Oktober in den Straßen und Gassen der Bozner Altstadt. Tobias Planer war es, der die Idee zu dem ersten Singer-Songwriter Festival Südtirols hatte. Planers Traum war es, eine Veranstaltung zu organisieren, wo Busker, wie Straßenmusiker genannt werden, zusammenkommen und sich austauschen können. „Was mir den letzten Anstoß für ein solches Festival gegeben hat ist ein sehr intimes und peinliches Outing“, sagt er, „ich gestehe, dass ich früher ab und zu die TV-Serie Gilmore Girls geschaut habe und in einer Folge kam so ein Festival vor.“ 

Netzwerken

Eine weitere Möglichkeit, um neue Kontakte zu knüpfen und sich auszutauschen ist die Musikbörse in Lana. Organisiert vom Jugendzentrum JUX kamen am vergangenen Wochenende Festivalorganisatoren, Musiker, Manager und Produzenten aus ganz Südtirol zusammen. Instrumentenbauer stellten vor Ort aus, bekannte und neue Bands, sowie Djs traten auf. Christian Kofler, Jugendarbeiter beim JUX sagt, der Ansturm werde jedes Jahr größer. Die Musikexperten hörten sich die verschiedenen Auftritte an, die eine oder andere Band bleibt vielleicht in Erinnerung. Ein Netzwerk der gesamten Musikszene, bei dem Newcomer eine gute Chance haben, entdeckt zu werden.

Von der Musik leben können bis zum Schluss nur Wenige. Es werde immer schwieriger, weil es zu viele gute Künstler gebe, sagt Werner Costabiei. „Ich würde sagen etwa 90 Prozent betreiben es hobbymäßig, wobei darunter auch viele professionelle Musiker sind, und nur zehn Prozent leben vom Musikmachen." Die wichtigsten Schritte um erfolgreich zu werden, haben die Musikexperten verraten. Jetzt heißt es Eigeninitiative ergreifen, weiß Costabiei: „Ich rate Newcomern, sie sollen beinhart ihre Schiene verfolgen, auch wenn sie zwei bis drei Jahre keine großen Erfolge haben. Wenn sie eigene Songs schreiben, etwas machen, was neu ist und es gut umsetzen, können sie es durchaus schaffen."

Einige der vielen Musiker aus Südtirol, manche haben es schon geschafft, andere arbeiten arbeiten noch daran, stellt BARFUSS in den nächsten Tagen in einer Serie vor.

Petra Schwienbacher

mag große Hunde, ihre rote Rostlaube und Mamas Lasagne. Sie ist laut ihren Freunden immer lustig und labert gerne Blödsinn. Beim Schreiben kann sie aber auch ernst bleiben.
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