Anzeige

Mein zweites Leben

Die unglaubliche Geschichte eines Vinschgers, der an einer Erbkrankheit leidet, später mit HIV infiziert wird und überdies vollständig erblindet.

reschenseelauf_-_markus_-_emil_3.jpg

Markus Telser und sein Begleiter Emil beim Reschenseelauf.

Bild: Christine Losso
„Es ist mir wichtig, anderen Menschen, und insbesondere jenen, die ebenso vom Schicksal hart gebeutelt wurden, Mut zu machen und ihnen zu zeigen, dass es stets einen Ausweg gibt”, sagt Markus Telser. „Ich bin das lebende Beispiel dafür.“ Telser, gebürtig aus Schluderns im Obervinschgau, ist Bluter, HIV-infiziert und blind. Nach vielen Rückschlägen hat er ein zweites Leben begonnen.
 
Diagnose Bluter
 
Markus Telser wurde 1966 als jüngstes von vier Kindern geboren. Der Vater ist Tischlermeister, die Mutter Hausfrau. Schon bald stellte sich heraus, dass der Junge mit der Erbkrankheit Hämophilie A belastet ist, die im Volksmund auch als Bluterkrankheit bekannt ist. Bei jeglicher Verletzung, die sich Telser zuzieht, muss ihm ein überlebenswichtiges Medikament gespritzt werden. Zumal die Arznei damals nicht einfach in der Apotheke erhältlich war, brachte ihn sein Onkel jedes Mal in die Universitätsklinik nach Innsbruck, weil der Vater damals noch kein eigenes Auto besaß. „In der Kinderambulanz war ich bald schon bekannt wie ein bunter Hund, auch weil ich zu den wenigen Patienten zählte, die sehr oft gleich mehrere Tage dort zubringen mussten”, erzählt Telser heute.
 
Der Junge meisterte trotzdem seinen Alltag, erlernte später einen Beruf, heiratete und wurde selbst Vater einer kleinen Tochter. Dann der Schock: Durch ein infiziertes Blutplasma wird er mit HIV infiziert. Ein psychischer und körperlicher Leidensweg begann. „Das hat mich zutiefst getroffen, mehr noch als die eigentliche Bluterkrankheit selbst“, sagt der Vinschger. Doch damit nicht genug: Wenig später erblindete er innerhalb von nur 14 Tagen vollständig. Dieses neue Leben, das Markus von nun an erwartete, hätte er sich in seinen kühnsten Albträumen nicht vorstellen können. Und niemandem wäre es gelungen, es ihm im Voraus zu beschreiben. „Darüber bin ich froh“, resümiert er heute. Denn hätte er gewusst, was auf ihn zukommen würde, hätte er seinem kläglichen Dasein damals wohl noch am selben Tag ein Ende gesetzt. Davon ist er felsenfest überzeugt. Doch so „unwissend“ wie er war, keimte trotz allem noch ein Fünkchen Hoffnung in Markus. Von seinem ganz persönlichen Kalvarienberg, der Scheidung von seiner ersten Frau, seiner Flucht in den Alkohol, seinem Selbstmordversuch und immer wieder von seinen Hoffnungsschimmern, die am Horizont erschienen, erzählt Markus Telser im Buch „Wahnsinn: Leben“, das jetzt erschienen ist. 
 
Heute sei er sehr froh darüber, dass alles so gekommen sei, wie es gekommen ist. Er habe die Chance gehabt, die weitaus größeren Zusammenhänge zu begreifen. Und noch viel mehr. Es sei ihm gelungen, trotz allem, ein zufriedener und in vielen Momenten sogar glücklicher Mensch zu werden. Wenngleich nun auch unter völlig anderen Voraussetzungen. 
 
Das Buch „Wahnsinn: Leben“, das Telser in Zusammenarbeit mit Christine Losso verfasst hat, ist im Athesia Spectrum Verlag erschienen und wird am 18. September um 20 Uhr in der Lichtenburg Nals der Öffentlichkeit vorgestellt. 

Christine Losso

Journalistin und Autorin, ehemalige Redakteurin der Südtiroler Tageszeitung.
Anzeige
Anzeige

Hinterlasse einen Kommentar

Mehr Artikel

 | 
Generation "lost"

Alles von vorne

Den Bachelor in internationalem Recht hat Mohannad in Damaskus abgeschlossen – vor dem Krieg, vor der Flucht. Kann ein Neustart in Deutschland gelingen?
0    
Gastbeitrag von Elide Mussner Pizzinini

Ein Flügelschlag entfernt

Die Corona-Krise hat zu einem lokalen Tunnelblick, beschränkt auf Nation und Region, geführt. Es ist Zeit, dass wir wieder über den Tellerrand hinausschauen.
0    
 | 
Isch Gleich

Warum Frauen anders krank sind

Welche Wirkung hat das Gendern? Und wie macht man es richtig? Die Linguistin Karoline Irschara erforscht den Einfluss des Sprachgebrauchs auf unsere Wahrnehmung.
0    
 | 
Interview mit Maddalena Fingerle

„Ex oder Walscher?“

Die Autorin Maddalena Fingerle erhielt für „Lingua Madre“ den renommierten Italo Calvino-Preis. Der Roman entblößt die Zweideutigkeit und Heuchelei von Sprache.
0    
Max von Milland feat. LaBrassBanda

Über’n Berg

Für seinen neuen Song „Über’n Berg“ holte sich Liedermacher Max von Milland musikalische Unterstützung von der Chiemgauer Blasmusikgruppe „LaBrassBanda“.
Anzeige
Anzeige